27 Monate geschlossene Therapie wegen Körperverletzung für alkoholkranken Angeklagten

Mit Video erinnerte sich Zeuge wieder

Rosenheim - Eigentlich brauchte der 28-jährige Restaurantfachmann, der sich nun wegen Körperverletzung erneut vor Richterin Bärbel Höflinger am Amtsgericht Rosenheim zu verantworten hatte, keinen Anlass zum Trinken. Er trank gewohnheitsmäßig, warum er am Dreikönigstag 2012 so betrunken war, konnte er vor Gericht nicht mehr so recht nachvollziehen. Bei der Polizei hatte er erzählt, am Vortag sei sein Vater verstorben. Deshalb habe er sich so betrunken, bei der späteren Einvernahme gab er zu Protokoll, es hätte Wochen vorher einen Todesfall in der Familie gegeben. Nun vor Gericht bestritt er alle diese Aussagen. Sein Vater sei nur ernsthaft erkrankt gewesen und inzwischen wieder genesen. Das konnte so dahingestellt bleiben.

Problematisch war aber, dass der Angeklagte in der Tatnacht einen türkischen Mitbürger in der Nähe des Atriums in der Münchener Straße beleidigt, getreten und mit einer Bierflasche beworfen hatte. Er selber hatte an diesen Vorfall keinerlei Erinnerung. "Ich war sinnlos betrunken", so seine Begründung. Das Tatopfer, selber kein Unschuldslamm, wurde aus dem Bernauer Gefängnis vorgeführt. Auch er wurde im Zeugenstand plötzlich von einer unerklärlichen Erinnerungslücke erfasst. Niemand bei Gericht vermochte ihm diesen plötzlichen Gedächtnisschwund zu glauben. Richterin Höflinger machte dem Zeugen die strafrechtlichen Folgen einer Falschaussage, beziehungsweise Falschbeschuldigung deutlich und verordnete ihm eine Denkpause.

Die weiteren Zeugen und eine Aufnahme der Video-Überwachungskamera bestätigten die Vorwürfe in der Anklage. Dem Tatopferzeugen war auf wundersame Weise auch die Erinnerung zurückgekehrt und so konnte die Beweisaufnahme abgeschlossen werden.

Der Gutachter Dr. Stefan Gerl aus dem Inn-Salzach-Klinikum bestätigte, dass bei der Aggressionstat eine verminderte Schuldfähigkeit nicht ausgeschlossen werden könne. Zudem stellte er fest, dass es sich bei dem Angeklagten fraglos um einen alkoholkranken Mann handle, bei dem eine Zwangsunterbringung in einer geschlossenen Therapieanstalt angeordnet werden solle, weil ansonsten weitere gleichartige Taten zu befürchten seien.

Der Staatsanwalt sah die Vorwürfe für erwiesen an. Selbst unter Einbeziehung aller für den Angeklagten sprechenden Umstände komme nur eine Haftstrafe von sechs Monaten in Betracht. Eine Aussetzung dieser Strafe zur Bewährung sei aus mehreren Gründen unmöglich. Erstens weist dessen Vorstrafenregister des 28-Jährigen über zehn Einträge auf, was aber noch schlimmer sei: Der Angeklagte hat dieses Vergehen unter dreifach offener Bewährung begangen. Alleine die Vorstrafen, deren Bewährung nun widerrufen wird, machen 21 Monate Haft aus.

Verteidiger Dr. Peter Schneider hatte für seinen Mandanten kaum Argumente vorzubringen. Er schloss sich dem Antrag der Staatsanwaltschaft an.

Das Gericht verhängte somit auch diesen 27-monatigen Freiheitsentzug, Richterin Höflinger erklärte: "Sehen Sie es positiv. So kommt nun eine Haftdauer zusammen, innerhalb derer sie in einer geschlossenen Therapie ihre Sucht loswerden und damit ein straffreies Leben beginnen können."

au

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