Kein Job für Berührungsängste

Wasserburger Bestatter beantwortet Fragen, die man sich kaum zu stellen traut

Empathie ist in jedem Job, in dem man mit Menschen zu tun hat, wichtig – erst recht, als Bestatter. Das sagt der Wasserburger Freddy Eisner, der seit 23 Jahren in diesem Beruf die Lebenden und die Toten begleitet und die letzten Dinge regelt. Der 54-Jährige ist stellvertretender BRK-Kreisvorsitzender und seit Jahrzehnten auch bei der Wasserrettung engagiert. „Ich helfe den Menschen – als BRKler genauso, wie als Bestatter.“
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Empathie ist in jedem Job, in dem man mit Menschen zu tun hat, wichtig – erst recht als Bestatter. Das sagt der Wasserburger Freddy Eisner, der seit 23 Jahren in diesem Beruf die Lebenden und die Toten begleitet und die letzten Dinge regelt. Der 54-Jährige ist stellvertretender BRK-Kreisvorsitzender und seit Jahrzehnten auch bei der Wasserrettung engagiert. „Ich helfe den Menschen – als BRKler genauso, wie als Bestatter.“
  • Andrea Klemm
    vonAndrea Klemm
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Freddy Eisner steht vor dem Edelstahltisch in der Prosektur und streicht mit der Hand über das Siebblech. „Von diesem Tisch würde ich sogar essen, so sauber ist er“, sagt der Bestatter. Er reinigt ihn immer selbst. Hygiene im Bestattungswesen ist das A und O. Aber auch Empathie ist wichtig – und schwarzer Humor.

Wasserburg – „Ich bin pingelig.“ Freddy Eisner reinigt den Tisch immer selbst, auch wenn der Raum beispielsweise für rituelle Waschungen an Muslime vermietet wird. Hygiene im Bestattungswesen ist das A und O. Das trichtert er auch Pflegefachschülern ein, die sich im Laufe ihres Berufslebens zwangsläufig mit Tod und Trauer auseinandersetzen müssen.

Referent an Pflegefachschulen

Der 54-Jährige wirkt auch als Referent in verschiedenen Pflegefachschulen, etwa bei kbo, Romed und in Altenhohenau und führt die jungen Leute im Rahmen des Berufsschulunterrichts durch die Räumlichkeiten im Bestattungsinstitut Brand – auch durch die Prosektur. Hier macht er die hygienische Grundversorgung des Leichnams, wäscht ihn, desinfiziert etwa Körperöffnungen. Wunden, etwa durch einen Unfall verursacht, werden geschlossen. Ankleiden und Frisieren gehören auch dazu. Ziel ist es, den Verstobenen in einen hygienisch einwandfreien, ästhetischen und würdigen Zustand zu bringen. Besonders, wenn sich Angehörige verabschieden wollen. In der Prosektur der Firma Brand kann auch ein Arzt die Leichenschau durchführen. Und es gibt eine Kühlzelle.

Externer Thanatopraktiker wird geholt

Thanatopraktische Behandlungsmethoden ergänzen die Arbeit des Bestatters Eisner, etwa wenn verwesungshemmende Mittel zum Einsatz kommen müssen. Formalin ersetzt dann das Blut. Oder wenn der Körper entstellt ist, etwa durch Gewalteinwirkung oder schwere Krankheit – dann wird ein externer Experte geholt.

Schwarzer Humor als Bewältigungsstrategie

Pietätvoll müsse jeder sein, der mit trauernden Angehörigen zu tun habe. Dennoch: Ohne Humor geht‘s auch bei diesem Beruf nicht. Der Schmäh unter Bestattern sei bisweilen ein recht schwarzhumoriges Unterfangen. Und das sei heilsam, denn das nimmt den letzten Dingen ihren Schrecken – und den Grässlichen sowieso. Entkrampft, irgendwie. Als Bewältigungsprozess ist das vermutlich sogar notwendig, wenn man diesen Job authentisch machen will.

„Natürlich werden keine Zoten gerissen, wenn Hinterbliebene in der Nähe sind. Humor ist gut, aber nur zur passenden Zeit“, so Eisner.

Es komme schon bei der Aufnahme eines Trauerfalls auf das richtige Wording an. Das trichtert er den Pflegeschülern ein, will sie sensibilisieren, vor allem wenn sie die traurige Nachricht an die Familien überbringen müssen. „In diesem Bereich ist man immer auf dünnem Eis unterwegs“, so Eisner. „Die Menschen sind massiv betroffen, wenn es um Tod und Krankheit geht, das bringt sie an ihre Grenzen. Ich muss sofort spüren, wie es ihnen geht“.

„Der Computer hat sich aufgehängt“ - sowas besser nicht sagen

Darum sei es ein No-Go, in seinem Business sowas zu sagen, wie „der Computer hat sich aufgehängt“. Wer weiß, ob nicht der gerade eintretende Kunde hier ist, weil sein Partner Suizid auf diese Weise begangen hat.

Natürlich gebe es Kunden, die wissen, dass sie nicht mehr lange zu leben haben und die dem Unausweichlichen mit spitzbübischem Witz begegnen. Dann geht es bei der Beratung auch mal heiter zu.

Rockband oder Fliegerstaffel?

„Wir sind Dienstleiter, betreuen die Menschen und regeln, was möglich ist.“ Das kann dann auch mal eine Rockband am Grab sein oder eine kleine Fliegerstaffel, die beim Sinkflug überm Friedhof einen letzten Gruß schickt. Alles schon von Eisner organisiert. Damit eine schöne Erinnerung bleibt. Manchmal schaut er auch einfach nur, ob jemand ein Taschentuch braucht, oder einen Regenschirm.

Urnenbeisetzungen nicht aufschieben

Eisner wirbt für Verständnis, dass Beerdigungen nicht immer nur an den Wochenenden sein können, Termine müssen sinnvoll gelegt werden. Corona habe das Bestattungswesen an seine Grenzen gebracht, nicht nur, was die Beschränkung der Teilnehmer einer Beerdigung betrifft. Das bedeutete oft: Wer darf kommen und wer nicht?

Trauerarbeit beginnt erst nach der Beerdigung so richtig

Während des Lockdowns wurde vom Ministerium empfohlen, Urnenbeisetzungen aufzuschieben. „Was stellen die sich vor?“, fragt Eisner fassungslos. Angehörige so lange warten zu lassen, sei ungut, denn die richtige Trauerarbeit beginne erst, wenn der organisatorische Teil mit der Beerdigung abgeschlossen sei. „Schiebt man die Beisetzung auf, können die Menschen den Todesfall nicht aufarbeiten“, ist Eisner überzeugt.

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Zudem würde bei den Beisetzungen nach den Lockerungen ein Stau entstehen. Darum riet er zu rascher Bestattung im kleinen Kreis. „Den Leichenschmaus kann man mit den Verwandten zum Beispiel am ersten Todestag nachholen“, schlug er dann vor. Zumal nicht klar war, wie lange die starken Beschränkungen dauern würden.

In Corona-Zeiten: Nicht umarmen

Schwer sei in Corona-Zeiten, dass man die Trauernden nicht in den Arm nehmen und drücken könne. Auch für Eisner, der das auch ab und an machte, wenn es passend war. „Während der Corona-Pandemie sollten auch die Kondulierenden verzichten, etwa der Witwe über die Wange zu streichen, ihr bei der Umarmung das tränennasse Gesicht an ihres zu drücken. Die Leute wissen immer noch zu wenig über Schmierinfektionen und die Gefährlichkeit der Aerosole.“ Ja, natürlich verstehe er, wenn beispielsweise ein junger Mensch jemanden zu Grabe tragen muss, dass man ihn drücken und trösten möchte. Dafür sollte man ihn besser an der Schulter berühren – und hinterher die Hände desinfizieren, schließlich steige die Gefahr der Übertragung von Covid19 bei körperlichem Kontakt. Vor allem, wenn viele so trösten wollen. Schwer zu ertragen sei der Anblick einer Mutter oder eines Vaters, wenn sie ihrem Kind ins Grab nachschauen - egal ob es sechs oder 60 Jahre alt war.

Hinterbliebene in Quarantäne

Auch mussten Freddy Eisner und seine Kollegin Michaela Aringer manchen Sterbefall per eMail aufnehmen, weil die Hinterbliebenen in Quarantäne waren. Sie durften keine Kleidung der Verstorbenen für die Einbettung in den Sarg annehmen – wegen des Infektionsschutzes. Während der ersten Corona-Phase wurden also die Toten in einfachen Sterbehemden beerdigt.

Hygienekonzept im Bestattungswesen ausgeklügelt

Ein ausgeklügeltes Hygienekonzept gib es im Bestattungswesen seit jeher. Desinfektion, Handschuhe, Mundschutz gehören hier dazu. „Niemand kommt gerne mit austretenden Körperflüssigkeiten in Berührung“, sagt Freddy Eisner.

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Den Pflegeschülern rät er, wenn sie einen soeben Verstorbenen umlagern müssen, diesem ein nasses Tuch aufs Gesicht zu legen. „Auch wenn der Tote den Pfleger nicht mehr anhusten kann – durch die Kompression beim Umlagern entweicht Luft aus den Lungen und diese kann auch infektiös sein“, erklärt der Wasserburger.

Im März und April 30 Prozent mehr Todesfälle

Das Bestattungsunternehmen Brand hatte heuer im März und im April etwa 30 Prozent mehr Todesfälle als im Jahresdurchschnitt. Viele Leute starben nicht an Corona, sondern mit, wie er sagt. „Als die Altenheime nicht besucht werden durften, vereinsamten viele Menschen, sahen keinen Grund mehr, zu kämpfen und gaben sich auf.“

Sich vor dem Mitleiden schützen

In diesem Beruf ist man mit Leid und schweren Schicksalsschlägen konfrontiert. „Mitleiden ist fehl am Platz. Davor muss man sich schützen. Aber Mitgefühl ist wichtig. Abgebrüht darf man keinesfalls sein.“

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Wenn Freddy Eisner erzählt, spürt man, wie er aufgeht in seinem Job. Eigentlich ist er gelernter Verkäufer, war früher im Außendienst tätig. Im Alter von 31 Jahren wechselte er ins Bestattungswesen. Zu seiner Tätigkeit gehöre eine gewisse Reife dazu, findet er. Und, dass man mit Menschen umgehen kann. Eisner ist ein geselliger Mensch, war früher Teil der Stadtgarde und vor 20 Jahren, im selben Jahr, als er seine Frau Tina geheiratet hat, gab er mit ihr das Faschingsprinzenpaar. Das Motto war Brasilien.

Bestatter als Faschingsprinz

Wie das ankam, ein Bestatter als Faschingsprinz? Prima. Denn, „dass ich mit den Leuten gut konnte, war meine Stärke“.

Durch sein jahrzehntelanges ehrenamtliches Engagement bei der Wasserwacht Wasserburg und als Einsatzleiter beim BRK Rosenheim, war der Tod häufig ein Begleiter.

Dankbarkeit und Demut

Sein Ehrenamt bedeute Menschen helfen – und sein Beruf als Bestatter erst recht. Und man lerne Zufriedenheit, Dankbarkeit – für das, was man hat: ein Dach über dem Kopf, ein warmes Zuhause, Essen. „Der Beruf prägt dich. Wenn du im Leben Übermut kriegst, kommt schon wieder ein Fall, der dich auf den Boden holt und dich Demut lehrt.“

Todesfälle mit Kindern gehen unter die Haut

Schwer zu verkraften seien Todesfälle mit Kindern, oder gar Kindstötungen. „Das geht so unter die Haut.“ Dann sei es wichtig, dass sich Kollegen untereinander austauschen, nichts in sich reinfressen.

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„Supervision? Das macht bei mir meine Frau Tina. Mit ihr kann ich alles besprechen. Die Familie gibt mir Rückhalt, trägt das alles mit.“ Sohn David (18) und Tochter Sarah (16) verstehen, wenn der Papa zu einem Sterbefall gerufen wird – auch wenn gerade das Familienessen stattfindet.

Im Urlaub nur Krimileichen

Dennoch achtet der allseits bekannte Wasserburger auf seine Work-Life-Balance. Er arbeitet zehn Wochen durch, um sich dann ein langes Wochenende zu gönnen. Urlaub ist ihm heilig, der gehört der Familie. „Da begegnen mir dann nur noch meine Krimileichen.“

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