Wasserburger Einzelhändler in der Coronakrise: „Wir finden einen Weg zum Kunden“

Durchs Fenster reicht Wirt Peter Fichter seine Gerichte weiter, es gibt eine kleine Speisekarte to go und für das Schnitzel zum Ausliefern. Klemm
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Durchs Fenster reicht Wirt Peter Fichter seine Gerichte weiter, es gibt eine kleine Speisekarte to go und für das Schnitzel zum Ausliefern. Klemm

„Haben Sie keine Scheu, rufen Sie uns Einzelhändler an: Wir finden einen Weg zu Ihnen“, appelliert Moritz Hasselt, Vorsitzender des Wirtschaftsförderungsverbandes Wasserburg (WFV), an die Verbraucher im Wasserburger Land, den vom WFV ins Leben gerufenen kostenlosen Lieferservice in Anspruch zu nehmen.

Von Heike Duczek und Winfried Weithofer

Wasserburg – 35 Betriebe haben sich schon auf der Seite https://wfv-wasserburg.de/ .de registrieren lassen – vom Schuhgeschäft bis zum Bohnenröster, von der Confiserie bis zum Buchgeschäft. Täglich werden es mehr. Die Botschaft an die Kunden: Die meisten Geschäfte mussten schließen, doch der Verkauf geht auch bei ihnen weiter.

Appell: Bei örtlichen Händlern bestellen

Muss er auch, besonders in diesen schwierigen Zeiten, findet Hasselt. Er hofft, dass die Bürger über das Netzwerk „Wasserburg liefert“ auf der Internetseite des WFV bei den örtlichen Einzelhändlern bestellen und nicht bei den weltweit agierenden Versandriesen. Warum über Amazon ordern, wenn es das Buch, das Paar Schuhe oder das Spiel gegen die Langeweile auch beim Wasserburger Händler gibt, so die Devise des WFV.

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Obwohl erst ein paar Handvoll Wasserburger Einzelhändler eigene Webshops besitzen, sind die meisten Läden per Homepages, Mail oder Telefon erreichbar – und liefern auch aus. Sie bringen bestellte Waren sicher an die Haustür, verspricht Hasselt. Das gilt auch für viele Gastwirte, die Essen ausliefern oder zum Abholen bereitstellen.

Nach der Krise „Konsum light“?

Hasselt als Vorsitzender des Wirtschaftsförderungsverbandes ist Inhaber eines Schmuckgeschäftes. Die Ladentür bleibt geschlossen, derzeit kümmert er sich vor allem um Reparaturen. Vormittags stehen diese Dienstleistungen und die Bestellannahme auf dem Programm, nachmittags sitzt der Chef jetzt im Auto und liefert aus.

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Natürlich haben sich die Ausgangsbeschränkungen auf die Konsumstimmung ausgewirkt, stellt Hasselt fest. In Kaufstimmung sind die wenigsten. Hasselt bleibt derzeit beispielsweise auf den vielen georderten Ketten mit Kreuzanhängern sitzen, die in dieser Zeit der Firmungen, Kommunionen und Konfirmationen – eigentlich – stark nachgefragt werden. Doch Hasselt geht davon aus, dass die kirchlichen Feiern nachgeholt werden. Und nach Ende der Ausgangsbeschränkungen und Sonderregelungen das Geschäftsleben wieder Fahrt aufnimmt – wobei: Wenn die Läden wieder öffnen, rechnet er nicht mit einem Ansturm, weil viele Kunden noch verunsichert sein werden. Hasselt geht anfangs von „Konsum light“ aus.

Begehrt: Spielzeug für die Kinder

Auch das Innkaufhaus bietet das Einkaufen über eine Bestell-Hotline an, die auf der WFV-Seite unter „Wasserburtg liefert“ nachzulesen ist. Die Inhaber Sibylle und Tobias Schuhmacher äußern sich in einer ersten Bilanz durchaus zufrieden. „Es passiert was, ich bin wirklich erstaunt, mich erreichen viele Anrufe. Das freut mich total“, sagt Sibylle Schuhmacher. Die Hotline des Kaufhauses ist von 9 bis 13 Uhr in Betrieb. Und was wird bestellt? „Spielzeug für die Kinder, Brettspiele und Puzzles.“ Im Umkreis von 20 Kilometern wird noch am selben Tag ausgeliefert. Kostenlos. „Dafür sind die Leute auch sehr dankbar“, stellt Sibylle Schuhmacher fest. Es ist die Stammkundschaft, die sich meldet. „Die kennen uns, die kennen unser Sortiment“, so die Kaufhaus-Chefin.

Natürlich will sie gerne ihren Laden bald wieder aufmachen. „Es ist eine Zeit, die wir überbrücken müssen. Unser Kaufhaus lebt vom Flair, den kann man online nicht rüberbringen.“ Aber es sei toll, „dass der Kunde an uns denkt, und so kann man sich gegenseitig helfen.“

Auch im Schuhgeschäft Sax mit Standorten in Wasserburg und Haag läuft das Geschäft – auch ohne den direkten persönlichen Kundenkontakt – weiter. Bestellt wird über den eigenen Online-Shop. Dort kann die neue Ballerina auch angeschaut werden. „Die Nachfrage nach modischen Artikeln ist natürlich derzeit nicht riesengroß“, sagt Inhaberin Gabi Sax. Viele Menschen arbeiten im Homeoffice, da reichen Haus- statt Straßenschuhe aus. Sich eindecken mit den neuesten Accessoires der Frühlingsmode: Das stehe derzeit nicht so im Fokus.

Doch im Kinderbereich ist die Nachfrage da, denn hier wird gerade von der Winter- auf die Sommersaison umgestellt. Viele Mädchen und Buben sind aus ihren Schuhen herausgewachsen. Die Eltern bestellen neue.

Schuhberatung per Video

Die Ware wird ausgefahren und vor die Haustür gestellt – oder von den Kunden zu einer vorher verabredeten Zeit vor der Ladentür abgeholt, ohne dass sich Verkäufer und Käufer begegnen, berichtet Gabi Sax.

Sie hat auch schon per Whatsap-Video Kunden persönlich beraten. „In diesen Zeiten bieten die neuen Medien ja so viele neue Möglichkeiten der Visualisierung“, freut sie sich. Und stellt derzeit fest: „Jetzt sind Kreativität und neue Ideen beim Kundenkontakt gefragt.“

Alessandra Fusaro, Chefin des Ristorante La Famiglia, macht dagegen einen wenig glücklichen Eindruck. „Es läuft schlecht. Die Leute gehen nur ganz wenig raus, es wird mehr daheim gekocht.“ Demzufolge verkauft sie nur wenige Pizzen. Stundenlang wartet sie am Telefon, bis endlich eine Bestellung aufgegeben wird. „Das macht meine Seele kaputt.“

Einstweilen hält sich noch tapfer die Stellung im La Famiglia. „Vielleicht müssen wir schließen. Einfach traurig. Aber wir machen weiter, so lange wir können.“ Auch sonst wo in der Gastronomie, bei ihren Freunden, schaue es nicht besser aus.

Sorgen um das Wasserburger Frühlingsfest

Die Planungen für das Wasserburger Frühlingsfest laufen derzeit noch weiter – trotz der vielen Unsicherheiten. Ob das Fest stattfinden kann, steht jedoch in den Sternen. Denn der Termin – 20. Mai bis 1. Juni – ist nicht mehr weit weg. Wenn das Fest abgesagt werden müsste, entstände dem Wirtschaftsförderungsverband (WFV) als Veranstalter nach Angaben des Vorsitzenden Moritz Hasselt ein enormer wirtschaftlicher Schaden. Dieser würde auch den Christkindlmarkt ins Wanken bringen, denn die Überschüsse des Frühlingsfestes dienen in der Regel dazu, den Weihnachtsmarkt veranstalten zu können. Kann der Frühlingsfesttermin vom 20. Mai bis 1. Juni nicht gehalten werden, gibt es die Option, ein Ausgleichsfest im Sommer anzubieten. Nur ob die Schausteller und die Brauerei dies terminlich schaffen können angesichts vieler bereits gebuchter Feste, ist fraglich. Egal wann: Das Fest des Wirtschaftsförderungsverbandes wird, wenn es heuer doch noch stattfinden sollte, „vermutlich nur einen abgespeckten Platz bieten können.“ duc

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