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"Vertrauen ist Sauerstoff des Lebens"

Hochrangig besetztes Podium beim Meggle-Gründerpreis: Alfons Maierthaler, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Rosenheim, Gabriele Bauer, Oberbürgermeisterin der Stadt Rosenheim, Prof. Dr. Dr. h.c. Werner Weidenfeld, Moderatorin Dr.Sonja Lechner, Werner Böck, Aufsichtsratsvorsitzender der Marc O'Polo AG, und der Grünen-Bundestagsabgeordnete Dr. Thomas Gambke (von links).  Foto  Stuffer
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Hochrangig besetztes Podium beim Meggle-Gründerpreis: Alfons Maierthaler, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Rosenheim, Gabriele Bauer, Oberbürgermeisterin der Stadt Rosenheim, Prof. Dr. Dr. h.c. Werner Weidenfeld, Moderatorin Dr.Sonja Lechner, Werner Böck, Aufsichtsratsvorsitzender der Marc O'Polo AG, und der Grünen-Bundestagsabgeordnete Dr. Thomas Gambke (von links). Foto Stuffer

Das Magazin "Cicero" listet Professor Dr. Werner Weidenfeld im Ranking "Deutschlands wichtigste Vordenker" auf Position 6.

Entsprechend brisant war sein Vortrag bei der Vergabefeier des Meggle-Gründerpreises. Er fordert einen Paradigmenwechsel von Politik und Gesellschaft.

Wasserburg - Einen hochkarätigen Referenten hat Toni Meggle für seine Feier zur Verleihung des 3. Meggle-Gründerpreises nach Wasserburg ins historische Rathaus geholt: Professor Dr.Werner Weidenfeld, Direktor des Centrums für angewandte Politikforschung (CAP) an der LMU München. Thema des 67-Jährigen: "Politik und Gesellschaft - Führung ohne Kompass?".

Weidenfeld warnte vor dem Prozess der Politikdistanzierung und Politikverachtung, den er derzeit in der Gesellschaft beobachtet. Der Politikwissenschaftler stützte diese Beobachtung mit aktuellen Schlagzeilen: "Die Welt ist aus den Fugen geraten", "Die neue Bräsigkeit der Politik", "Das Fahren auf Sicht ersetzt jedes Programm" und "Das Navi reicht nur bis zur nächsten Kreuzung".

Politische Konflikte drehten sich im Wesentlichen nur noch um pekuniäre Themen, während die nicht bezifferbaren gesellschaftlichen Grundlagen zu kurz kämen. Das finde seinen Niederschlag zum einen in der stetig sinkenden Wahlbeteiligung, zum anderen in der Fluidität und Aufsplitterung der Parteienlandschaft.

Weil in der globalisierten Welt die Komplexität der Themen steige, könnten rund 70 Prozent der Bürger nach eigenen Angaben politische Zusammenhänge nicht mehr korrekt einordnen. "Damit wird Populisten das Feld bereitet", mahnte Weidenfeld. Das praktizierte situative Krisenmanagement der politisch Verantwortlichen sei jedenfalls nicht dazu geeignet, die Gesellschaft vor geistiger Auszehrung zu bewahren.

Schlüsselmarkt Gesundheitswesen

Weidenfeld forderte die Politik auf, den Fokus weniger auf Mautdiskussionen und Mütterrenten zu legen, sondern die wirklich prägenden Projektthemen der kommenden Jahre zu legen - die demografische Entwicklung, die Globalisierung und den Machttransfer auf die EU. "Demografie ist mehr als eine Diskussion ums Renteneintrittsalter. Ein gesellschaftlicher Paradigmenwechsel ist notwendig". Während die Gesellschaft physisch altere, verjünge sie sich mental, auch mit Hilfe der digitalen Welt. Der Professor prophezeite, dass sich hier das Gesundheitswesen zum Schlüsselmarkt entwickeln wird. Hier habe Politik Weichen zu stellen.

Auch die Globalisierung nehme derzeit nicht den ihr zustehenden Platz auf der Agenda ein. Im Jahr 2050 leben mehr als neun Milliarden Menschen auf der Erde. Für dieses Bevölkerungswachstum seien vorwiegend "extrem junge Gesellschaften" verantwortlich, die sich "auf die Jagd nach einer Zukunftsperspektive" begeben werden. In einer Welt voller Asymmetrien was Rohstoffe und Energie betrifft warnte Weidenfeld von dem Einfluss von "Ohne-Zukunft-Terroristen", Abhängigkeiten und Erpressungsszenarien. Der Wissenschaftler betonte die Wichtigkeit, eigene Energiequellen zu erschließen.

Unterschätzt wird derzeit laut Weidenfeld auch die Dynamik der Digitalisierung. Nicht nur der Informationsaustausch werde immens beschleunigt, die Möglichkeiten, das Datennetz für Angriffe quasi aus dem Nichts zu nutzen, wachsen. Im so genannten Cyberwar sei nicht mehr zu erkennen, wer der Feind ist und wo er sitzt. So seien in den vergangenen Jahren die Rechner, die die US-Atomwaffen kontrollieren, rund 1200-mal gehackt worden. "In einem Fall, den ich selbst mitbekommen habe, vermuteten die Amerikaner iranische Harvard-Studenten als Täter. Letztlich waren es zwei kalifornische College-Schüler." Dieses Beispiel zeige: "Wir müssen uns mit Sicherheitsfragen auseinandersetzen!"

Die Europäische Union sieht Weidenfeld längst nicht mehr als "Ornament der Politik, sondern als Fokus der Machtarchitektur".

Gigantischer

Machttransfer

Außer in der Schul- und Bildungspolitik sowie in der Finanzierung sozialer Sicherungssysteme rede die EU inzwischen in jedem nationalen Politikbereich direkt und unmittelbar mit. Hier habe ein gigantischer Machttransfer stattgefunden, der allerdings für die EU-Bürger noch nicht nachvollzogen werde, zumal alle bisherigen Erklärungsmodelle für Europa - gemeinsamer Kulturraum, Freizügigkeit, Friedenssicherung - weitestgehend konsumiert seien. Der Euro habe immer noch keinen starken politischen Rahmen, die Sicherheitsfrage rücke immer näher an uns heran: "Wir brauchen neue Begründungsquellen, um den Menschen die Frage nach der Legitimation Europas zu beantworten. Das System muss transparenter gestaltet werden, wir müssen Vertrauen schaffen!", forderte Weidenfeld.

Gerade in Industriegesellschaften sei der Misstrauenspegel am höchsten. "Vertrauen ist aber Schlüsselkategorie der modernen Gesellschaft. Das Vertrauen in die zuverlässige Kompetenz des anderen ist der Sauerstoff des Lebens." Ein Vertrauen schaffender Kompass brauche Erklärungs- und Deutungskraft sowie Orientierungs- und Kommunikationsfähigkeit. Politik und Gesellschaft müssen dem Einzelnen Orientierung bieten, statt andauernd alte Fehler zu wiederholen, forderte der Wissenschaftler.

Die anschließende hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion, die das Referat eigentlich vertiefen sollte, litt unter der wenig routinierten Moderation der Kunsthistorikerin Dr. Sonja Lechner, die deutlich mehr Energie darauf verwandte, möglichst kluge und ambitionierte Fragen zu stellen, als darauf, ein wirkliches Gespräch in Ganz zu bringen.

Wesentliches Ergebnis der Diskussion: Vertrauen ist der limitierende Faktor für das Gelingen gesellschaftlichen Zusammenlebens. Als Wirtschaftsvertreter schilderte Werner Böck, Aufsichtsratsvorsitzender der Marc O'Polo AG, die Maßnahmen, die sein Unternehmen ergreift, um die Rolle des Kompasses zu übernehmen. "Ziele müssen klar definiert und gelebt werden", sagte Böck. Die Führung müsse transparent sein.

Im Vertrauen sieht Rosenheims Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer den Dreh- und Angelpunkt der Kommunalpolitik. Um Kompass sein zu können, brauche es den Willen zum Dienen und Leidenschaft. "Um Vertrauen zu schaffen, müssen wir das tun, was wir versprechen und wovon wir überzeugt sind."

Alfons Maierthaler, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Rosenheim, machte das Gelingen des Modells Europa nicht zuletzt vom Willen zur gemeinsamen Finanzpolitik abhängig. Für die gemeinsame Währung im Kompromiss-Konstrukt Europa seien die Voraussetzungen unvollkommen gewesen. "Hier müssen wir nacharbeiten", forderte Maierthaler.

Als Faktor für die Vertrauenskrise der Politik gegenüber identifizierte Grünen-Bundestagsabgeordneter Dr. Thomas Gambke intransparente Entscheidungen: "Deals wie ,Maut gegen Betreuungsgeld' zerstören Vertrauen", sagte Gambke. Europa werde zusammenwachsen müssen - und das gehe nicht ohne langfristige Zielsetzung. "Uns fehlt die Vision: Wo wollen wir eigentlich hin?" Dennoch glaube er fest daran, "dass Europa eine Zukunft hat. Ich glaube an die Kraft der Menschen."

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