Wasserburger Sängerin Vera Klima zur Kultur-Soforthilfe: „Ich fühle mich komplett verarscht“

„Die Kunst ist unserer Politik gar nichts wert“, sagt Vera Klima, die im achten Monat schwanger ist. Klima

Vera Klima, 1985 in Rosenheim geboren, ist selbstständige Musikerin. Die Sängerin und Songwriterin lebt in Wasserburg und ist im achten Monat schwanger. In einem offenen Brief erzählt sie ihre persönliche Geschichte zur Corona-Krise und übt scharfe Kritik an der Politik. Die finanzielle Unterstützung für Künstler und Kulturschaffende sei bei weitem nicht ausreichend.

Wasserburg – „Nachdem ich in letzter Zeit so oft mit dem Satz ’Für Künstler wird doch so viel getan‘ konfrontiert war, ist mir einfach der Kragen geplatzt“, schreibt Vera Klima – und blickt zurück:

13. März 2020: An diesem Tag wird für mich das erste mal ein Auftritt aufgrund Corona gecancelt. Es ist ein ausverkauftes kleines Konzert in meiner Heimatstadt. Wenig später heißt es Lockdown. Die Maßnahmen erscheinen mir absolut vernünftig, ich habe vollstes Verständnis, auch wenn ich aufgrund der laufend eintrudelnden Auftrittsabsagen sehr besorgt bin. Mein Freund ist auch Musiker. Unser Einkommen reduziert sich binnen weniger Tage von 100 auf 25 Prozent. Ich höre wiederholt den Satz „Wir lassen niemanden alleine“ in der Politik. Das beruhigt mich ein bisschen – und auch das Baby in meinem Bauch.

Vollstes Verständnis für die Maßnahmen

23. März 2020: Juhu, es gibt eine Hilfe für Selbstständige. Die Soforthilfe. Ich beantrage sie – erst mal für die mir bis dahin „belegbaren“ abgesagten Auftritte. 2800 Euro insgesamt. Zwei Wochen später landet die Soforthilfe auf meinem Konto. Wow, das ging schnell. Wieder zwei Wochen später stellt sich heraus, dass ich dieses Geld nur für „Betriebskosten“ einsetzen darf.

Der Rest soll zurückgefordert werden, Androhung von bis zu fünf Jahren Haft bei falschen Angaben. Ich schlucke. Betriebskosten? Ich habe nur minimale Betriebskosten. De Kosten, die ich von meinen Einnahmen deckeln muss, sind zum Großteil privat: Miete, Essen und – ach ja – in dieser Zeit ist es auch eine Baby-Erstausstattung. Wahnsinn was sowas kostet. Aber es hilft ja nix. Ich rechne. Dann dürfte ich von den 2800 Euro um die 600 Euro behalten, meine „Betriebskosten“ für drei Monate. Mein Konto explodiert indes in roten Zahlen. Es wird einfach immer weniger.

„Mein Konto explodiert in roten Zahlen“

16. April 2020: Selbstständigen wird der Antrag auf Grundsicherung erleichtert. Ich schau mir das mal genauer an. Puh, 60 Seiten Text, 113 Nachweisdokumente werden gefordert. Die Vermögensprüfung ist ausgesetzt, allerdings nur bis Juni. Ab da geht es an die Rücklagen und Altersvorsorge. Mir das antun für einen Monat Grundsicherung? Nein danke. Außerdem: Ich bin doch gar nicht arbeitslos? Ich habe Berufsverbot. Ich denke mir: Das kann nicht alles gewesen sein, da kommt schon noch was. Warte einfach ab. In den Medien wird von den Politikern immer wieder betont, wie wichtig die Kultur ist.

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29. April 2020: Kulturstaatsministerin Grütters kündigt „Ausfallhonorare“ für Künstler an. Gottseidank. Ich lese mich ein. Echt jetzt? Diese gelten nur für Veranstaltungen der vom Bund geförderten Einrichtungen? Schön für die Bayreuther Festspiele, aber in unserem Zwei-Musiker-Haushalt trifft das auf kein einziges Engagement im Jahr 2020 zu. In meiner Schwangerschaft treten erste Komplikationen auf. Ich soll jetzt viel liegen. Meine Frauenärztin fragt mich, ob ich viel Stress hätte zur Zeit. „Geht so“, antworte ich.

20. April 2020: Ministerpräsident Markus Söder kündigt eine Hilfe für Künstler an, mit welcher man private Kosten bestreiten darf. Endlich. 1000 Euro monatlich, für drei Monate. Immerhin. Zu diesem Zeitpunkt ist klar, dass wir nicht drei Monate, auch nicht fünf Monate, nein – so wie es aussieht – das ganze Jahr arbeitslos sein werden. Es dauert vier Wochen bis die Anträge online sind. Wir schauen jeden Tag nach. Gestern ist es dann soweit. Die erste Frage, die ich anklicken muss ist: „Haben sie bereits Soforthilfe beantragt“? Ich klicke ja. Dann erscheint die Meldung, dass ich aufgrund dessen nicht mehr berechtigt bin für diese Hilfe. Alles klar, Miete und Essen – überschätzt.

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Ab Mitte Juni bin ich in Mutterschutz. Ich bekomme Mutterschaftsgeld. Wie sich das berechnet? Anhand meines Einkommens in den zwölf Monaten vor der Geburt. Was? Aber ich habe doch von Mitte März bis Mitte Juni gar nichts mehr verdient? Ob man bitte einfach das Jahr 2019 als Berechnungsgrundlage nehmen könne? Ich rufe mich durch sämtliche Stellen. Die Antwort: Dafür müsse man ein Gesetz ändern. Ich schreibe drei E-Mails an Familienministerin Giffey. Keine Antwort.

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„Wir lassen niemanden alleine“, hieß es. Doch. Obwohl – Ich fühle mich nicht allein gelassen. Ich fühle mich einfach nur komplett verarscht. Seit über 13 Jahren arbeite ich hart als selbstständige Künstlerin, versuche mir etwas aufzubauen, anzusparen, zahle pünktlich meine Steuern. Dass jetzt die vierte Hilfe für Solo-Selbstständige einfach nur heiße Luft ist, macht mich unglaublich wütend und zeigt mir, was Kunst für unsere Politik wirklich wert ist: Nichts!

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PS: Ich will hiermit deutlich klarstellen, dass dies kein Spendenaufruf ist. Ich möchte nicht betteln und stehe auch nicht mit einem Bein auf der Straße. Ich weise lediglich darauf hin, dass nahezu alle meine Kollegen seit März gezwungen sind, von ihren Ersparnissen zu leben. Nach dem oben geschilderten Verlauf drängt sich doch der Verdacht auf, dass die Künstlerhilfen nichts anderes sind als mediale Effekthascherei seitens der Staatsregierung. Es ist ja auch in anderen Bereichen nicht so schwer, schnell und effektive Hilfe zu leisten, die bei den Betroffenen auch ankommt.

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