Digitales Lernen als Belastung

Warum die Kamera aus bleibt: Sarah Miebach, Sozialarbeiterin aus Edling über Homeschooling

Homeschooling bedeutet auch Videokonferenzen, diese sind für viele Schüler eine große Belastung. Warum erklärt Sarah Miebach, Schulsozialarbeiterin der Grund- und Mittelschule Edling.
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Homeschooling bedeutet auch Videokonferenzen, diese sind für viele Schüler eine große Belastung. Warum erklärt Sarah Miebach, Schulsozialarbeiterin der Grund- und Mittelschule Edling.
  • Sophia Huber
    vonSophia Huber
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„Ist die Kamera aus, sieht keiner den Monster-Pickel auf meiner Stirn. Die anderen kichern schon wieder – weil ich zu leise spreche?“ Viele Teenager kennen diese Gedanken. Warum Online-Unterricht nicht gerade hilfreich ist, um an Selbstbewusstsein zu gewinnen, erklärt Sarah Miebach, Schulsozialarbeiterin aus Edling.

Edling –In Zeiten der Corona-Pandemie haben Videokonferenzen eine neue Bedeutung erhalten. Täglich hantieren Arbeitnehmer mit Zoom, Team und Co. Für viele ist es Routine geworden, auch für Schüler.

Dennoch sind für einige Kinder und Jugendliche Videokonferenzen eine hohe Belastung. Kameras bleiben oft aus, die Schülerinnen antworten nicht. „Für viele ist das ein hoher psychischer Druck“, erklärt Verena Eder, Schülersprecherin des Luitpold-Gymnasiums Wasserburg.

Grund oft die Persönlichkeit

Auch Sarah Miebach, Mitarbeiterin von Startklar Soziale Arbeit Oberbayern, wo sie die Grund- und Mittelschule Edling mit Schulsozialarbeit unterstützt, hat immer wieder mit solchen Fällen zu tun. Dabei würden die Probleme stark variieren. „Die Lehrkräfte berichten immer wieder von Schülern, die keine Antworten geben, wenn sie angesprochen werden“, erklärt Miebach. Es gebe auch Schüler, bei denen das Homeschooling auf eine komplette Verweigerungshaltung trifft. „Das sind aber nur Einzelfälle“, betont sie.

Gründe oft Persönlichkeitsstruktur und Pubertät.

Die Gründe für die Probleme können sehr vielfältig sein. „Zum einen sind es oft Schüler, denen es auch im Präsenzunterricht schwerfällt, sich zu äußern. Das liegt oft an der Persönlichkeitsstruktur, die einfach zurückhaltender und schüchterner ist“, erklärt die Sozialarbeiterin. Bei Videokonferenzen verstärke sich das bei einigen noch, da dort nicht in ein direktes Gespräch eingetreten werden kann. „Da ist ein Bildschirm dazwischen, dass die Kommunikation da schwerer fällt, kennen auch viele Erwachsene.“

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Bei älteren Jugendlichen sei auch die Pubertät ein Faktor. „Sie sind in dieser Zeit viel mit sich selbst beschäftigt. Mit der Frage, wie wirke ich nach außen. Das Selbstwertgefühl ist bei einigen sehr niedrig. Da kann es auch mal schwerfallen, sich einzubringen“, erklärt Miebach.

Vor allem Ganztagsschülern fehlt die Struktur

Zum Anderen komme es auch darauf an, wie sehr sich die Schüler selbst strukturieren können. Vor allem bei Jüngeren und Ganztagsschülern sei das häufig ein Problem. „Man muss sich vorstellen, ihnen wird normalerweise der ganze Tag vorher strukturiert. Selbst für Hausaufgaben haben sie eine festgelegte Zeit und jetzt, im Homeschooling sollen sie alles selbst machen. Das ist ein unglaublicher Aufwand.“ Außerdem fehle auch der Ortswechsel, der Struktur in den Alltag bringt.

Meist kein spezieller Grund, sondern das System

Hinzu kommen mögliche technische Probleme, die das Arbeiten erschweren. „Wenn ich ständig aus dem Meeting rausfalle und mich wieder neu einloggen muss, ist das auch ein nervlicher Kraftakt, den die Schüler leisten müssen“, erklärt Miebach.

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Meistens seien aber keine spezifischen Gründe für Blockadehaltungen bei den Kindern und Jugendlichen auszumachen. „Es ist das ganze System Homeschooling, das ihnen zu schaffen macht.“

Nicht vergleichbar zum „Zocken“

Ein schlechter Vergleich, der immer wieder gezogen werde, sei der zu Videospielen. „Viele Erwachsene meinen, dass sich die Kinder und Jugendlichen auch beim Zocken über den Computer austauschen“, sagt Miebach. Deshalb hätten sie wenig Verständnis für Jugendliche, die beim Homeschooling plötzlich Probleme haben. „Dabei ist das eine ganz andere Situation. Beim Zocken befinde ich mich in der Entspannung oder zumindest in einer freudigen Anspannung. Im Homeschooling nicht.“

Sarah Miebach, Schulsozialarbeiterin der Grund- und Mittelschule Edling, rät Kindern und Jugendlichen, die Probleme mit dem Homeschooling haben, vor allem zwei Dinge: Gespräche suchen und Situationen einüben.

Sarah Miebach, Schulsozialarbeiterin.

Tipps für Schüler

„Zunächst ist es wichtig, dass sich die Jugendlichen jemanden anvertrauen“, erklärt Miebach. „Ich denke, das ist immer der erste Schritt, wenn ich Probleme habe und mich nicht wohlfühle.“ Dabei könnte es sich um die Eltern, Lehrkräfte oder Personen aus der Schulsozialarbeit oder Schulpsychologie handeln. „Aber auch Freunde können helfen. Wichtig ist nur, mit jemandem, dem ich vertraue darüber zu sprechen und mir ein Netzwerk aufzubauen.“

Der nächste Schritt sei das Einüben der Situationen. „Das ist immer noch eine ungewohnte Situation“, erklärt Miebach, „die muss geübt werden.“ Rollenspiele könnten beispielsweise helfen. „Man kann die Situation nachspielen, sich damit vertraut machen. Das ist natürlich nicht für jeden etwas, aber man kann es ausprobieren.“

Auch Lehrkräfte könnten Kindern und Jugendlichen, die Probleme haben helfen. „Ich denke, es ist ganz wichtig, einen spielerichschen Start in die Unterrichtsstunde zu finden. Damit können die Schüler ganz locker an die Situation herangehen und die Anspannung löst sich etwas.“ Auch das hinzuziehen von Medienreferenten der Schule könne helfen.

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