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Erinnerung an ein Original

Unvergessliches Schlitzohr: Der Thaler Schorsch aus Haag wäre heuer 100 geworden

Georg Thaler war ein echtes Haager Original. Heuer wäre der Mann, der das Gemeinde- und Vereinsleben so geprägt hat, 100 Jahre alt geworden.
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Georg Thaler war ein echtes Haager Original. Heuer wäre der Mann, der das Gemeinde- und Vereinsleben so geprägt hat, 100 Jahre alt geworden.
  • VonLudwig Meindl
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Gemeindebeamter, Volksfestpionier, Vereinsmensch, Schlitzohr: Außergewöhnliche Persönlichkeiten wie Georg Thaler aus Haag gibt es heute kaum noch. Eine Hommage an ein Haager Original.

Haag – Das Haager Original Georg Thaler wäre heuer 100 Jahre alt geworden. Als er vor 25 Jahren zu Grabe getragen wurde, geleitete ihn eine große Trauergemeinde. Bürgermeister Hermann Dumbs brachte es in seiner Ansprache auf einen Nenner: Er sei eine „Persönlichkeit gewesen, die in Haag Geschichte geschrieben, das Gemeinwesen geprägt und das Allgemeinwohl gefördert habe“.

Viele Nebenämter

Georg Thaler war geborener Haager und begann 1936 als Gemeindeangestellter seine Laufbahn, die er mit dem Amt des Kämmerers beendete. Daneben hatte er zahlreiche „Nebenämter“. Aus dem Rathausfenster, damals noch am Kirchplatz, schwang er sich jeden Vormittag um halb elf elegant auf den Kirchplatz und eilte zum „Freundl“, einem seiner Stammlokale. Dort hatte er die Aufgabe, die Tageskarte zu tippen – konnten damals in der Nachkriegszeit ja noch nicht so viele mit der Schreibmaschine umgehen.

In jedem Haager Verein dabei

Der Krieg hatte ihn nach Russland geführt, von wo er am Stammtisch später die Geschichte „Drei Haager vor Moskau“ erzählte. Er musste als Soldat auch nach Frankreich. In Russland schätzte man seine bürokratischen Kenntnisse und setzte ihn im Büro des Gefangenenlagers ein. „Dort hob i mit dene a Russisch g´redt“, so der Thaler-Schorsch später in seinen Erinnerungen.

Es gab kaum einen Haager Verein, bei dem er nichts zu tun gehabt hätte. An allen Stammtischen der damals noch recht zahlreichen Wirtshäuser war er willkommener Gast. Als Volksfestpionier fuhr er mit Braumeister Pfadenhauer nach München, um Schausteller für Haag zu organisieren. Zuständig für die Abrechnung verbrachte der Gemeindebeamte seinen Jahresurlaub ganz gewissenhaft im Festzelt.

20 Jahre wirkte er als Vorsitzender des Arbeiter-Kranken-Unterstützungs-Vereins (AKUV ), den er 1990 an Hermann Dumbs übergab. Er hatte den heute noch begangenen Jahrtag der Haager Vereine ins Leben gerufen. Nach dem Tod des Stifters Auer organisierte er das „Treffen der ehemaligen Haager“. Mit der Wirtin Leni, Rudi Pflaum und Sepp Scheidegger fand er sich zum „Haager Viergsang“ zusammen und sorgte für Unterhaltung bei Veranstaltungen.

Rigoros ging die Polizei damals gegen das Übertreten der Sperrstunde vor, da die Haager meist nicht heimgehen wollten. Ein Lokal war bei der Kontrolle stets sicher: in dem der Thaler-Schorsch saß. Der griff in die Jackentasche, nahm das Formular und den Stempel heraus und überreichte die „Sperrzeitverkürzung“ dem Beamten persönlich.

Bürgersprechstunden bis Mitternacht

Als Rentner, nachdem er unter vier Bürgermeistern zahlreiche Haushaltspläne der Gemeinde erstellt und als Standesbeamter 70 Ehen seinen bürgerlichen Segen gegeben hatte, behielt er den bürokratisch festgelegten Tagesrhythmus ohne Ausnahme bei: Um zehn Uhr vormittags eröffnete er im „Freundl“ den Stammtisch, um Mittag ging er heim zum Essen, nach dem Nickerchen auf dem Kanapee schlenderte er pünktlich zum Gasthaus, das je nach Turnus des Wochentags an der Reihe war, und hielt dort unbürokratische Bürgersprechstunde bis weit über Mitternacht. Einmal hatte er zu später Stunde seinen Schirm stehen lassen. So zog er durch die Wirtschaften: „Habt’s ihr mein Schirm g´segn?“ Keiner hatte ihn gesehen, aber jeder lud ihn ein: „Setz di her zu uns!“ So dauerte es Wochen, bis er seinen Schirm fand.

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Eine der wenigen Reisen außer die Grenzen von Haag führte ihn mit zwei Haager Kriegskameraden nach Paris. Die beiden hatten Bedenken wegen der Fremdsprache, doch der Schorsch versicherte: „Red´n dua i.“ Da saßen sie im Restaurant an der Seine. „Bonjour!“, eröffnete der Schorsch dem Garçon und bestellte akzentfrei eine Flasche Rotwein und die Tageskarte. Bei den Speisen kam er in Verlegenheit. Statt einer Bestellung auf Französisch zog er es vor, seinen Essenswunsch Fisch aufs Blatt zu zeichnen. Der Garçon nickte und sagte etwas, Schorsch hatte das Wort noch nie gehört, aber bestätigte „Oui, oui!“ – dann staunten die Haager nicht schlecht, als sie zum Essen einen Teller voll Essiggurken bekamen.

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