Unterschlupf auf Zeit – Dohlen an der Wasserburger Berufsschule bekommen Übergangsnistkästen

Eine Dohle auf einer Gerüststange:Die Tiere lassen sich auch von Bauarbeiten nicht aus dem Konzept bringen. In Wasserburg nehmen sie sogar mehrfach einen Umzug der Nistkästen in Kauf, um am angestammten Ort zu bleiben. dpa
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Eine Dohle auf einer Gerüststange:Die Tiere lassen sich auch von Bauarbeiten nicht aus dem Konzept bringen. In Wasserburg nehmen sie sogar mehrfach einen Umzug der Nistkästen in Kauf, um am angestammten Ort zu bleiben. dpa

Seit Jahrzehnten hausen Dohlen unter dem Dach der Berufsschule an der Ponschabaustraße. Daran sollen möglichst auch die Abriss- und Neubauarbeiten nichts ändern. Deshalb wurden für die Dutzend Brutpaare über 30 Übergangsnistkästen montiert. Angefertigt wurden diese von den beiden Klassen des Berufsgrundschuljahres der Zimmerer in Bad Aibling.

Von Andrea Tretner

Wasserburg – Im Moment sind nicht ganz so viele kluge Köpfe in der Schule an der Ponschabaustraße wie sonst. Denn auch die Berufsschule in Wasserburg hat aufgrund der Corona-Pandemie geschlossen. Aber ein paar kluge Köpfe gibt es doch noch – sie gehören gefiederten Bewohnern, die eifrig am Nisten und Brüten sind: Dohlen. Eine der klügsten und intelligentesten Vögel überhaupt, sagt derLandesbund für Vogelschutz.

Gerhard Heindl, Schulleiter und ein Verehrer dieser schwarzen Vögel, die zur Familie der Raben gehören, ist sehr angetan vom Verhalten der Tiere. Als Heindl 1986 zum ersten Mal an die Schule kam, gab es die Kolonie der schwarzen Vögel schon. Sicher sind die Dohlen jetzt also schon 34 Jahre dort beheimatet. Heindl schätzt sogar, dass es um die 40 Jahre sind.

Bestens geeigneter Raum zum Brüten

Mittlerweile ist das Gebäude in die Jahre gekommen und wird zum Teil neu gebaut oder generalsaniert. Deswegen sieht man jetzt an der Frontseite des Mittelbaus sogenannte „Interimskästen“ hängen. Diese Übergangskästen bieten den Vögeln Nistmöglichkeit während der Bauarbeiten, hatten sie es sich zuvor doch in den Dachstühlen des West- und Ostflügels gemütlich gemacht.

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Das Dach war damals als Kaltdach konzipiert. Die Dachhaut diente nur dem Schutz vor Regen und Schnee, die Dämmung lag auf der horizontalen Geschossdecke. So entstand ein zum Brüten bestens geeigneter offener Raum mit Balken, auf denen die Nester platziert wurden.

Der Westflügel ist bereits abgerissen und neu gebaut und auch schon mit neuen Brutplätzen ausgestattet. Benutzt werden können diese aktuell nicht, denn die Gerüste stehen weiterhin vor Ort für die Endarbeiten, die bis zum Eröffnungsdatum des Westflügels im Herbst, noch zu tätigen sind.

Somit steckt jetzt ein Stück Styropor im zehn mal zehn Zentimeter großen Eingang der zukünftigen Dohlen-Reihenhaussiedlung. Zu sehen sein werden die Kästen später nicht mehr, den Neubau verkleidet eine gelochte Blechfassade. Maßgeblich beriet hier der Landesbund für Vogelschutz die ausführenden Architekten und die Fassadenfirma, dass auch alles vogelgerecht wird.

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So zelebrieren die zwölf Brutpaare des Westflügels ihr gesellschaftliches Leben derzeit ebenfalls am grünen Mittelbau, der als letztes saniert wird. Dort wurden weitere Nistkästen angebracht, damit die gezählten 29 Brutpaare alle für Nachwuchs sorgen können.

„Die haben die im Februar 19 angebrachten Kästen auch flugs angenommen“, erzählt Heindl, „grundsätzlich muss man sagen, verhalten sich die Tiere einwandfrei“. Die Dachstühle der beiden Gebäudeflügel sind tipp-topp in Ordnung, auf Nesthygiene legen die Dohlen großen Wert. „Gut, dafür haben sie dann von den Bäumen aus ihre Hinterlassenschaft auf die parkenden Autos vollbracht, aber am Gebäude finden sie keine Verschmutzung“, sagt Heindl.

Insgesamt wurden 31 Übergangsnistkästen und 31 Nistkästen, die in der Fassade verbaut wurden, benötigt. Da hatten die Wasserburger großes Glück, dass ihnen bei der Herstellung die Bad Aiblinger Berufsschule zu Hilfe kam. Denn in Wasserburg sind die Ausbildungsgänge KFZ, Kunststoff, Modellbau und Produktdesigner ansässig, aber keine holztechnischen Lehrgänge. Die beiden Klassen des Berufsgrundschuljahres der Zimmerer in Bad Aibling nahmen sich deswegen ein Herz und machten das Projekt Plattenwerkstoffe daraus.

Nistkästenaus Bad Aibling

Sie zimmerten die neuen Behausungen sogar mit abnehmbaren Deckel. „Wenn es zum Beispiel Probleme mit Ungeziefer oder einem toten Tier gibt, können wir das säubern“, sagt Heindl begeistert. Ansonsten müssen die Kästen nicht gesäubert werden.

Für die fleißigen Handwerker aus Bad Aibling gab es als Dankeschön eine Brotzeit und vor allen Dingen viele lobende Worte von Heindl. „Mit den Burschen aus Bad Aibling haben wir richtig Glück gehabt. Ich weiß nicht, wie wir das sonst hätten stemmen sollen, auch zeitlich“, sagt er.

Als Nächstes ist nun der Neubau des Ostflügels geplant. Auch hier sind schon längst die Zugänge zum Dachstuhl verschlossen, denn der Abriss ist für Juni dieses Jahres vorgesehen. Auf den kleinen verbliebenen Vorsprüngen sitzen die Vögel weiterhin, als wollten sie Abschied nehmen vom alten Wohnort

Unterdessen lässt sich die ein oder andere Eigenheit oder Besonderheit der quirligen Vögel beobachten. „Im Sommer zum Beispiel, nach dem die Jungen ausgeflogen sind, geht die ganze Kolonie in die Stadt und in der Umgebung strawanzen, kommt aber pünktlich um 17 Uhr zurück nach Hause. Danach kann man die Uhr stellen“, so Heindl. Pünktlich geht es auch mit dem Bauvorhaben voran. So kann die erste Brutsaison im Frühjahr 2021 im neuen Westflügel beginnen.

Hintergrund: Die Dohle als schwarze Taube des Pfarrers

Die zur Familie der Rabenvögel gehörenden Dohlen waren früher sehr häufig verbreitet. Mittlerweile ist der Bestand soweit zurückgegangen, dass sie auf der Vorwarnliste stehen. Wie bei den meisten Vögeln spielt beim Rückgang der Population auch die Intensivierung der Landwirtschaft eine Rolle, aber auch die immer weniger werdenden Nistplätze. Gebäude werden saniert, Altholz fehlt (Dohlen übernehmen gerne die Nisthöhle vom Schwarzspecht), aber auch zum Beispiel die Vergitterung der Kirchtürme als Taubenabwehr verhindern, dass sich Dohlen niederlassen. In Steinhöring bei Ebersberg zum Beispiel ging man den umgekehrten Weg und siedelte Dohlen zur Taubenabwehr an. Dohlen verschmutzen nicht wie die Tauben das Gebäude. Früher nannte man sie auch die schwarze Taube des Pfarrers, weil sie an sich sehr gerne in Kirchtürmen nisten. In Deutschland gibt es um die 100000 Brutpaare, die meisten davon sind Standvögel, das heißt, sie bleiben auch im Winter am Ort. Nur die jungen Vögel fliegen oft im ersten Jahr in den warmen Süden, wie zum Beispiel nach Südfrankreich. Ebenfalls meist im ersten Lebensjahr suchen sie sich einen Partner, mit dem sie dann ein Leben lang zusammen bleiben.

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