Wasserburg - einfach zum Anbeißen

In der Fußgängerzone: Tomate nebst Kräutern im Blumenkübel vor einem Geschäft in Andernach.
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In der Fußgängerzone: Tomate nebst Kräutern im Blumenkübel vor einem Geschäft in Andernach.

Tomaten an der Wand der Kaserne ernten, Basilikum und Thymian stehen gleich daneben. Johannisbeeren an der Hecke am Spielplatz pflücken und dann noch ein paar knackige Äpfel vom Spalier an der Bauhofwand am Sportplatz Landwehrstraße holen.

Klingt verrückt? Warum?

Wasserburg - Zugegeben, dass mitten in der Stadt Kohl, Salat, Lavendel, Schnittlauch oder Himbeeren wachsen, das ist eher ein großstädtisches Phänomen. Kein neues, übrigens. Schon im 19.Jahrhundert wurden in Birmingham, Bamberg oder Berlin im Stadtgebiet Obst und Gemüse angebaut. Benjamin Thompson - besser bekannt als Graf Rumford - reservierte, als er den Englischen Garten in München anlegte, große Flächen im Südwesten als Nutzgärten für die Soldaten und ihre Familien.

Übergesprungen auf die Dächer von Hochhäusern oder die Baumscheiben entlang der Straße ist das Ganze verstärkt in den letzten zwei Jahrzehnten, zunächst in Großbritannien, dann fanden die New Yorker grüne Dächer ebenso schön wie nützlich und schließlich schwappte die mittlerweile "urban gardening" genannte Welle nach Berlin und Hamburg. Vor fünf Jahren auch nach Andernach, eine Stadt am Rhein, nicht weit von Koblenz, mit 30000 Einwohnern. Was in Andernach - mit Zweitnamen mittlerweile die "Essbare Stadt" - geht, nämlich Nutzpflanzen auf öffentlichen Grünflächen, das geht doch in Wasserburg auch, dachte sich die SPD und stellte den entsprechenden Antrag.

Danach sollen nicht alle öffentlichen Grünflächen schlagartig freigegeben werden, sondern zunächst versuchsweise Pflanzungen erfolgen. Und die Stadtgärtner könnten nach und nach reine Schmuckpflanzen mit Nutzpflanzen ersetzen. Warum soll eine Hecke am Spielplatz nicht aus Johannisbeerbüschen bestehen? Andernach beispielsweise ergänzt die Grünflächen und Blumenrabatten in den Stadtparks mit Zucchini, Mangold und anderen Gemüsearten. Die Andernacher packen bei der Beetpflege und der Ernte selbst an. Genauso stellt sich die SPD das auch in Wasserburg vor, so Dr.Christine Mayerhofer, die den Antrag im Umweltausschuss erläuterte. Wer selber einen Apfel pflückt, ein paar Zweige Rosmarin für die Küche holt, der kümmert sich auch um das Beet, übernimmt Verantwortung. Der Vandalismus halte sich deswegen in Grenzen. Außerdem sei es auch für Kinder, die nicht im Häuschen mit Garten aufwachsen, wichtig zu wissen, wie Pflanzen aussehen, wann sie wie wachsen und Früchte tragen, so Dr.Mayerhofer. Bevor man loslege, könne man bei einer Exkursion nach Haar oder Neumarkt-St.Veit anschauen, was gut und was weniger gut geht, die Erfahrungen dieser Kommunen einholen.

Andernacher Erfahrungen

Andernach hat nur positive Erfahrungen gemacht, heißt es auf der Internetseite der Stadt. "Anfangs herrschte in Andernach natürlich auch Skepsis. Doch relativ schnell wandelte sich die Stimmungslage hin zum absolut Positiven. Uns geht es darum, Blühräume nicht nur für Pflanzen und Tiere, sondern vor allem für Menschen zu schaffen, in denen sie sich wohlfühlen, in denen sie sich entfalten - in denen sie aufblühen können", sagt Achim Hütten, der Oberbürgermeister von Andernach, dort.

Gemischte Reaktionen

Im Umweltausschuss waren die Reaktionen auf den Antrag der SPD gemischt. Norbert Buortesch (Bürgerforum), selbst Gärtner, findet es "eine super Idee" und meint, diese sei ansteckend. Auf den von der Stadtverwaltung vorgeschlagenen Landschaftsarchitekten könne man gut verzichten, der sei nicht nötig. Die "essbare Stadt" müssten die Bürger gestalten, "sonst hat es wieder "die Stadt gemacht". Und dann müssten die Stadtgärtner ausrücken und Unkraut jäten - genau das soll eben nicht passieren, zumal Bauhof-Chef Guido Zwingler gar nicht das Personal dafür hat.

Wolfgang Schmid (CSU) findet die Vorstellung einer "essbaren Stadt" ebenfalls schön, hat aber Bedenken, dass die Gartenbauvereine mittun. Die findet Sophia Jokisch (Linke Liste) gar nicht so nötig. "Die Altstädter können sich doch selbst um die Flächen unter den Bäumen kümmern." In Berlin gebe es seit Jahren an den Straßenrändern hübsche, gepflegte Mini-Gärten.

Umweltreferent Lorenz Huber (Bürgerforum) sah den Rattenschwanz an Arbeit, den die Streuobstwiese in der Lohe nach sich zog und meint, die zum Gärtnern freigegebenen Flächen müssten wegen der Katzen und Hunde eingefriedet werden. Das sieht Armin Sinzinger (FW-Wasserburger Block) bei "Salat als Rabatte" genauso. Laut Dr.Christine Mayerhofer ist das in Andernach ganz einfach geregelt: Eine Straßenseite ist essbar, die andere Grünstreifen für Hunde. Bauhof-Chef Zwingler sieht's praktisch: Nicht Baumscheiben bepflanzen, sondern die Blumenkübel der Stadt.

Letztlich votierte der Umweltausschuss mit großer Mehrheit dafür, dass der Bauhof versuchsweise schon einzelne Nutzpflanzen einsetzt, dass man aber vor weiteren Schritten erstmal eine Exkursion macht.

Und im Sommer 2016 pflückt man sich die Erdbeere zum Cappuccino vorm Stechl-Keller, nascht die Kirschtomate von der Terrassenumrandung, während man im Herrenhaus aufs Essen wartet, unterbricht das Buddeln im Sandkasten für eine kleine Stärkung am Johannisbeerstrauch und schneidet sich Schnittlauch, Petersilie und Kerbel für den Kräuterquark im Blumenkübel auf der Ledererzeile.

Warum eigentlich nicht?

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