Wasserburger Hofstatt auf dem Weg zur Fußgängerzone?

Die Grafik zeigt die 3,5 Varianten, die jetzt beleuchtet werden. OVB/Klinger
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Die Grafik zeigt die 3,5 Varianten, die jetzt beleuchtet werden.
  • Heike Duczek
    vonHeike Duczek
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Wird es doch noch was mit einer Fußgängerzone in der Hofstatt, nur mit Einfahrtsmöglichkeit für Anlieger? Diese und weitere Varianten der Verkehrsberuhigung werden jetzt geprüft, hat der Bauausschuss in seiner Sondersitzung beschlossen. Doch es gibt noch viele Hindernisse.

Wasserburg – Es geht also weiter im Bemühen um eine möglichst autofreie Altstadt. Verwaltung und Stadträte geben Gas – auch weil sie verhindern wollen, dass das Thema, so warnte Bürgermeister Michael Kölbl (SPD), in der ohnehin aufgeheizten kommunalpolitischen Stimmung zum „Wahlkampfschlager“ wird.

Das Interesse der Bürger an der Thematik ist groß. Die Sondersitzung des Bauausschusses, verlegt von der kleinen Ratsstube in den großen Sitzungssaal, war gut besucht. An der Diskussion konnten sich jedoch aus rechtlichen Gründen nur die Ausschussmitglieder beteiligen. Sie ackerten sich durch 21 Stellungnahmen von Bürgern und Interessensgruppen. Die Chance, sich erneut zu beteiligen, war, wie berichtet, nach der Junisitzung des Stadtrates eingeräumt worden. Damals war ein Lösungsversuch – Pflock in der Schustergasse mit Aufhebung der Einbahnstraße in der Färber- und Herrengasse – gekippt. Stadträte, Bürgerinitiativen und Interessengruppen durften noch einmal Vorschläge einreichen, die vom Verkehrsplanungsbüro bewertet wurden.

Samstags nur gefühlt mehr Verkehr

Vor der Vorstellung dieser Ergebnisse gab es jedoch eine Überraschung: Die Verkehrsbelastung in der Altstadt ist – objektiv betrachtet aufgrund einer weiteren Zählung – auch samstags nicht so stark wie vermutet. Im Mai war festgestellt worden, dass an einem Werktag 970 Fahrzeuge die Hofstatt, 830 die Färbergasse und 1420 die Salzenderzeile befahren. Zwischenzeitlich wurde, wie gewünscht, noch einmal gezählt – an einem Samstag. Die Zahlen: ähnlich. 908 Kraftfahrzeuge in 24 Stunden in der Hofstatt, 781 in der Färbergasse, 1448 in der Salzenderzeile. Für den Samstag muss also, so betonte Experte Ulrich Glöckl vom Planungsbüro Schlothauer & Wauer, keine Extra-Lösung entwickelt werden. Warum samstags gefühlt, aber nicht wirklich mehr Verkehr ist, dafür hatte er eine Erklärung: Die Marktstände in der Hofstatt beengen den Platz, Fußgänger und Autofahrer kommen sich näher, was als störend empfunden wird.

Verkehrsbelastung gezählt: eigentlich „ganz geringe Werte“

Eigentlich zeigt die Belastung in der Altstadt „ganz geringe Werte“, so Glöckl. In einer Stunde fahren in Spitzenzeiten etwa 80 Kfz hindurch. Zum Vergleich: In einem Wohngebiet dürfen es bis zu 150 pro Stunde sein, dann gilt es nach wie vor als ruhig. Doch der Experte räumte ein, dass auch 80 Fahrzeuge in der Stunde belastend sein können – in engen Gassen, in denen der Autolärm eher hallt und das Kopfsteinpflaster den Lärm erhöht.

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Trotzdem: Alles halb so wild? Besteht überhaupt Handlungsbedarf? CSU-Vorsitzender Wolfgang Schmid sah diesen in einer ersten Stellungnahme für den Kern der Altstadt nicht gegeben. „Alles gut, so wie es ist“, lautete seine Meinung – eine Ansicht, die bekanntlich auch viele Mitglieder des Wirtschaftsförderungsverbandes (WFV) teilen, die nicht davon ausgehen, dass es überhaupt ein Verkehrsproblem in der Altstadt gibt. Der Bauausschuss will trotzdem eine Beruhigung versuchen – und der Stadtrat geht mit drei Lösungsvorschlägen dazu in Klausur, bevor er dann – Ende März/Anfang April – endgültig entscheiden will.

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Die CSU geht diesen Weg trotz ihrer grundsätzlichen Überzeugung, dass kaum Handlungsbedarf besteht, mit. Denn der Bürgermeister formulierte den Beschluss im Bauausschuss ergebnisoffen: Der Stadtrat werde nach seiner Klausur darüber entscheiden, ob es einen Verkehrsversuch zur Verkehrsberuhigung geben werde – und wenn ja, in welcher Form.

Zur Begutachtung stehen jetzt drei Lösungsansätze an, die Verkehrsplanerin Sibel Aydoglu zusammenfasste: • eine Fußgängerzone in der Hofstatt mit Verkehrsführung stadteinwärts über die Gerblgasse, der Pfosten in der Schustergasse mit Aufhebung der Einbahnstraße in der Färber- und Herrengasse (wie im Juni angestrebt und dann vom Stadtrat zurückgestellt). • Jetzt auf Anregung von Christian Stadler, Fraktionsvorsitzender der Grünen, mit zur besseren Orientierung aufgezeichnetem Wendebereich in der Färber- und Schustergasse. • Die dritte Lösung: eine gesperrte Einfahrt in die Hofstatt, freie Zufahrt nur für Anlieger, mit der Option einer zeitlichen Begrenzung der Sperrung nur am Wochenende, möglicherweise kombiniert mit einer beidseitigen Freigabe der Herrengasse.

Altstadtring und Tempo-20-Zone vom Tisch

Vom Tisch sind ein Altstadtring mit Einbahnregelung. Das würde Umwege produzieren, der Verkehr würde sich verlagern. Ebenso verworfen: der Vorschlag, die ganze Altstadt in eine Tempo-20-Zone zu verwandeln. Das ist rechtlich nur möglich, wenn hier die Aufenthaltsqualität, nicht die Mobilität im Fokus stehen würde. Kritisch sehen die Verkehrsexperten auch eine Verkürzung der Parkzeiten in der Färber- und Herrengasse, ebenfalls ein Vorschlag aus Reihen der Bürger. Das würde dazu führen, dass mehr Autos ein- und abfahren würden, also die Frequenz sogar erhöhen, warnte Sibel Aydoglu.

CSU-Ausschussmitglied Schmid ist generell der Meinung, dass das Wasserburger Parkprinzip in der Altstadt richtig ist: „Weiter gehen oder mehr zahlen.“ Je weiter weg vom Kern die Autofahrer parken würden, umso billiger werde es. Das mache auch weiterhin Sinn.

Kein Lösungsansatz ohne Haken

Deutlich wurde auch: Anlieger frei: Das klappt in der Hofstatt nur, wenn die Polizei kontrolliert und auch sanktioniert. Doch eine solche Lösung ist einen Versuch wert, waren sich alle einig. Der Chef der Polizeiinspektion Wasserburg, Markus Steinmaßl, signalisierte die Unterstützung. Die Pfostenlösung in der Schustergasse hat außerdem einen großen Knackpunkt, der, so kritisierte Friederike Kayser-Büker (SPD), beim Beschluss, es zu versuchen, noch nicht bekannt gewesen war: das Wenden. Die Herren- und Färbergasse würde bei diesem Konzept zu Stichstraßen. Die Autofahrer müssten umkehren, beim Rückwärtsfahren könnten sie Fußgänger gefährden, warnt auch die Polizei. CSU-Fraktionsmitglied Andreas Ass berichtete von einem Selbstversuch. Er habe es nicht geschafft zu wenden, ohne den Pkw dabei in den Fußgängerbereich zu steuern. Doch auch der Vorschlag einer Fußgängerzone in der Hofstatt mit Sperrung für den Kfz-Verkehr hat einen Haken: Dieser müsste stadteinwärts durch die enge Gerblgasse geführt werden.

Verkehrsführung so kompliziert machen

Die Diskussion zeigte deutlich: Eine Verkehrsberuhigung ist – egal, welche Lösung kommt – eine Maßnahme auf Probe. Und diese kann auch ein Abenteuer sein, so Glöckl. Vielleicht lohnt sich der Ärger jedoch – wenn sich herumgesprochen hat, dass das Autofahren in der Altstadt beschwerlich, also unattraktiv geworden ist, zeigte sich Peter Stenger (SPD) überzeugt.

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