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Vikarin Inga Seidel aus Haag: „Männer im Haushalt werden gefeiert - Frauen nicht“

Feminismus Frauentag
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„Männer im Haushalt werden gefeiert - Frauen nicht“, sagt Vikarin Inga Seidel aus Haag. Das sehen auch die Demonstranten, die unser Symbolbild zeigt, ähnlich.
  • Sophia Huber
    vonSophia Huber
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Inga Seidel aus Haag ist Vikarin – ein Beruf, der auch seine Tücken hat. Ein Gespräch über ihren Beruf und ihre Rolle als Frau – und darüber, warum Corona vor allem die Mütter belastet.

Haag –Während bei den Katholiken mit Aktionen wie „Maria 2.0“ dafür gekämpft wird, ist es in der evangelischen Kirche schon längst normal, am Altar eine weibliche Person stehen zu sehen. Eine davon ist Inga Seidel. Im September darf sich die Haagerin offiziell als Pfarrerin bezeichnen, dann geht ihre Zeit als Vikarin zu Ende.

Ihr Beruf wurde Seidel bereits in der Kindheit vorgelebt. Beide Eltern sind ebenfalls als Pfarrer tätig. „Sie haben mir immer vermittelt, dass es der schönste Beruf ist, den es gibt.“ Eine Überzeugung, die Seidel teilt.

Für sie ist es eine Berufung

Mit ihren Predigten Menschen berühren, das ist es, was sie begeistert. „Wenn ich einen Text habe, der mich selbst bewegt, dann kann ich auch andere damit berühren. Das ist meine Überzeugung.“ Dazu gehöre auch, dass ihr jemand nach der Predigt an der Kirchtür erklärt, warum er oder sie gar nicht ihrer Meinung ist. „Das ist mir in dem Moment egal, denn ich weiß, derjenige wird jetzt darüber nachdenken.“

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Inga Seidel, Vikarin, sieht ihren Beruf als Berufung.

Ein Beruf in der evangelischen Kirche, das ist für sie eine Berufung. Auch wegen der Vielseitigkeit der Tätigkeit, die gefalle ihr überhaupt am besten. „Ich kann zehn Trauergespräche führen und trotzdem ist das elfte ganz anders.“

Doch auch sie gibt zu, nicht alles an ihrem Beruf ist perfekt. Gleich zu Beginn ihrer Tätigkeit in Waldkraiburg war Seidel alleinerziehende Mutter. Nicht immer einfach, wie sie jetzt im Nachhinein feststellt. „Finanziell war das im Vikariat für mich, ohne Unterstützung meiner Familie nicht zu schaffen.“

Und auch in der evangelischen Kirche ist nicht alles perfekt. „Es stimmt, dass wir weiterhin weniger Frauen als Männer in Führungspositionen haben.“ Sie mache dafür verhärtete Strukturen verantwortlich, die auch in anderen Berufsfeldern zu sehen seien.

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Auch der Beruf selbst und ihn mit der Familie zu verknüpfen sei eine Herausforderung für viele. „In diesem Beruf hat man keine geregelte Arbeitswoche.“ Eine Flexibilität, die einerseits Chancen biete: „Ich kann mit meinen Kindern ohne Probleme am Vormittag zum Kinderarzt oder mal einen Nachmittag mit Schlittenfahren verbringen“. Andererseits mache die Notwendigkeit zur Flexibilität das Familienleben auch schwierig „Es gibt viele Abendtermine. Gleichzeitig brauchen mich meine Kinder abends. Da kann es schwierig sein, beidem gerecht zu werden.“

Ein Problem, das wohl viele Frauen kennen. „Ich denke, dass es bei Männern gefeiert wird, wenn sie im Haushalt oder mit den Kindern mithelfen. Bei Frauen ist das nicht der Fall. Da wird es erwartet.“

„Es sind die Mütter, die beim Homeschooling helfen“

Insbesondere in CoronaZeiten schlage sich dies nieder. Seidel beobachtet es vor allem bei ihrer Tätigkeit als Religionslehrerin. „Es sind die Mütter, die beim Homeschooling helfen, die nachfragen, Aufgaben anfordern und sie mit den Kindern durchgehen.“ Sie begegne einigen Frauen, die überfordert mit der Situation sind.

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Die Probleme der katholischen Kirche mit Frauen im Priesteramt beantwortet Seidel ganz schlicht mit: „Ich denke, es würde der Kirche guttun. Zumindest würde es das Nachwuchsproblem lösen. Denn wenn ich die Hälfte der Bevölkerung kategorisch ausschließe, dann sind Nachwuchsprobleme die Folge.“

Seelsorge auf Abstand: Inga Seidel über die Probleme während Corona

Neben ihrer Tätigkeit als Religionslehrerin an Grundschule und Gymnasium ist Inga Seidel auch Seelsorgerin, unter anderem in der Hospizinsel Waldkraiburg. Corona, sagt sie, mache die Seelsorge schwieriger. „Wir kommen an viele Menschen nicht heran“, erklärt sie, denn auch die Seelsorge sei auf digitale Angebote reduziert. „Aber diejenigen, die sie bräuchten, erreichen wir nicht mit digitalen Angeboten.“

Nähe zu geben und gleichzeitig Abstand zu halten, eine Herausforderung, insbesondere beim Thema Tod und Trauer. Seidel erzählt von einer Beerdigung vor einigen Wochen. „Die Witwe stand ganz allein am Grab. Familie hatte sie nicht und alle anderen mussten eineinhalb Meter Abstand halten.“ Unter normalen Umständen hätte Seidel oder ein anderer Trauergast sie in den Arm genommen, unter diesen Umständen nicht möglich.

Trotzdem sieht die Vikarin Chancen. „Ich denke, viele Menschen haben in dieser Zeit das soziale Miteinander wieder mehr schätzen gelernt und vielleicht auch gemerkt, wer wirklich für sie da ist.“ Ein Hospizbewohner, den sie begleitet habe, sei durch Corona wieder mehr in Kontakt mit seinen Kindern. „Er hat eine Lungenkrankheit und die Kinder meinten sofort, als es losging: Du bleibst im Haus, wir kaufen für dich ein. Wahrscheinlich hätte er diese Verbindung zu seinen Kindern nicht mehr so intensiv aufbauen können, wäre Corona nicht gekommen.“

Aber natürlich macht sich Seidel Sorgen. „Ich denke, bei Kindern können wir noch viel auffangen, aber bei den älteren Menschen, da könnte einiges verloren gehen.“ Kirche und Seelsorge müsse da kreativ werden.

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