Fasten in einer Zeit der Entbehrungen?

Wasserburgs Stadtpfarrer über die Fastenzeit: „Ich verzichte auf überflüssiges Gerede“

Die Klassiker des Verzichts beim Fasten: nichts Süßes, kein Alkohol, keine Zigaretten. Doch beim Fasten geht es um mehr, sagt Stadtpfarrer Bruno Bibinger – unter anderem darum, klar im Denken und ganz nah mit Gott verbunden zu werden.
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Die Klassiker des Verzichts beim Fasten: nichts Süßes, kein Alkohol, keine Zigaretten. Doch beim Fasten geht es um mehr, sagt Stadtpfarrer Bruno Bibinger – unter anderem darum, klar im Denken und ganz nah mit Gott verbunden zu werden.
  • Heike Duczek
    vonHeike Duczek
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Keine Lust aufs Fasten? In diesem Jahr ist die Motivation nicht so da. Auf zu vieles mussten die Menschen im Corona-Jahr verzichten. Wasserburgs neuer Stadtpfarrer Bruno Bibinger erläutert im Interview, warum er trotzdem – jetzt erst recht – zum Fasten rät.

Wasserburg – Am Aschermittwoch startet die Fastenzeit. Heuer verspüren viele Christen jedoch eine große Lustlosigkeit, was dieses Thema angeht. Auf zu vieles mussten die Menschen im vergangenen Jahr schon als Folge der Corona-Pandemie verzichten. Wasserburgs neuer Stadtpfarrer Bruno Bibinger erläutert im Interview mit der Wasserburger Zeitung, warum er trotzdem zum Fasten rät – und worauf er persönlich heuer – außer auf Süßigkeiten – noch verzichten wird.

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In der Pandemie haben die Menschen schon auf vieles verzichten müssen. Sollte die Fastenzeit heuer deshalb nicht ausfallen?

Pfarrer Bruno Bibinger.

Pfarrer Bruno Bibinger: Ganz und gar nicht. Die Fastenzeit geht dem Osterfest voraus und hat eine viel tiefere Bedeutung. Sie gehört zum christlichen Leben. Denn das Fasten ist die „Speise der Seele“, schrieb der Kirchenvater Johannes Chrysostomos im 4. Jahrhundert.

Seit einem Jahr verzichten wir nun schon gezwungenermaßen auf vieles, was uns wichtig ist: Treffen mit Freunden, Besuche bei Verwandten, Volksfeste, Kino. Und jetzt noch mehr fasten und verzichten? Muss das sein? Fasten im kirchlichen Sinn ist eine Art geistliche Übung und hat eine ganz eigene Bedeutung. Wer fastet, entsagt für eine bestimmte Zeit freiwillig Gewohnheiten, die ihm wichtig sind, um eine neue Perspektive auf das Wesentliche des Lebens zu gewinnen.

Das ist etwas ganz anderes als der Verzicht aufgrund von Corona-Maßnahmen. Der fastende Mensch übt sich, um die dadurch leer gewordenen Räume des Lebens neu und sinnvoll füllen zu können. Und gerade jetzt nach einem entbehrungsreichen Jahr müssen wir dem Sinn des Lebens und damit Gott wieder näherkommen. Viele Menschen leiden an Gottferne. In den folgenden sieben Wochen der Fastenzeit sollen wir unserem Gott nahekommen, ihn in unserem Leben suchen und finden.

Denn nur so kommen wir uns selbst wieder nahe. Am Aschermittwoch hören wir den Satz “Kehrt um und glaubt an das Evangelium„ (Markus 1,15). Umkehren meint auch „umdenken“, Gedanken neu ausrichten und das Evangelium leben. Kurz gesagt: In der Fastenzeit soll der Mensch äußerlich so leben, dass er sich innerlich (im Kopf, im Herzen und in der Seele) erneuern kann.

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Was raten Sie Christen, die sich verpflichtet fühlen, auch heuer zu fasten – und dadurch vielleicht in zusätzlichen seelischen Stress geraten?

Bibinger: Zunächst: Gutes und richtiges Fasten hat nichts mit Stress zu tun. Ganz im Gegenteil. Unter Druck und Angst könen sich die Seele und das Denken nicht erneuern. Viele Menschen glauben, die Fastenzeit meine, am Aschermittwoch und Karfreitag auf Fleisch zu verzichten.

Vielleicht auch weniger Genussmittel, weniger Zigaretten, ein paar Pfund abnehmen. Aber durch Fasten soll sich der Mensch quasi in seinen Ursprung zurückversetzen. Eben durch ein neues, klareres Denken über Gott und all die Dinge, die um uns herum so passieren. Wer fastet, sollte dies freiwillig tun und nicht aus Zwang.

Fasten Sie auch – und auf was verzichten Sie persönlich?

Bibinger: Ich faste auch und freu mich sogar darauf, ganz ohne Stress. Ich verzichte nicht nur auf Genussmittel (Süßigkeiten), sondern zum Beispiel auch auf überflüssiges Gerede. Ich stehe eine halbe Stunde früher auf, um besser und bewusster meinen Tag zu beginnen, und lese Bücher zum Thema Glauben.

Ebenso mache ich Spaziergänge zu schönen Orten (an den Inn, auf den Magdalenenberg). Denn im Gehen lösen sich viele Knoten unseres Denkens. Und ich möchte ja zu Ostern als neuer Mensch dastehen, nicht nur ein paar Gramm leichter, sondern vor allem klar im Denken und ganz nahe mit Gott verbunden. Das wünsche ich allen Mitstreitern, die ebenso die Fastenzeit fruchtbar und erlebnisreich gestalten wollen.

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