Ungewöhnliches Hobby

Von wegen Schweinsgalopp - Antonia (14) aus Reichertsheim reitet täglich mit Kuh Bonja aus

Eine enge Verbindung: Kuh Bonja ging schon am Tag nach ihrer Geburt mit Antonia Lindlmeier spazieren.
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Eine enge Verbindung: Kuh Bonja ging schon am Tag nach ihrer Geburt mit Antonia Lindlmeier spazieren.
  • Andrea Klemm
    vonAndrea Klemm
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„Wenn Bonja keinen Bock hat, buckelt sie dich runter“, sagt Antonia Lindlmeier (14) aus Reichertsheim lachend, als sie ihrer Kuh das Halfter über den massigen Kopf zieht. Die Schabracke und der englische Sattel sind auf dem Rücken des Fleckviehs bereits befestigt. Kuh und Reiterin traben los - wie jeden Tag.

Reichertsheim – Die 14-jährige Antonia setzt einen Fuß in den Steigbügel und schwingt sich in den Sattel.

„Dicke, komm gehma“, sagt sie und dann reiten die beiden los. Das Normalste der Welt auf dem Hof der Lindlmeiers in Reichertsheim. Hier gibt es 50 Milchkühe im Laufstall – und eine Handvoll in Anbindehaltung. Wie Bonja.

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Schon am Tag nach Bonjas Geburt ging die 14-jährige Realschülerin mit ihr spazieren, gewöhnte sie ans Halfter. Jetzt kennt es die Kuh nicht anders. Wenn sie faul am Boden in ihrem Stall liegt und Antonia das Halfter holt, steht Bonja sofort auf.

Wenn Kuh Bonja keine Lust hat, muss Antonia Lindlmeier sämtliche Überredungskünste auspacken.

Manchmal ganz schön eigensinnig

„Gehe ich am Stall vorbei, ruft sie mich“, sagt die zierliche, blonde Jugendliche fröhlich. Kühe sind menschenbezogen, aber auch eigensinnig. Bonja hat heute keine große Lust, für die Zeitungsreportage ihre Beweglichkeit unter Beweis zu stellen. Sie hatte ihren Ausritt ohnehin schon am Morgen, durfte zwischendurch Grasen und nun ist sie träge und gelangweilt.

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Bonja muss man auch mal überreden

Antonia grinst. Wenn ihre Kuh nicht mehr mag, dann muss man sie geduldig überreden. Ab und zu reiten sie über Thambach bis nach Aschau und wieder zurück. Bonja bleibt dann manchmal am Heimweg stehen und will bequatscht werden. Oft begleitet Antonias Freundin Chiara Holzner – auch mit einer Kuh – die beiden.

Kuh Bonja kann auch richtig Gas geben.

Chiara führt ihr Hausrind am Halfter. Geritten ist sie ihre „Dwini“ noch nicht, hat es aber vor. Antonia besitzt noch zwei weitere Kühe, die vom Wesen her geeignet sind, sich am Halfter führen zu lassen. Und vielleicht später einmal geritten zu werden.

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Kuh lässt Mädchen gleich aufsitzen

Bei Bonja war es ganz einfach. „Sie hat mich gleich aufsitzen lassen“, erzählt die 14-Jährige. Die Kommandos „rechts“ oder „links“ hat sie ihr mit einer Doppel-Longe beigebracht. Dabei ging sie mit einem sehr langen Seil, am Halfter befestigt, hinter Bonja. „Wie bei einer Kutsch-Fahrt – nur ohne Kutsche.“ Antonia reitet von Kindesbeinen an auf Pferden, seit einem Jahr eben auch auf Kühen.

Kein „Schweinsgalopp“: Kuh Bonja kann richtig Gas geben.

„Ich wurde noch nie abgeworfen“

„Sie kann besser mit Tieren, als mit kleinen Kindern. Und hat schon immer einen sehr guten Draht zu den Kühen“, sagt ihre Mutter Andrea Lindlmeier. Was man braucht, um auf einer Kuh zu reiten, erklärt die Tochter. Die Kuh muss es wollen, man muss sie von Geburt an kennen und reiten können. „Ich könnt‘s nicht, obwohl ich immer mit Kühen zu tun hatte“, sagt ihre Mama mit Stolz auf Antonia, die ihr Hobby so selbstverständlich lebt.

Abgeworfen worden ist sie nach eigenen Angaben zufolge noch nicht.

Leinöl und Kokosöl, geschnittenes Heu und Bruch-Kraftfutter gibt es für Bonja nach dem Ausreiten.

Lockdown sinnvoll genutzt

„Das sagt sie jetzt nur, weil ich dabei bin“, wirft ihre Mutter schmunzelnd ein, die mit wachsamen Auge drauf schaut, dass dem Kind nichts passiert. Antonia räumt gleich ein, dass sie allerdings „mal runter gefallen sei, aber nur, weil der Sattel locker war“. Ihre Mutter rollt mit den Augen. Sie ist froh, wenn Chiara auch dabei ist, wenn ein Ausritt ansteht.

Andrea Lindlmeier, die auf dem Hof ein Kosmetikstudio betreibt, findet, die beiden Freundinnen haben den Corona-Lockdown sehr gut genutzt. Sie waren ständig mit ihren Tieren an der frischen Luft, haben Touren gemacht und sind sonnengebräunt heimgekehrt.

Antonia Lindlmeier reitet täglich mit Kuh Bonja aus. Gerne auch mal im Galopp, sofern Bonja Lust hat.

Als es sehr heiß war, starteten sie schon um 6 Uhr morgens. Auf Hitze haben die Kühe Bonja und Dwini nämlich keine Lust. 20 Grad, leicht bewölkt – das ist ihr Wetter. Dann galoppiert Bonja mit ihrer Reiterin auf dem Rücken auch mal oder springt über kleine Hindernisse, wie einen schmalen Baumstamm, der in der Wiese liegt.

Vor und nach dem Ausritt wird Bonja gestriegelt, „damit sie nach was ausschaut“, lacht Antonia, die ihre gerade ein „Leckerli“ zusammenmischt. Bruch-Kraftfutter, dazu klein geschnittenes Heu und ein Stamperl Leinöl und ebenso viel Kokosöl. Letzteres soll gegen Zecken helfen.

Bonja ist in Anbindehaltung untergebracht

Antonia kennt sich inzwischen sehr gut aus mit den Rindern. „Ich mag es einfach, mit Tieren zu arbeiten.“ Wie zur Bestätigung macht Bonja ein grunzendes Geräusch. Sie freut sich sichtlich auf das, was Antonia für sie in einem Eimer zusammen mixt.

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Die Jugendliche spürt stets, ob sich Bonja oder eines der anderen Vierbeiner am Hof wohlfühlt. Bevor sie mit ihrer Kuh das Reiten trainierte, brachte sie sie in Anbindehaltung unter. So konnte sie sich nicht im Dreck wälzen. Unter dem Sattel dürfen keine Schmutzkrusten im Fell sein, das würde sonst Druckstellen ergeben. „Ich müsste sie ja dann jeden Tag waschen und das mag sie so überhaupt gar nicht“, erzählt Antonia schmunzelnd.

Sogar stehend unterwegs

Dass die 14-Jährige als späteren Berufswunsch „Tierärztin“ oder „Physiotherapeutin für Pferde“ angibt, ist nicht verwunderlich bei ihrer Liebe zu der Viecherei. Jetzt kommt sie erst einmal in die neunte Klasse an der Realschule in Haag. In die Schule ist sie mit ihrer Kuh noch nicht geritten. Aber wer weiß, wenn es mal einen Projekttag unter dem Motto „Bring dein Haustier mit“ geben sollte, dann hätte Antonia sicher ihren großen Auftritt.

Wenn sie nicht auf Kühen oder Pferden reitet, besucht sie gerne das Parcours-Training für „Freerunner“, das in der Schulturnhalle angeboten wird. Sie lernt Salti sowie Sprünge und verbindet dies im Lauf mit Turnelementen. Da Antonia auch stehend auf ihrer Bonja reiten kann, passt sie gut in das Team, das keine Bange vor waghalsigen Stunts hat.

Antonia Lindlmeier (in Rot) reitet täglich mit Kuh Bonja aus. Meist ist auch die beste Freundin der 14-Jährigen, Chiara Holzner (rechts), dabei, die ihre eigene Kuh Dwini am Halfter spazieren führt.

Tierarzt ist verblüfft

Das sagt der Tierarzt: Dr. Johann Höcketstaller, Tierarzt Gars; „Antonia reitet die Kuh sehr gut. Ich war verblüfft, als ich das zum ersten Mal sah. Wie beim Dressurreiten, also eine ne ganz andere Liga! Der Kuh macht es Spaß, sie macht willig mit. Die Beschäftigung gibt dem Tier eine ganz andere Perspektive. Aus tierschützerischer Sicht hab ich keinerlei Bedenken. Ich sehe den beiden wirklich mit Begeisterung zu, sie haben eine innige Beziehung. Antonia hat ein sehr gutes Händchen, so etwas geht nicht mit jeder Kuh.“

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