Wer vom Leben verunsichert ist, glaubt Verschwörungstheorien schneller, sagt Wasserburger Experte

1. Mai - Berlin
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"Es gibt Menschen, die schon so tief verstrickt in ihre Verschwörungstheorien sind, dass es an ein psychisches Problem grenzt – bis zur wahnhaften Überzeugung", sagt der Experte. 
  • Heike Duczek
    vonHeike Duczek
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Der Protest gegen die Corona-Maßnahmen wächst. Unter die Menschen, die zunehmend auf ihre Freiheitsrechte pochen, mischen sich auch Verschwörungstheoretiker. Ihre kruden Behauptungen finden zunehmend Anhänger. Dr. Michael Rentrop (56), Chefarzt der Klinischen Sozialpsychiatrie am kbo-Inn-Salzach-Klinikum Wasserburg, erklärt, was Verschwörungstheoretiker antreibt.

In der Corona-Krise kursieren etliche Verschwörungstheorien. Und mitunter kann es passieren, dass sogar Angehörige oder Freunde krude Theorien in Whatsapp-Gruppen verbreiten. Was ist der richtige Umgang mit so einer Situation?

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Interview mit Dr. Michael Rentrop (56): Was treibt Verschwörungstheoretiker an?

Mal werden chinesische Labore für die Verbreitung des Virus verantwortlich gemacht, mal Russland, mal Bill Gates, mal Geheimbünde, mal die Politik, die angeblich die Freiheitsrechte dauerhaft beschränken will. Gibt es eine Erklärung für diesen Boom der Verschwörungstheorien?

Dr. Michael Rentrop: Jeder Mensch hat ein Bedürfnis nach Kausalität. Wir wollen wissen: Wo kommt ein Problem wie jetzt die Corona-Pandemie her, was ist der Grund, was können wir tun? In diesen Zeiten stehen wir alle unter Druck, haben Angst, sind verunsichert. Doch schlüssige Erklärungen gibt es zur Zeit noch nicht. Die Dinge sind zu kompliziert. Deshalb ist die Verführung groß, Leuten zu folgen, die eine einfache Antwort anbieten – und jemanden, der Schuld hat. Das kann das chinesische Labor sein oder der Geheimbund – egal, Hauptsache es gibt eine einfache Erklärung für eine hoch komplizierte Wirklichkeit.

Hinzu kommt: Wir verlassen uns gerne auf die Wissenschaft. Doch die Virologen und Epidemiologen können uns keine klaren Antworten geben, denn auch sie wissen noch nicht alles, sie lernen vielmehr täglich dazu. Die Wissenschaft muss deshalb Positionen, die sie heute vertritt, wieder ändern, sie immer wieder auf den Prüfstand stellen und anpassen an neue Erkenntnisse. Zu hundert Prozent verlässliche Aussagen, nach denen wir uns sehnen, gibt es nicht. Das verunsichert zusätzlich. Und macht empfänglich für Theorien, die den Anschein erwecken, sie wüssten zu hundert Prozent, was hinter einem Problem steckt.

Dr. Michael Rentrop. Stalleicher

Welche Menschen sind besonders anfällig für dieses Phänomen?

Rentrop: Mit Sicherheit all jene Menschen, die schon ein großes Maß an Verunsicherung in sich tragen. Das können Menschen sein, die in ihrem Leben schon einmal erlebt haben, dass sich etwas massiv geändert hat, womit sie nicht gerechnet hatten. Das kann ein tief greifender Umbruch im Leben sein – etwa die Tatsache, dass jemand eine Lebensstellung in einem Betrieb verliert, weil die Produktion urplötzlich verlagert wird und sich dadurch die vermeintliche Sicherheit aufgelöst hat und dieser Mensch findet keine Lösung für das Problem. Solch große Umbrüche machen verletzlich. Tatsache ist auch: Das Phänomen der Verschwörungstheorien ist keines der Gegenwart, sondern Ausdruck eines menschlichen Verhaltens, das wir aus unserer langen Geschichte kennen. Schon im Mittelalter wurde die Pest angeblichen Brunnenvergiftern in die Schuhe geschoben. Wenn etwas Unerklärliches geschah, wurden Hexen verantwortlich gemacht und verfolgt. Die Neigung, einen Schuldigen zu suchen, wenn etwas geschieht, was wir nicht verstehen, ist ein uraltes Phänomen.

Gibt es ein Mittel gegen die Verbreitung dieser Fake-News und wilden Spekulationen?

Rentrop: Ja, Information möglichst breit einholen – nicht nur aus dem Internet, sondern auch aus anderen Quellen. Es ist ratsam, sich genau anzuschauen, wie und wo man sich informiert. Bewege ich mich nur in einer gewissen Sektion des Internets, in einer Echokammer, die mir immer wieder das Angebot unterbreitet, das ich sowieso suche und mich in meiner Ansicht bestätigt? Hinterfrage ich Dinge? Soziale Medien reichen nicht aus als Nachrichtenkanal. Wir müssen lernen, mit diesen neuen Medien umzugehen, zu erkennen, wie viel Unsinn dort auch steht, sie mit einer kritischen Distanz konsumieren – als eine von vielen Quellen, nicht als einzige.

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Was raten Sie unseren Lesern: Wie reagiere ich am besten, wenn ich mit einem Verschwörungstheoretiker in Kontakt komme? Die Debatte suchen und dagegen argumentieren oder das Gespräch sofort abbrechen, weil es sowieso keinen Sinn hat?

Rentrop: Sofort das Gespräch abzubrechen, ist sicherlich keine gute Strategie. Ich rate, nachzufragen, wo mein Gesprächspartner seine Informationen bezieht. Wie kommt er zu seiner kruden Theorie? Ich würde versuchen, zu klären, warum er an ihr festhält.

Tatsache ist jedoch auch: Es gibt Menschen, die schon so tief verstrickt in ihre Verschwörungstheorien sind, dass es an ein psychisches Problem grenzt – bis zur wahnhaften Überzeugung. Dann ist es nicht mehr möglich, eine Diskussion zu führen. Zumal viele Verschwörungstheoretiker mit einem enormen Sendungsbewusstsein auftreten und messianisch argumentieren. Dabei sind sie kaum zu stoppen. Dann sollten wir das Gespräch nicht mehr weiter verfolgen. Wir könnten aber trotzdem eine wertschätzende Haltung einnahmen, die zeigt: Wir verstehen die Sorgen des Gegenübers, wir akzeptieren, wie wichtig ihm seine Meinung ist. Doch wir sollten gleichzeitig darstellen, dass wir diese Meinung nicht teilen und nicht annehmen werden. Fest steht auch:

Hinter Verschwörungstheorien stehen oft antisemitische Züge, manche der Verantwortlichen verbergen hinter ihrer einfachen Antwort auf ein bedrängendes Thema eine rechtsextreme politische Ideologie. Und Antisemitismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen. 

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