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Interview mit Wasserburger Dekan Klaus Vogl

„Wut, Erschrecken, Verunsicherung“ - Welche Konsequenzen zieht die Kirche aus Missbrauch?

Dekan Klaus Vogl fordert: „Alle müssen genau hinschauen“.
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Dekan Klaus Vogl fordert: „Alle müssen genau hinschauen“.
  • Heike Duczek
    VonHeike Duczek
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Die katholische Kirche befindet sich seit der Veröffentlichung des Münchener Missbrauchsgutachtens in der größten Krise der Neuzeit. Pfarrer Klaus Vogl, Dekan des Dekanats Wasserburg, berichtet im Interview über entsetzte Kirchenmitglieder, seine eigene Wut und über notwendige Konsequenzen

Wasserburg/Rott – Die katholische Kirche befindet sich seit der Veröffentlichung des Münchener Missbrauchsgutachtens in der größten Krise der Neuzeit. Pfarrer Klaus Vogl, Dekan des Dekanats Wasserburg, berichtet im Interview mit der Redaktion über entsetzte Kirchenmitglieder, seine eigene Wut und über notwendige Konsequenzen

Spüren Sie im Dekanat Wasserburg zunehmenden Unmut unter den katholischen Christen angesichts der Skandale und ihrer kritisierten Aufarbeitung?

Klaus Vogl : Ich spüre ganz unterschiedliche Reaktionen. Eine davon ist Unmut darüber, dass eine moralische Institution, die wie kaum eine andere über die Lebensweise von Menschen urteilt, in den Kirchenämtern so versagt hat und unsagbares Leid über manche Menschen gebracht hat. Außerdem spüre ich viel Betroffenheit, Erschrecken und Verunsicherung, weil sich Abgründe auftun, die man nicht vermutet hätte und weil ein Idealbild von Kirche zerbricht, das einige seit Langem in sich getragen haben. Ich spüre auch Wut darüber, wie der Versuch der Kirche, durch dieses Gutachten Missbräuche aufzuarbeiten, dazu benutzt wird, um Gericht zu halten über die Institution Kirche, an der man schon lange einiges auszusetzen hat.

Wie ist die Stimmung vor Ort? Drohen viele mit Austritten?

Vogl : Viele Gemeindemitglieder setzten sich mit den Reaktionen auf das Gutachten auseinander. Sie fordern zurecht Ehrlichkeit, die Übernahme von persönlicher Verantwortung, das Eingestehen von Fehlentscheidungen mit gravierenden Folgen, die Bitte um Vergebung und eine Null-Toleranz-Politik in Sachen Missbrauch. Viele werden austreten. Drohen tut mir damit bisher keiner. Viele unterscheiden sehr deutlich zwischen den oberen Verantwortlichen der Amtskirche und den Seelsorgerinnen und Seelsorgern vor Ort. Ich werde eher gefragt: „Herr Pfarrer, wie geht es Ihnen damit?“ Als Priester bedrückt mich, wenn manche meinen, der Priester an sich wäre das große Problem der Kirche. Ich habe die Hoffnung, dass Jesus, seine Kirche auch durch solche Stürme reinigt und die Augen öffnet für Zweifelhaftes, das in Zukunft anders geregelt werden muss.

Welche Schritte der katholischen Kirche sehen Sie jetzt als erforderlich an?

Vogl: Kirche muss Betroffene ermutigen, sich zu melden, sie ernstnehmen und versuchen, ihnen zu helfen. Die neu eingerichtete telefonische Beratungsstelle des Erzbistums und die Intensivierung der seelsorglichen Begleitung von Missbrauchsopfern sind ein wichtiger Schritt.

Ich bin skeptisch, wenn manche meinen, man könne alles durch Strukturveränderungen lösen. Hierarchien werden auch in Zukunft bestehen. Der Faktor Mensch bleibt. Ich denke, dass eine Neubesinnung auf das Evangelium das Entscheidende ist. Katholisch darf nicht unchristlich sein. Wie können wir heute Kirche sein, wie heute den Glauben vor Ort leben, ohne sich immer mehr abzuschotten und langsam aber sicher auszusterben? Diese Neuausrichtung und Veränderung muss vor Ort passieren. Da braucht es Menschen, die Feuer und Flamme sind für diesen Jesus von Nazareth und seine Botschaft. Nur wenn Menschen Kirche als Raum des Heiles für ihr Leben erfahren, nur wenn unsere Gottesdienste ein spürbares Fest des Glaubens sind, nur wenn wir die Menschen in den Blick nehmen, wie sie wirklich sind, wird sich etwas verändern.

Was können Sie persönlich tun, um das Vertrauen wiederherzustellen?

Vogl: Ich versuche auch in Zukunft, meinen Dienst möglichst gut zu verrichten und für einen Gott zu stehen, der zum Wohl des Menschen da ist.

Teilen Sie die Kritik am früheren Papst Benedikt? Welche Reaktion wünschen Sie sich von ihm?

Vogl : Ich bin unglücklich über seine Antwort auf das Missbrauchsgutachten. Ich halte es aber für unredlich, ihm den wirklich dramatischen Fall H. oder X in die Schuhe zu schieben. Unter seiner Zeit war der Mann zur Therapie in München. In der Seelsorge wurde er erst später eingesetzt. Was Papst Benedikt gewusst oder aus heutiger Sicht falsch entschieden hat, das weiß nur er allein. Ich wünsche mir, dass die ganze Wahrheit ehrlich auf den Tisch kommt. Er wird sich ja auch noch mal dazu äußern. Selbst wenn er Fehler gemacht, hat er aus ihnen gelernt. Er hat wie kein anderer Papst vor ihm das Thema Missbrauch zur Chefsache gemacht und sich als erster Papst mit Missbrauchsopfern getroffen. Er bleibt einer der größten Theologen auf dem Stuhl Petri und ich bin als Bayer immer noch stolz auf diesen Papst.

Was muss getan werden, um das Geschehene aufzuarbeiten und in Zukunft zu verhindern?

Vogl : Es geschieht ja bereits Einiges. Man ist bereit, die Missbrauchsopfer und deren Perspektive in den Vordergrund zu stellen und zu versuchen, ihr Leid zu lindern. In den letzten Jahren sind Präventionsschulungen für alle Haupt- und Ehrenamtlichen, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben Pflicht. Dazu werden regelmäßig polizeiliche Führungszeugnisse eingeholt. Jeder Pfarrverband hat ein Konzept zur Prävention von sexuellem Missbrauch erarbeitet. Alle müssen genau hinschauen und den Mut haben, tätig zu werden, wenn sie den Eindruck haben, dass Grenzüberschreitungen oder Verfehlungen geschehen. Jesus hat ein Kind in die Mitte gestellt. Wo das Wohl der Kinder und Jugendlichen an erster Stelle steht, da ist das Wirken der Kirche ein Segen für sie.

Die Folgen für die Pfarrgemeinderatswahlen

Wird es schwieriger, Menschen für ein Ehrenamt in der Kirche zu motivieren - auch angesichts der anstehenden Pfarrgemeinderatswahlen? Dazu vertritt Dekan Klaus Vogl die Meinung: „Menschen für ein Ehrenamt in der Kirche zu motivieren, war bis jetzt auch schon schwer. Das hängt damit zusammen, dass viel mehr Menschen berufstätig sind als früher und nicht mehr dazu bereit, sich über längere Zeit zu binden.“ Das negative Image von Kirche komme noch erschwerend dazu. „Ein wichtiger Faktor ist meines Erachtens vor allem, wie Kirche vor Ort erlebt wird. Austreten und Rückzug bringt meines Erachtens weniger als ein entschiedenes Auftreten und Eintreten für die christliche Botschaft, die durch menschliches Versagen in der Kirche nichts an Bedeutung verliert. Jeder Einzelne ist gefordert, sein Verhältnis zur Kirche neu zu klären.“ Es sei schade, wenn Menschen zu der Überzeugung kämen, dass es sich nicht mehr lohne, „dieser Kirche (s)ein Gesicht zu geben.

„Ich kann nur sagen, dass ich auch nicht zu allem und jedem stehe, was unter „katholische Kirche“ bisweilen verstanden wird und dennoch bin ich gerne Priester. Wenn alle kritischen Menschen den Mut hätten, ihr Potenzial, ihren Glauben einzubringen, hätte sich schon manches geändert.“

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