Lockdown „light“ trifft ganz schön hart

Wasserburger Künstler über ihre Situation in der Corona-Krise: „Es ist ein Berufsverbot“

Andrea Merlau
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Andrea Merlau
  • vonRegine Falk
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  • Petra Maier
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Zwei Wasserburger Künstler sprechen über ihre Erfahrungen in Corona-Zeiten – die Sängerin und Musiktherapeutin Andrea Merlau und der Klavierlehrer, Komponist und Chorleiter Christopher Rakau.

Wasserburg – Es ist offiziell: der Lockdown „light“ kommt. Besonders hart trifft es neben den Restaurantbesitzern auch Kunst- und Kulturschaffende. Museen müssen wieder schließen. Es gibt keine Konzerte, keine Veranstaltungen. Gleichzeitig wird in jeder Corona-Krisensitzung erneut versprochen, Kunst und Kultur in diesen Zeiten besonders zu unterstützen.

Die Sängerin und Musiktherapeutin Andrea Merlau und der Klavierlehrer, Komponist und Chorleiter Christopher Rakau berichten, wie sie sich durch diese schweren Zeiten schlagen.

„Der neue Beschluss“, erklärt Rakau, „Hat kaum Auswirkungen. Im praktischen Sinne waren Konzerte vorher auch nicht möglich.“ Die geltenden Hygieneregeln und Besucher-Beschränkungen hätten es unmöglich gemacht. Statt einem Beinahe-Berufsverbot sei es halt nun ein Wirkliches.

Es hilft, breit aufgestellt zu sein

Immerhin habe er mehrer Standbeine. „Weil ich als Künstler breit aufgestellt bin, geht es gut in der jetzigen Situation“, erklärt er. Rakau ist nicht nur als Musiklehrer am Gymnasium angestellt, sondern arbeitet auch als Solo-Pianist, als Dirigent, Chorleiter, Komponist und Musikpädagoge. „Ich mache zudem Einspielungen für Tonaufnahmen. Wenn ich nur von Konzerten leben würde, wäre es sehr schwer.“ Andrea Merlau sieht es ähnlich. Sie hat sich aus der Krise heraus weiter entwickelt. „Ich habe mein Spektrum erweitert, mehr in Richtung Heilung und Therapie zu gehen. Sonst würde ich gar nicht zurechtkommen! Ich würde eine Handvoll Schüler bekommen. Davon kann man nicht leben“, weiß sie. Während des Lockdowns im März sei ihre Situation zunächst perspektivlos gewesen: „Es ging nichts. Ich habe Sofort-Hilfen erhalten, vom Land und vom Bund, da ich ein Gewerbe angemeldet habe (Praxis für Musiktherapie und Studio für Gesang). Die beiden Hilfen wurden miteinander verrechnet. Mir blieben etwa 9 000 Euro. Von der Hälfte habe ich die Kosten beglichen, die im Zusammenhang mit der abgesagten Operngala (geplant für den 17. März) entstanden sind – Ausfallgagen und Werbung etwa.“

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Christopher Rakau hat selbst keine Soforthilfe beantragt. „Ich habe darüber nachgedacht, es aber verworfen. Viele meiner Künstlerkollegen mussten das Geld später zurückzahlen, da es nur für Betriebsausgaben verwendet werden darf. Im Moment ist wohl eine Neuerung in Planung. In der Schweiz läuft das ja anders: Sie zahlt 80% aller ausgefallenen Gagen“, berichtet er. Die neue 75 %- Regel finde er auf den ersten Blick löblich. „Aber wenn man genauer hinsieht, funktioniert das nicht.“ Eine Person, die sich erst vor Kurzem selbstständig gemacht habe, könne zum Beispiel keinen Umsatz aus dem Vorjahr vorweisen.

Rakau will deshalb zukünftig andere Künstler unterstützen: „Während der „ersten Welle“ habe ich die Kulturinstitution „KuRa“ gegründet („Kultur Rakau“ – eine „Organisation zur Förderung der Kultur“ Anmerkung der Redaktion). Diese Idee hatte ich schon länger. „KuRa“ setzt sich sozial-aktiv für Künstler ein und wird Stipendiengeber sein für musikalisch begabte Schüler, die einen Unterricht nicht bezahlen können.

Ratlos, wie es finanziell gehen soll

Ich habe bis letzte Woche auf die Anerkennung auf Gemeinnützigkeit durch das Finanzamt gewartet. Deswegen funktioniert „KuRa“ im Moment nur bedingt. Im vierten Schritt soll „KuRa“ als Kulturstiftung aktiv werden. Sie wird für leistungsgerechte Bezahlung von Musikern stehen.“

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Christopher Rakau

Über die Zukunft nach dem Lockdown „light“ machen sich beide Sorgen. „Für eine darstellende Künstlerin ist das natürlich katastrophal, weil die Konzerte wegbrechen“, erklärt Merlau. „.Hier wird man in eine neue Richtung gehen müssen. Als Musiklehrerin bleiben nur die Menschen, die sich trauen.

Dieses Jahr komme ich knapp mit Kredit und ‚Rumschieberei‘ über die Runden. Für 2021 bin ich ratlos, wie es finanziell weitergehen soll.“

Rakau ergänzt: „Wenn man als Musiker weg ist vom Markt, ist es schwierig, sich neu zu etablieren. Wichtig ist es, in dieser Situation die Präsenz zu behalten.“ Aber das sei natürlich nicht ganz einfach.

So sieht die Hilfe für Künstler aus

Die Corona-Soforthilfe für Künstler nahm kaum jemand in Anspruch: Statt erwarteten 60 000 gab es nur 10 000 Anträge. Nun verspricht Ministerpräsident Markus Söder Verbesserungen und Unterstützung – „bis die Pandemie vorbei ist“. Das Kultur-Hilfspaket soll ab 2021 unter anderem 5 000 Stipendien für junge Künstlerinnen und Künstler zu je 5 000 Euro umfassen. Außerdem sollen Solo-Selbstständige ab Oktober 2020 eine Finanzhilfe von bis zu 1180 Euro monatlich bekommen, verkündete der Ministerpräsident am Dienstag auf einer Pressekonferenz und weiter: „Etwas, was nicht funktioniert, muss man verbessern“, so Söder. „Das tun wir. Darum machen wir einen Neustart, den haben wir mit der Kunstszene besprochen und vereinbart.“ Zudem hat die Bundesregierung angekündet, dass alle Unternehmen, die während des Lockdowns im November ihrer Arbeit nicht nachgehen können, finanzielle Unterstützung erhalten. Nach derzeitigem Stand ist hierfür bei kleineren Unternehmen eine Kompensation von bis zu 75 Prozent des Umsatzes geplant. Die Unterstützung errechnet sich aus dem Vergleichsmonat im Vorjahr, also aus dem Umsatz im November 2019. Insgesamt soll sich diese Finanzhilfe auf eine Summe von bis zu zehn Millionen Euro belaufen.

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