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WETTERKUNDE AUS PASSION

Wasserburger Hobby-Meteorologe Christian Flemisch: Auch im Sommer schneit es

Wolken und Wind sind sein Ding: Christian Flemisch, Hobby-Meteorologe. Unser Bild zeigt ihn mit einer Wetterstation.
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Wolken und Wind sind sein Ding: Christian Flemisch, Hobby-Meteorologe. Unser Bild zeigt ihn mit einer Wetterstation.
  • Andrea Klemm
    VonAndrea Klemm
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Einfach mal kurz übers Wetter reden, das kann man mit Christian Flemisch nicht. Der Stadtrat (ÖDP) ist leidenschaftlicher Hobby-Meteorologe. Er erklärt, dass es auch im Sommer schneit. Wer wissen will, wie das gehen soll, kann hier in die Wetterkunde eintauchen.

Wasserburg – Wenn Christian Flemisch in den Himmel schaut, weiß er, ob er einen Regenschirm braucht, oder sich ein Ausflug in die Berge lohnt. Im Gespräch mit der Wasserburger Zeitung sagt der studierte Physiker und Mathematiker, warum Gott und Naturwissenschaften gut zusammen passen, warum der Klimawandel ein viel größeres Problem als Corona ist – und wie man mit einem alten Mittelwellenradio Gewitter in der Nähe ausmachen kann.

Aus dieser schönen Aufnahme (Februar 2021) von Wasserburg liest Christian Flemisch heraus: „Die mittelhohen Haufenwolken sind in einer Art Walze angeordnet. Dabei befindet sich ein Aufwindbereich unterhalb dieses Wolkenbandes. Es handelt sich um das Rückseitenwetter einer Kaltfront. Das bedeutet: Eine Kaltfront ist vor paar Stunden durchgezogen und Schauer bildeten sich im Nachhinein. So sieht man im Norden über den Innleiten eine verwaschene Struktur, die auf einen Schauer hindeutet. Dort fällt Niederschlag.

Körper zog die Notbremse

Flemisch war bis 2011 Lehrer für Mathe und Physik an Gymnasien in München und Umland. Zu viel Stress, ausufernde Überstunden und keine Aussicht auf ein Teilzeitmodell – da zog sein Körper die Notbremse. Wegen einer schweren Erkrankung schied er aus dem Schuldienst aus und ist Frühpensionist.

Zeit, die Beine hochzulegen, hat der wache Geist nicht. Er gibt täglich ab 13 Uhr bis in die Abendstunden freiberuflich Nachhilfe – via Zoom, Telefon oder direkt vor Ort. Es sind Schüler, die für eine Schulaufgabe pauken, Abschluss-Schüler oder Studenten in der Prüfungsvorbereitung, die Unterstützung bei ihm suchen, weil sie in den Fächern Physik, Mathe oder Informatik noch Lücken haben oder sich unsicher fühlen.

Wettervorhersage selbst gemacht

„Durch Corona fällt mir auf, dass Schüler es heute gar nicht gewohnt sind, sich selbstständig daheim ein Thema zu erarbeiten, da schlagen etliche bei mir auf“, so der 49-Jährige.

Dichte Bewölkung mit Haufenwolken, in der Mitte eine aufgerissene Schichtwolke. Aus dem Foto vom Badria-Kreisel liest Christian Flemisch heraus, dass Schauer folgen werden. Aber nicht sofort, weil die Haufenwolken erst noch an Höhe erreichen müssen.

Als Dozent für Vorträge ist er gefragt – auch in seiner Lieblingsdisziplin Meteorologie, der Physik der Atmosphäre. Zum Beispiel bei der VHS, wo er am 17. Mai (19 Uhr) über Gewitter im südbayerischen Raum spricht oder ab 8. Juni (18.30) einen Workshop zum Thema „Wettervorhersage selbst gemacht“.

Meteorologe oder Lehrer?

Warum er das Hobby nicht zum Beruf gemacht hat? Vor dem Studium stand er vor der Wahl: Meteorologe oder Lehrer. „Die Aussicht, als Meteorologe in Heimatnähe einen Job zu finden, war gering, die Stellen sind ohnehin begrenzt.“ Er sei ein sehr heimatverbundener Mensch und habe die Region nicht verlassen wollen. Doch das Lehramt lag ihm nicht so sehr.

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„Als Lehrer machst du immer dasselbe. Das befriedigte mich nicht. Ich wollte weiter forschen – das stellte sich dann erst während der Berufsjahre heraus“, erzählt er. Noch einmal an die Uni zu gehen und den Master in Meteorologie zu erreichen, hat er sich fest vorgenommen – und ein Youtube-Kanal schwebt ihm vor. Dass er damit jemals Geld verdienen könnte, glaubt er nicht.

Mittelwellenradio spürt Blitze auf

„Ich bin nicht blauäugig, das wird letztendlich ein Hobby bleiben. Es gibt so viele interessante Sachen zu tun – das Leben ist einfach zu kurz“, sagt er lachend.

Weil am G8 der Stoff so komprimiert ist, dass im Physikunterricht nicht mehr auf die Wetterkunde eingegangen wird, bedauert er. „Schade, denn so verliert man auch den Bezug zur Natur. Wetter umgibt uns tagtäglich und wir leben mit ihm.“

Nur eine Wetter-App zu konsultieren, befriedigt ihn nicht. Er schaut in den Himmel, beobachtet die Wolken, misst den Wind und etwa die Temperatur. Auf einem Stativ hat er eine Wetterstation befestigt. Die Löffel, die sich drehen, gehören zu einem Windstärkemesser (Anemometer). Dazu kann man den Niederschlag und neben der Temperatur auch die Lichtstärke bestimmen.

Dramatische Stimmung über der Innfront. Zu sehen sind Cumulus mediocris, also mittelhohe Haufenwolken. „Hier befinden wir uns hinter einer Kaltfront. Zu erkennen ist das, weil rechts oben der Schirm einer Schauer- oder Gewitterwolke zu sehen ist und an dem dunkelblauen Himmel. Es werden im Umkreis mehrere Schauerzellen vorhanden sein“, sagt Christian Flemisch zu dem Bild, das von Mai 2019 stammt.

Grundverständnis in Physik gefragt

Mit einem älteren Radiogerät, das auf Mittelwelle läuft, ist man in der Lage, in der näheren Umgebung Blitzentladungen festzustellen und damit Gewitter aufzuspüren. „Auf den Bereich, wo kein Sender ist, einstellen. Das Radio rauscht und wenn es blitzt, dann kracht und knackt es.“

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Um anhand des Wolkenbildes vorauszusagen, ob man trockenen Fußes heimkommt, dazu braucht es physikalisches Grundverständnis, wenn man Cumulus, Stratus und Cirrus deuten will. Das sind verschiedene Wolkenformen, die in unterschiedlichen Höhen vorkommen.

Wolken sind lebensnotwendig

Wolken sind lebensnotwendig für alle Lebewesen, denn sie regeln den weltweiten Wasserhaushalt. Sie speichern verdunstetes Wasser aus Flüssen, Seen und Weltmeeren, tragen es weiter und verteilen es als Regen schließlich wieder auf der ganzen Welt.

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Wer segelt, oder gern Bergtouren macht, sollte das Wetter lesen können, sagt Flemisch. „Achten Sie drauf ob bis Mittag flocken- oder zinnenförmige mittelhohe Wolken in Grüppchen auftreten. Dann ist die Luftschichtung labil. Die Warmluft kann weit aufsteigen. Die Gewitter- und Schauerwahrscheinlichkeit für Nachmittag und Abend steigen.“

In Wasserburg biete sich der Inn an, um Wetterbeobachtungen zu machen. Im Herbst sei es hier nebliger und aus Bodennebel entstehe Hochnebel. Im Flussbereich sei es feuchter, in der Luft darüber ist mehr Wasserdampf.

„Ein Regenbogen am Abend kündigt zumindest vorübergehend Wetterbesserung an, weil die Sonne im Westen die Möglichkeit hat, die Regenwand zu beleuchten, so dass im Westen die Bewölkung aufgelockert ist. Der Regen wird also bald aufhören. Ein Regenbogen am Morgen kündigt Schlechtwetter an, weil die Sonne die Regenwand im Westen beleuchtet und aus Westen meist der Regen kommt“, sagt Christian Flemisch.

Ein Windrad für den Aussichtsturm

Wenn es regnet und Westwind herrscht, lässt sich an der Innleite „Hebungskondensation“ entdecken. Die Luft ist gesättigt mit Wasserdampf. An der Steilwand wird die Luft nach oben angehoben. 70 Meter Höhenunterschied reichen aus, dass mit zunehmender Höhe die Luft kälter wird und es bilden sich oben kleine Wolken oder Nebelschwaden.

Ähnlich wie am Chiemsee kann man im Sommer bei kompletter Windstille auch einen „Seewind“-Effekt erleben. Wenn die Sonne hoch steht und die Stadt erhitzt, ist die Luft darüber warm und steigt auf. Über dem Inn ist die Luft kühler – sie strömt zur Stadt hin.

Todeszonen werden zunehmen

Wenn es stürme sei die Altstadt selten betroffen, weil sie geschützt in einem Kessel liege. Um das Wetter zu beobachten sei in Wasserburg der Aussichtsturm geeignet. Dort stellte er schon als Bub fest, dass es am Turm schneite, während es „unten in der Stadt regnete. Hier wäre auch ein guter Platz für ein Windrad.“ Das sagt er augenzwinkernd, weil er sich die Gegenwehr schon ausmalen kann. Irgendwo müsse er ja herkommen, der Strom, den die Menschen verbrauchen.

Er spricht den Klimawandel an, der durch Corona „hinten runter fällt“. In Deutschland wirke sich der Klimawandel nicht so stark aus, „darum nehmen viele das Thema so lässig“. Bei einer Erderwärmung um 5 Grad Celsius bis zum Jahr 2100 werden die Todeszonen weltweit zunehmen, so lauten Prognosen von Wissenschaftlern. „Dann entsteht ein globales Flüchtlingsproblem von unschätzbarem Ausmaß, weil vermutlich beispielsweise ganz Afrika nicht mehr bewohnbar sein wird“, gibt er zu Bedenken.

Die Erde hat ihre Grenzen

Ein Grund, warum er als Naturwissenschaftler der ÖDP beitrat: „Weil es so nicht mehr weitergehen kann. Die Erde hat ihre Grenzen, ihre Ressourcen sind endlich und sie antwortet uns“, so Flemisch, der etwa auch vor der 5G-Technik warnt, weil die zu viel Energie verschlinge und wiederum den Klimawandel befeuere.

Glaube und Physik vereinbar

Seine christliche Prägung stehe nicht in einem Kontrast zu den Naturwissenschaften. „Glaube und Physik sind für mich bestens vereinbar. Schon Einstein sagte, in jeder Materie steckt Energie. Dass wir das alles wahrnehmen können, dass wir Gefühle haben und die Naturgesetze so sinnvoll und in Liebe geformt sind, dass wir existieren können – diese sinnvoll geformte Energie verweist auf die unendlich große Liebe, die wir Gott nennen“, so Flemisch.

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Stichwort Schneefall im Sommer:

Die Cumulus- oder Haufenwolke quillt nach oben und hat unten einen scharfen Rand. „Wenn sie mächtig in die Höhe reicht und oben ausfranst, regnet es wahrscheinlich bald“, erklärt Christian Flemisch.

Die fransigen Bereiche sind ein Zeichen für Eiskristallbildung – dort herrscht eine Temperatur um die -10 bis -15 Grad. „Gleichzeitig koexistieren dort unterkühlte Wassertröpfchen, die verdunsten und deren Wasserdampf an die Eiskristalle andockt. Diese wachsen und werden so zu Schneeflocken.“ Während sie runter zur Erde fallen, wachsen sie weiter und fallen den Abwindbereich bildend durch die ganze Gewitterwolke durch, schmelzen dann und werden zu Regentropfen. „In unseren Breitengraden schneit es also auch im Sommer – bis 3000 Meter über dem Meeresspiegel. Und dann kommt unten der Regen an“, erklärt Flemisch den komplizierten Sachverhalt in einfachen Worten. Im Aufwindbereich eines Gewitters gelangen Tropfen teilweise wieder nach oben, frieren und fallen als Graupel auf die Erde. Wenn der Graupel wieder hochgewirbelt wird, legen sich wieder Schichten an die Eiskörner und Hagel entsteht.

Sein Tipp, wenn man in ein Gewitter gerät: Nicht neben einen Baum stellen und diesen berühren. Auf einem freien Feld flach hinlegen, sonst könnte der Blitz den höchsten Punkt, den Kopf wählen und da einschlagen. „An Nässe ist noch keiner gestorben – am Blitz eher.“ Nicht bei Gewitter im Wasser aufhalten, das Wasser leitet. Auf einem Segelboot ist der Mast ein gefährdeter Punkt. Man sollte, wenn möglich, Schutz in der Kajüte suchen.

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