Wasserburg ruft autofreien Tag aus: „Gut, um auf Klimaziele aufmerksam zu machen“

Ein seltener Anblick,  der dem Corona-Lockdown im März geschuldet war: eine autofreie Rosenheimer Straße.
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Ein seltener Anblick, der dem Corona-Lockdown im März geschuldet war: eine autofreie Rosenheimer Straße.

Der Stadtbus fährt am Samstag, 26. September, kostenlos in Wasserburg. Die Aktion ist Teil des internationalen „World Car Free Day“. Mit dem „autofreien Tag“ kann man gut die Klimaziele wieder in den Focus rücken, sagt Robert Obermayr von „Rio Konkret“. Wegen Corona sei der Klimaschutz zu sehr aus dem Blick der Leute geraten.

Von Andrea Klemm

Wasserburg – Wenn es nach Robert Obermayr von „Rio Konkret“ geht, sollten die Klimaziele wieder mehr in den Focus gerückt werden. Dass am Freitag, 25. September, wieder Fridays for Future-Aktionen im Bundesgebiet stattfinden und am Samstag, 26. September, der internationale „World Car Free Day“ ist, komme gelegen.

Linie 9418 fährt am 26. September gratis

Die Stadt Wasserburg beteiligt sich am autofreien Samstag und lässt alle Bürger kostenlos mit dem Stadtbus, Linie 9418, fahren. Größere Aktionen, wie sie etwa die Stadtratsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen gerne gehabt hätten, sind vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie heuer nicht möglich.

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Auf Antrag der Grünen sollte zunächst auch in Wasserburg als „spürbare“ Maßnahme der Kernbereich der Altstadt (innerhalb des „Altstadtringes“) für den motorisierten Individualverkehr gesperrt werden. Im Hinblick auf die Auswirkungen der Corona-Krise wird in diesem Jahr darauf verzichtet. „Es war einfach nicht möglich, Aktionen zu planen. Natürlich wäre es schön gewesen, mit Infoständen oder anderen Angeboten im Zentrum vertreten zu sein“, sagt Steffi König (Grüne).

So in etwa wie der „PARKing Day“ wie im September vor einem Jahr – das hätte ihr gefallen. „Da haben wir gezeigt, wie man den Platz, den sonst Autos besetzen, auch nutzen kann“, so König. Zwei Parkplätze wurden per Sondernutzungsgebühr gemietet und zum Picknicken liebevoll hergerichtet. Nun gibt es am Aktionstag eben nur den kostenlosen Bus.

Als begleitende Maßnahme zum Aktionstag und weiterer Anreiz sowie als Marketingmaßnahme für den Stadtbus allgemein wird die Benutzung des Stadtbusses am Samstag, 26. September, den ganzen Tag kostenlos sein, teilt Andreas Hiebl von der Stadt Wasserburg mit.

CO2 einsparen durch Corona aus dem Blick verloren?

Er will die Leute sensibilisieren und stellt die Frage: „Brauche ich wirklich immer das Auto? Oder kann ich nicht auch zu Fuß gehen, mit dem Rad fahren oder den Bus nehmen?“

Laut Hiebl sei der internationale „World Car Free Day“ dazu gedacht, das eigene Mobilitätsverhalten zu hinterfragen. Denn nicht erst seit „Fridays for Future“ gilt es, auf das eigene Auto möglichst zu verzichten, um damit einen Beitrag zur Rettung des Klimas und zur Erhaltung der Lebensgrundlagen auf diesem Planeten zu leisten, so Hiebl weiter.

Der Name des Aktionstages sei programmatisch zu verstehen. Die teilnehmenden Kommunen sind dazu aufgerufen, Bereiche des öffentlichen Raums zumindest zeitweise für den Autoverkehr zu sperren und diese für Fußgänger, Radfahrer sowie wie den öffentlichen Nahverkehr zu reservieren.

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Robert Obermayr von Rio Konkret sagt, „natürlich hätten wir von Rio Konkret oder auch die Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) gerne mehr Aufmerksamkeit mit Aktionen erzeugt. Aber Corona macht es eben schwierig“.

Rio Konkret will neue Ziele, keine „Alibi-Veranstaltung“

In den Sozialen Netzwerken werden die beiden Organisationen auf den autofreien Samstag der Stadt und die Freitagsdemos der Klimaaktivisten aufmerksam machen.

Neue Impulse erhofft

„Beide Tage werben für das selbe Ziel: CO2 einsparen. Das ist durch die Pandemie total in den Hintergrund geraten“, so Obermayr. Auch dass die Stadt Wasserburg ihre Klimaziele 2020 nicht erreichen wird. Er begrüße, dass am Mittwoch, 23. September, eine Klausurtagung zum Energiedialog 2050 stattfinden wird. Teilnehmen werden neben Bürgermeister Michael Kölbl Vertreter der Fraktionen sowie verschiedener Abteilungen des Rathauses sowie Externe, wie etwa Rio Konkret und die GWÖ. Der Energiedialog brauche laut Obermayr eine Neuausrichtung. „Was will das Gremium und wie will es das erreichen?“, fragt Obermayr. Sonst bleibe es am Ende bei einer „Alibi-Veranstaltung“. Er erhofft sich von der Klausurtagung neue Impulse.

Klimaziel 2020 nicht erreichbar

Auf der Homepage des Energiedialoges ist das Ziel formuliert, Wasserburg wolle die Treibhausgasemissionen um 80 Prozent bis zum Jahr 2050 (gegenüber 1990) reduzieren. Für 2020 war eine Einsparung von 40 Prozent vorgegeben.

Nachgefragt bei Josef Allio, Klimaschutzmanager der Stadt, erklärt dieser, der Stadtratsbeschluss, auf den das Gremium „Energiedialog 2050“ zurückgehe, stamme aus dem Jahr 2008. Eine Umsetzung der Ziele für 2020 sei aus heutiger Sicht sehr schwierig. Denn bei der Energiebilanz spielen in Wasserburg die Industrieunternehmen eine gewichtige Rolle. Sie benötigen 87 Prozent des Endenergiebedarfs (Anm. d. Red). Es gibt auch Betriebe, die sich zum Energieeffizienz-Netzwerk zusammengeschlossen haben.

Wasserburg steht finanziell gut da – wegen der florierenden Betriebe

„Wir können gar nicht so viel einsparen, wie die Betriebe an Energie verbrauchen“, so Allio. Er betont: „Man darf nicht vergessen, es geht der Stadt Wasserburg gerade deswegen finanziell so gut, weil auf dem Stadtgebiet solch florierende Unternehmen angesiedelt sind.“ Er warnt deshalb vor einer Milchmädchenrechnung.

„Wir sind im bundesweiten Vergleich ein atypischer Standort – bezogen auf die Unternehmensdichte, Einwohneranzahl (rund 13 500) und die kleine Fläche. Wären die Betriebe nicht auf unserem kommunalen Gebiet, wären die Ziele leichter zu erreichen, jedoch würde die Wertschöpfung auch woanders generiert werden.“

Das Klimaziel 2020 sei so isoliert auf Wasserburg bezogen nicht umsetzbar. Es bräuchte ein bayernweites Ziel und die Ausgleichsfaktoren müssten berücksichtigt werden. Man müsse sich die Industriedichte auf der einen Seite und die dörflichen Strukturen auf der anderen Seite genau anschauen“, so der Klimaschutzmanager.

Allio: Stadt Wasserburg tut einiges für‘s Klima

Sehr wohl tue die Stadt viel für‘s Klima: energetische Sanierungen des Wohnbestands, ein Ladeinfrastruktursystem und Energieeffizienz im Badria. Weil die Stadt dank der guten Gewerbesteuereinnahmen so gut da stehe, habe sie auch Spielraum bei energetischen Maßnahmen, wie etwa beim Neubau in der Ponschabaustraße, der die Anforderungen übererfülle.

Klausurtagung mit offenem Ausgang

Die Klausurtagung des Energiedialogs am Mittwoch, 23. September, ist ein „Arbeitstermin mit offenem Ausgang. Abteilungen wie die Liegenschaften oder das Bauamt schauen, wo Energie eingespart werden kann und wie man das umsetzen könnte“, so Klimaschutzmanager Josef Allio.

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