KUNSTGESCHICHTE AUS DEM RATHAUS

War für Wasserburger „Gerechtigkeitsbild“ Rubens Werk Inspiration?

Das Urteil des König Salomons ist ein Gemälde von Gregor Sulzböck, dass der Maler 1667 für den kleinen Rathaussaal in Wasserburg geschaffen hat. Als Vorlage hat ihm unter anderem ein Kupferstich von Boetius à Bolswert gedient, der in der Werkstatt des Flämen Peter Paul Rubens gearbeitet hat. Rubens selbst hatte das Thema um 1629 gemalt.
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Das Urteil des König Salomons ist ein Gemälde von Gregor Sulzböck, dass der Maler 1667 für den kleinen Rathaussaal in Wasserburg geschaffen hat. Als Vorlage hat ihm unter anderem ein Kupferstich von Boetius à Bolswert gedient, der in der Werkstatt des Flämen Peter Paul Rubens gearbeitet hat. Rubens selbst hatte das Thema um 1629 gemalt.

Das Urteil des König Salomons und das Jüngste Gericht – beide Motive finden sich im kleinen Rathaussaal in Wasserburg auf Gemälden des Künstlers Gregor Sulzböck. Dass er der Urheber der „Gerechtigkeitsbilder“ ist, ist noch nicht lange bekannt, weiß Heimatforscher Ferdinand Steffan. Als Vorlage diente vermutlich auch das Werk des flämischen Barockmalers Rubens.

Wasserburg – „Schneidet das lebende Kind entzwei und gebt eine Hälfte der einen und eine der anderen Frau“, heißt es im Buch der Könige im Alten Testament, als zwei Frauen sich darum stritten, wer denn die Mutter des Säuglings sei.

Ein Test: die echte Mutter hat Gefühle

Herrscher Salomon wollte die beiden testen und fand heraus, wer das Kind wirklich geboren hatte: Jene Frau, die es lieber der anderen überlassen hätte, als es sterben zu sehen. Das salomonische Urteil ist ein beliebtes Motiv für sogenannte Gerechtigkeitsbilder, die in der Spätgotik und der Renaissance in Rathäusern zu finden waren – so auch in Wasserburg in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. 1667 hat der Maler Gregor Sulzböck für den kleinen Rathaussaal ein solches Werk geschaffen.

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Ein Gemälde existiert heute nicht mehr

Gerechtigkeitsbilder stellten eine damals übliche Bildsequenz in Sitzungsräumen dar, welche Bürgermeister und Ratsherren zu gerechtem Handeln und Urteil mahnen sollten, erklärt der Kreisheimatforscher Ferdinand Steffan. Von ursprünglich fünf Gemälden mit den durchschnittlichen Maßen 71 mal 240 Zentimetern sind nur vier erhalten geblieben, welche die Kreuzigung Jesu, das Urteil Salomons, das Urteil Daniels (Susanna vor den Richtern) sowie die Wiedergutmachung eines Unfallgeschehens durch Kaiser Trajan zum Thema haben.

Seit 2010 das Kreuzigungsbild einer Restaurierung unterzogen wurde, konnte man erstmals den Künstler identifizieren, der sich am Stamm des Kreuzes mit der Signatur und Datierung „G.S.P./1667“ verewigt hatte.

Ein Jahrzehnt später war es nun möglich, die Vorlagen für das „Urteil Salomons“ zu entdecken, die über mehrere Stationen bis zum Flämen Peter Paul Rubens (1577 Siegen – 1640 Antwerpen) zurückreichen, weiß Steffan zu berichten.

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Rubens hatte das Thema um 1629 gemalt, als der Kupferstecher Boetius à Bolswert (1585 bis 1633) in dessen Werkstatt aufgenommen wurde, wohl um das Schaffen des Meisters über die Druckgrafik einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. So entstand zwischen 1629 und 1633 ein Kupferstich des „Salomonischen Urteils“ im Format 44 mal 51 Zentimetern, der weite Verbreitung fand, sodass in der Werkstatt des Münchner Hofmalers Ulrich Loth (vor 1599 München – 1662 München) nach Boetius à Bolswerts Vorlage in den frühen 1630er Jahren ein farbkräftiges Ölgemälde angefertigt werden konnte. Vermutlich war dieses für die Residenz von Herzog Maximilian I. bestimmt. Das Gemälde, das manche Details des Kupferstiches übergeht und wohl auf Fernwirkung angelegt war, hatte das Format 251 mal 294 Zentimeter.

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Als Gregor Sulzböck den Auftrag für die Gerechtigkeitsbilder erhielt, war ihm ein schmal rechteckiges Format von nur 71 Zentimetern Höhe, aber 240 Zentimetern Breite vorgegeben, damit die Gemälde zwischen Balkendecke und den Sitzen Platz hätte. Sulzböck übernahm die Szene von Rubens/Boetius und fügte an beiden Seiten eine figurenlose Architektur- beziehungsweise Landschaftsszene an.

Zunächst düster, später mehr Farbe

Die Details sind weiter vergröbert, die Gesichter wenig ausgeprägt. Und die Gesamtstimmung ist bräunlich-dunkel, da der Firnis seit der letzten Restaurierung durch Julius Schweizer in 60er Jahren des 19. Jahrhunderts stark vergilbt ist.

Allerdings hat Sulzböck in seinen Anfangsjahren häufig solche Umbra-Töne bevorzugt, ehe er zu größerer Farbigkeit fand, hält Ferdinand Steffan fest.

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Ob der örtliche Künstler je das Werk des Hofmalers Loth gesehen oder mit ihm Kontakt hatte – jener hatte ja für Wasserburg das Hochaltarblatt in St. Jakob gemalt – bleibt fraglich. Sulzböck selbst stammte aus Eggenfelden, wo er 1636 geboren wurde. Wasserburger Bürger war er ab 1657 – hier verstarb der Mann 1698.

Eine Restaurierung würde den vier Gemälden etwas von ihrer ursprünglichen Aussagekraft zurückbringen und vielleicht die Anhaltspunkte für die Vorlagen zum Urteil Daniels und den Architekturmotiven liefern. „Aber die Kunstforschung erfolgt ja in kleinen Schritten“, sagt Steffan verständnisvoll.

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