Vier Jahrzehnte Trauungen

Anneliese Graßer geht mit dem St. Wolfganger Standesamt in Rente

Trauungen sind die schönste Arbeit, finden Bürgermeister Ullrich Gaigl und Standesbeamtin Anneliese Graßer.
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Trauungen sind die schönste Arbeit, finden Bürgermeister Ullrich Gaigl und Standesbeamtin Anneliese Graßer.
  • vonHermann Weingartner
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Sie war bei jeder Eheschließung mit Herzblut dabei: Standesbeamtin Anneliese Graßer aus St. Wolfgang. Nun geht sie nach vier Jahrzehnten in den Ruhestand – und nimmt das Standesamt gleich mit. Denn die Aufgaben übernimmt ab Januar 2021 die Stadt Dorfen.

St. Wolfgang – „Auch nach 40 Jahren bin i immer no a bisserl aufg’regt vor jeder Trauung“, erzählte St. Wolfgangs Standesbeamtin Anneliese Graßer im Gespräch mit der Wasserburger Zeitung. Am Jahresende geht sie nach 44 Berufsjahren in den Ruhestand. Das ist dann auch das Ende eines eigenen Standesamtes in der Gemeinde St. Wolfgang.

Der Gemeinderat hat am Mittwoch eine „große Übertragung“ des Standesamts zum 1. Januar 2021 an die Stadt Dorfen einstimmig und endgültig genehmigt. Bürgermeister Ullrich Gaigl (FW) erinnerte in der Sitzung, dass bereits im September 2019 das Standesamtswesen im Rahmen einer „großen Übertragung“ an die Stadt Dorfen beschlossen wurde.

Stadt Dorfen ist enger Partner

Dem Vorgang hatte der Stadtrat dann im November 2019 zugestimmt. Ein „endgültiger Übertragungsbeschluss der Gemeinde wurde aber übersehen“ und musste nachgeholt werden. Die Abgabe von Standesämtern kleinerer Gemeinden an größere Kommunen und Städte sei „von oben“ gewollt, so der Bürgermeister.

Personell geschickte Entscheidung

Das bestätigte auch Graßer und betonte, „das ist die Zukunft“ und sei „froh, dass das Standesamt nach Dorfen gekommen ist, weil die Stadt bisher schon ein sehr, sehr guter Partner gewesen ist“. Einer der „vielen Gründen“ das Standesamt abzugeben sei auch der finanzielle Aspekt, sagte Gaigl. Nach dem Ausscheiden von Anneliese Graßer könne heute ein Standesamt zwingend nur mit einem Beamten(in) im „höheren Dienst“ besetzt werden.

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Und eigentlich bräuchte es ja drei Standbeamte, das sei in St. Wolfgang bisher „überbrückt“ worden. Weiter führte Gaigl aus, dass jeder Bürger im Durchschnitt nur alle zehn Jahre ins Standesamt komme. Die meisten der amtlichen Vorgänge betreffen Geburten, Eheschließungen und Todesfälle, die Eintragung in die Register und Ausstellung entsprechender Urkunden. Viele Standesbeamte, wie Graßer, begleiten den Akt auch beratend. Die Sachbearbeitung dieser drei Amtshandlungen dürfen nur von einer Behörde vorgenommen werden und obliegen den Standesbeamten.

Trauungen weiterhin in St. Wolfgang möglich

Zugestimmt hatte der Gemeinderat auch, weil künftig Trauungen im St. Wolfganger Rathaus weiter möglich sind. Ein Bürgermeister ist Kraft Amtes auch Eheschließungsbeamter.

Gaigl versicherte, dass er „sehr, sehr gerne“ auch weiter heiratswillige Paare im Rathaus trauen werde. Eva-Maria Rottenwaller (CSU) monierte nur einen Punkt im Übergabevertrag. Ihr fehlte, dass auch die Personenstandsregister und Archivbücher an die Stadt übergeben werden müssen. Die Register und Bücher seien „ein Stück St. Wolfganger Geschichte“. Die „Bücher“ brauche man in Dorfen aber „zum Arbeiten“, erklärte Graßer. Aufgenommen wurde im Vertrag nun ein Passus, wonach das Dorfener Standesamt die entsprechenden Bücher an die Gemeinde St. Wolfgang zurückgebe, wenn sie „nicht mehr gebraucht“ werden.

Bei Sterbefällen mit geweint

Anneliese Graßer hat 1976 in der Gemeindeverwaltung St. Wolfgang als Büroangestellte angefangen und geht jetzt nach über 44 Jahren in den Ruhestand. Im Oktober 1981 nahm sie ihren Dienst als Standesbeamte auf, erzählte die 64-Jährige. Die Tätigkeit habe „auch mein Leben total bereichert, mich wachsen lassen, durch die vielen Momente, Augenblicke von Glück und auch Trauer“. Am 21. Januar 1982 traute sie ihr erstes Paar, hunderte folgten.

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„Jede Trauung ist ganz was Besonderes“, schilderte die Standesbeamtin. Sei „bei jeder Eheschließung wirklich mit Herzblut dabei. Das lebe ich total mit und habe immer persönliche Worte“. Anfangs habe „ich mich ned so viel sag’n getraut“ aber mit den Jahren und mit eigener Lebenserfahrung finde sie immer passende Wort. Erlebt habe sie da schon alles mögliche. Ein Brautpaar habe an der Treppe „no g’sagt, eigentlich wäre es gscheiter wir heiraten ned“. Das habe dann „a ned lange g’haltn“. Zuletzt traute Graßer zunehmend auch Brautpaare, deren Eltern sie schon verheiratet habe. Und heuer vermähle sie das vierte Paar in einer Familie. Zu den unschönen Aufgaben gehöre es, Sterbefälle zu beurkunden. „I hob scho, viele, viele Menschen mit Sterbefall vor mir gehabt. Da hab i viele Tränen mit geweint“. Eine Geburtsurkunde auszustellen sei – auf eine ganz andere Art – ein „sehr emotionaler Moment“.

Ein Abschied mit Wehmut

Dass sie bald aufhört, das wird „ein Abschied mit Wehmut aber ganz Schluss ist auch der Pensionierung nicht“, verriet Graßer. „Ich werde geringfügig beschäftigt noch weiter machen und den Ulli unterstützen“.

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Sie freue sich aber auch die Zeit, die sie nun für ihre Hobbys wie Bergwandern, Radeln, Reisen, Kulturveranstaltungen besuchen und mehr Zeit mit der eigenen Familie zu verbringen, hat.

Seit sieben Jahren ist Gaigl Bürgermeister in St. Wolfgang und genauso lange traut auch er Paare als Eheschließungsbeamter: „Des is des scheenste Arbeit als Bürgermeister – ich liebes es und nimm mia a am Samstag gern Zeit. Aufgregt bin dann jedes moi wia bei der ersten Hochzeit“.

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