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Arbeiten bei der Müllabfuhr: Unsere Reporterin wirft in Wasserburg alle Vorurteile über Bord

Respekt für die Leute von der Müllabfuhr hat Reporterin Andrea Klemm, die ein Team bei der Arbeit begleitete und mit anpackte.
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Respekt für die Leute von der Müllabfuhr hat Reporterin Andrea Klemm, die ein Team bei der Arbeit begleitete und mit anpackte.
  • Andrea Klemm
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Tagelang hatte sich Andrea Klemm darauf vorbereitet: Das geistige Auge auf die einmal erlebte Orangenblüte in Italien gerichtet und auf Mundatmung eingestellt – so wollte sie ihren Reportereinsatz, einen Tag bei der Müllabfuhr, ohne größere Blessuren überstehen. Doch dann kam alles ganz anders.

Wasserburg – Wer schon einmal bei Sommerhitze an einem Müllwagen vorbei ging, weiß, was ich meine. Mikroorganismen, Ammoniak, Schwefel, Methan, Putrescin und all das fiese Zeug, das einem gern den Magen umdreht.

Mentholpaste und ätherisches Öl wurde nicht gebraucht

Gegen die vermutete als unangenehm empfundene olfaktorische Wahrnehmung hätte vielleicht Mentholpaste oder ätherisches Öl unter der Nase geholfen. Dass am Ende alles ganz anders war, enttäuschte mich sogar ein bisschen. Aber nur ein bisschen.

Es roch sehr viel weniger, als befürchtet. Ich wurde nicht mal richtig dreckig in meiner neongelben Warnkleidung. Bei diesem Einsatz bin ich fleißigen, höflichen und gewissenhaften Menschen begegnet und einem luftigen und interessanten Arbeitsplatz. Einer Sache dagegen nicht: meinen eigenen Vorurteilen.

Der Gefahrenbereich auf der Rückseite des Müll-Lasters wird mit einer Kamera im Führerhaus überwacht. Alex und Sepp stehen mit einer Tonne an der Schüttung.

Erst Altenpfleger, jetzt bei der Müllabfuhr: Ein Job wie andere

„Einen Müllfahrer als Freund?“, zitiert Alex Mayer aus Rott seine Freundin und lacht dabei. Der gelernte Altenpfleger ist seit einem halben Jahr bei der Firma Zosseder, die die Müllentleerungen für die Stadt Wasserburg macht.

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An den Gedanken habe sich die junge Frau zunächst gewöhnen müssen, doch jetzt sei es kein Thema mehr. „Ist ein Job wie jeder andere“, sagt der 27-Jährige und steigt vom Trittbrett des Müll-Lasters, um sich die zwei Restmüll-Tonnen am Straßenrand zu schnappen.

Sepp Berger ist ein alter Hase

Sepp Berger, ein alter Hase beim Zosseder, arbeitet seinen jüngeren Kollegen gerade ein, denn bisher war Alex für Containerentleerungen zuständig und auf anderen Touren unterwegs.

Als Müllwerker muss er körperlich fit sein. Bis zu 700 Tonnen pro Tag und Tour sind zu leeren. Schnell muss es gehen, sonst wird man nicht fertig. „Ein paar Muckis schaden auch nicht, denn die Tonnen sind oft sehr schwer, weil die Leute so viel reinstopfen und die Masse sehr verdichten“, sagt Sepp Berger. Generell werde der Müll immer mehr, stellt der 58-jährige Ameranger fest.

In Wasserburg wird Müll gewogen

Weil in Wasserburg abgewogen wird und die Bürger nach Gewicht zahlen, kann der sparen, der weniger Unrat produziert, wie der erfahrene Kraftfahrer erklärt.

Alex hängt die Tonnen an der Schüttung des Abfallsammelfahrzeuges ein. Automatisch fahren die hydraulischen Arme die gechippten Behälter hoch und kippen den Inhalt in den Lkw.

Die leeren Tonnen stellt der „Müllwerker“ wieder an den Straßenrand. Am Fröschlanger, am Gerblanger und in der Dobl-Siedlung stehen an manchen Plätzen zehn oder mehr Behältnisse bereit. Dann steigt der Fahrer auch aus und packt mit an – sonst dauert es zu lange.

Eine Tonne mit Babywindeln – heute markantester Geruch

„Ich bin der Trittbrettsurfer“, sagt der 27-jährige Alex und grinst. Der zweite Surfer an diesem Tag bin ich.

Zu zweit geht’s flott. Mit Handschuhen, Sicherheitsschuhen und Neon-Klamotte ausgestattet, packe ich mit an. Die Tonnen sind unterschiedlich groß. Der Schüttarm lässt sich automatisch oder per Knopfdruck auf die entsprechende Höhe einstellen.

Ich halte den Atem an - doch es ist unnötig

Mit angehaltenem Atem geh ich zunächst ans Werk. Schnell merke ich, dass die Geruchsbelästigung minimal ist. Gut, es hat nur knapp über 20 Grad an diesem Tag. Der Kehricht stinkt nicht sonderlich. Was vielleicht auch an der Trennung von Rest- und Biomüll liegt.

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Bio-Müll rieche säuerlich. Richtig übel soll es bei der Speiseresteentsorgung miefen, die allerdings andere Kollegen machen, wie ich erfahre. Glück gehabt!

Ich komme beim Müllwerken gar nicht wirklich mit Dreck und Gestank in direkte Berührung. Nur ein Abfallbehälter verrät, dass die Bewohner des Hauses Nachwuchs haben. Die vollen Babywindeln bleiben der markanteste Geruch an diesem Tag.

Angeblich könne man sich auch an die schlimmsten Düfte gewöhnen. Das sagt zumindest der Sepp. „Ab und zu hebt‘s mich schon mal. Zum Beispiel als wir einmal einen gegrillten Schafskopf im Müll vorfanden.“ Den fanden auch die Maden gut. Der Sepp musste ein paar Meter Sicherheitsabstand zwischen sich und den Kadaver bringen. Den Kollegen, der heute krank ist, würgte es ordentlich.

Biostoffe im Müll

Sepp lacht. Schlimmeres sei ihm noch nicht widerfahren, seit er 1984 zum Fuhrunternehmen Zosseder kam. Wichtig für ihn und seine Kollegen vom Entsorgungsteam sind neben der Sicherheitsunterweisung – die mir Alexander Unterburger, Fachkraft für Arbeitssicherheit und Ausbildungsleiter beim Zosseder näher bringt – auch die notwendigen Impfungen zu haben, die der Betriebsarzt vornimmt.

Impfpflicht: Gegen Hepatitis und Tetanus muss sein

Gegen Hepatitis A und B sowie Tetanus ist Standard. „Biostoffe sind im Müll enthalten. Die Wahrscheinlichkeit, sich dabei anzustecken ist gering. Dennoch kann man sich mal aufritzen. Dann ist es gut, wenn man die richtige Impfung hat“, so Unterburger.

Umsicht im Straßenverkehr

Weiter erklärt er, wie wichtig für den Müllwagenfahrer „Umsicht im Straßenverkehr“ sei. Mit dem Kopf bei der Sache sein, appelliert er. Dies gelte allerdings auch für die übrigen Verkehrsteilnehmer, die häufig viel zu schnell an den Müll-Lastern vorbeibrettern, wenn gerade Tonnen entleert werden. Das Vorbeifahren in Schrittgeschwindigkeit gebiete eigentlich der gesunde Menschenverstand – auch wenn es keine Pflicht sei, wie etwa bei Schulbussen an der Haltestelle.

Überhaupt sei das Thema fehlende Rücksichtnahme und mangelnder Respekt das tägliche Brot des Entsorgungspersonals. „Egal welches Wetter, unsere Leute machen ihre Arbeit. Wenn der Lkw beispielsweise bei Blitzeis den Berg einmal nicht mehr hochkommt, haben die Bürger kein Verständnis. Da läuft unser Telefon heiß“, sagt Martin Kirschner, zuständig für Personalmanagement und Unternehmensentwicklung.

Manch einer vergisst trotz Müllkalender oder Entsorgungs-App seine Tonne rechtzeitig rauszustellen. Sofort trudeln Beschwerdeanrufe bei der Stadt Wasserburg ein.

„Dann war’s wieder der Müllfahrer. Die Stadtverwaltung ist bemüht, den Kunden entgegenzukommen. Auch wenn wir nachweisen können, wann und wo wir geleert haben, müssen wir dann kostenaufwendig nochmal los und einzelne Behälter leeren.“ Hier hofft Kirschner, die Wasserburger sensibilisieren zu können.

Falschparker behindern die Arbeit

Auch die Falschparker in engen Siedlungsstraßen oder etwa in der Altstadt erschweren Sepp Berger und seinen Kollegen den Job. Sie behindern die Durchfahrt.

„Das ist mit das größte Ärgernis für uns“, sagt der Sepp. Manchmal versucht er binnen einer Stunde mehrfach sein Glück erneut. Irgendwann aber reißt ihm, dem geduldigen und gutmütigen Mann, auch einmal der Geduldsfaden.

Wertschätzung für Müllfahrer nicht hoch

Generell sei die Wertschätzung gegenüber diesem Berufsstand nicht sehr hoch. Obwohl sie die Stadt sauber halten, den Dreck von anderen Menschen wegfahren. „Ein Architekt wird anders bewertet als wir. Mei, da kann man nichts machen“, sagt er schulterzuckend.

Einzige Frau bei Müllabfuhr nur 1,51 Meter groß

Sehr gut verstehen kann ihn Rosi Wientges. Sie ist heute die zweite Fahrerin im Gebiet Wasserburg-Süd. Über Sepps Freisprechanlage kommt ein Anruf von ihr rein. Als einzige Frau im 18-köpfigen Müll-Entsorgungsteam und mit 1,51 Metern Körpergröße ist die Kraftfahrerin erst recht eine Exotin.

„Manchmal kommt es vor, dass man die Tonne sieht, aber mich dahinter nicht“, lacht sie laut beim Interview über die Freisprechanlage. Die 50-Jährige arbeitet in Teilzeit. „Kräftemäßig wär es mir sonst zu viel.“ Auch sie muss aussteigen und die teils schweren Abfallbehälter an den Schütter schieben.

Müllwagenfahrer braucht gute Nerven

Als Fahrerin aber brauche sie vor allem eines: gute Nerven. „Du bist sehr gefordert, es darf nichts schief gehen.“ Manchmal ärgert sie sich, weil die Leute im Straßenverkehr keine Geduld haben. Man werde angehupt, angepöbelt, wenn man seine Arbeit tue. „Mir stinkt das Unverständnis der Leute. Wir machen sauber und werden geschimpft.“

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Die behäbigen 26-Tonner, die Rosi oder der Sepp steuern, sind mit High Tech ausgestattet. Zu den sechs übergroßen Außenspiegeln gibt es einen Abbiege-Assistenten, eine Kamera über der sogenannten Schüttung, eine digitale Müllwaage und sehr viele Knöpfe.

Rückwärtsfahrten sind zu vermeiden

„Die Technik ist hochmodern. Der Wagen sagt mir, ob mein Kollege auf dem Trittbrett steht, das kann ich auch in der Kamera sehen. Der Motor würde sofort ausgehen, wenn ich jetzt rückwärtsfahren wollte“, erläutert Sepp Berger das Sicherheitssystem.

Mit diesem Koloss retour rangieren, das ist nicht ohne. Und verboten, wenn eine Person auf dem Trittbrett an der Rückseite steht. Diese muss sich seitlich platzieren und den Fahrer trotz Rückfahrkamera einweisen. Grundsätzlich wird nur arschlings gefahren, wenn es unvermeidlich ist, etwa in engen Altstadt-Sackgassen, wo es keine Wendehämmer gibt.

Eine Zwischenstation für den Wasserburger Hausmüll ist die ZAS in Thansau. Hier beim Zweckverband Abfallverwertung Südostbayern wird der von Zosseder angelieferte Unrat von der Müllumladestation nach Burgkirchen verfrachtet und dort im Müllheizkraftwerk thermisch verwertet – ein Baustein nachhaltiger Abfallwirtschaft.

Kleidung wird von Spezialfirma gereinigt

Müllwerker und Müllfahrer reinigen ihren Laster regelmäßig mit dem Dampfstrahler. Hygiene und Sauberkeit sind wichtig, auch für das Image dieses Berufsstandes.

Keiner geht in schmutzigen Arbeitsklamotten nach Hause. „Die Warnschutzkleidung bleibt im Firmengebäude in Spielberg und wird von einer Spezialfirma gereinigt. „Damit keine Biostoffe in die Privat-Autos unsere Leute gelangen“, erklärt Alexander Unterburger.

Mein allergrößter Respekt für das Entsorgungsteam

Die Kleidung spielt im Arbeitsalltag eine große Rolle für Sepp, Alex, Rosi und Co. Hochwertig, atmungsaktiv und für jedes Wetter das Passende vorhanden. „Wir haben eine gute Kluft. Vor allem die Regenjacke und der Wintermantel erleichtern den Einsatz“, erzählt Alex Mayer. Ihm gefällt das Trittbrettsurfen, das Arbeiten an der frischen Luft.

Gut gelaunt, gewissenhaft und gentlemanlike: Alex Mayer (links) und Sepp Berger von der Firma Zosseder fahren den Müll der Wasserburger weg. Klemm/Mayer

Tatsächlich ist es eine sehr viel angenehmere Tätigkeit als ursprünglich angenommen. Der Fahrer kutschiert den Müllwerker mit 30 Sachen herum.

Auf dem Trittbrett mitzufahren macht Spaß. Das ständige Auf- und Absteigen finden meine Knie nicht so prickelnd. Manche Tonne ist mir zu schwer. Nur mit Mühe bekomme ich sie vom Fleck. Alex achtet darauf, mir die leichteren Behälter zu überlassen. Ein Gentleman in Neongelb.

Am Tag davor hatte er Pech mit dem Wetter: Dauerregen. Das Wasser lief ihm oben beim Kragen rein und unten am Hosenbein wieder raus. Erfahrungen, die ich vom Motorradfahren nur zu gut kenne. Die Feuchtigkeit kriecht einem irgendwann in alle Glieder.

Als Schreibtischtäterin bin ich lieber ganz still

Das bleibt mir heute erspart. Als es zu tröpfeln beginnt, sind wir durch. „War doch gar nicht so schlimm, oder“, sagt er augenzwinkernd zu mir. Und verrät mir aufmunternd, dass er abends auch ganz schön k.o. sei. Da bin ich Schreibtischtäterin mal lieber ganz still. Er und seine Kollegen machen den Job tagein, tagaus. Mein allergrößter Respekt an die Saubermänner – und die Sauberfrau!

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