Auferstehung eines Schrottautos

Unterreiter Waldkäfer feiert „Hochzeit“: Verrücktes Restaurierungsprojekt schreitet voran

Das „Häusl“ vom Waldkäfer wird vom Unterbau entfernt und hebt ab. Anschließend wird die Karosserie in weiteren Schritten mit einem Unterbau aus anderen Schrottkäfern „verpaart“.
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Das „Häusl“ vom Waldkäfer wird vom Unterbau entfernt und hebt ab. Anschließend wird die Karosserie in weiteren Schritten mit einem Unterbau aus anderen Schrottkäfern „verpaart“.
  • Andrea Klemm
    vonAndrea Klemm
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Was haben ein Vogelnest, ein Fuchs-Kieferknochen und eine Haselnuss gemeinsam? Sie sind Bestandsteile des „Waldkäfers“, des VW Käfers, der 50 Jahre in Unterreit als Schrottauto in einem Wald vergraben war. Bis Flo Rauscheder, Hobby-Schrauber aus Kraiburg, ihn ausbuddelte und restaurierte. Unbeirrbar verfolgt er sein verrücktes Ziel.

Unterreit/Kraiburg – Was für ein schönes Paar, die ergänzen sich toll und dann heiraten die auch noch! Ein Satz, der nicht nur auf ein menschliches Gespann zutreffen kann. Auch in der Autoindustrie ist eine „Hochzeit“ eine bedeutende Situation: wenn Chassis und Triebwerk – die wesentlichen Bestandteile eines Fahrzeugs – zusammengeführt werden.

Handarbeit beim Waldkäfer

Die Verbindung wird in Fertigungsstraßen automatisiert geschlossen – was wenig romantisch klingt. Muss es auch nicht. Wenn es passt, passt es einfach – so wie beim verrückten Waldkäfer-Projekt, das sich allerdings durch „Handarbeit“ auszeichnet.

Der 1200er „Kugelporsche“, Baujahr 1958, war rund fünf Jahrzehnte in einem Wald bei Unterreit als Unfallwagen entsorgt und vergraben worden – bis Hobby-Schrauber Flo Rauscheder aus Kraiburg ihn ausbuddelte. Jetzt ist das Ding – zumindest äußerlich – wieder komplett. Der Motor läuft.

Der 38-Jährige hatte sich in den Kopf gesetzt, den kleinen ausgeschlachteten, verwitterten, zerbeulten und vermoosten Volkswagen zu restaurieren – und das macht er. Unbeirrbar.

Unterreiter Waldkäfer feiert „Hochzeit“

Der Waldkäfer steht. Vor etwa eineinhalb Jahren hat Flo Rauscheder (rechts) aus Kraiburg den Schrottwagen, der über 50 Jahre im Wald bei Unterreit vergraben war, gemeinsam mit ein paar Helfern ausgebuddelt und geborgen. Seither arbeitet der 38-Jährige an dem eigenwilligen Restaurierungsprojekt. Unterstützung bekam er zuletzt von Nachbar Florian Obereisenbuchner (links), der ihm half, Chassis und Karosserie zu verpaaren. Die Teile dafür stammen aus mehreren Schrott-Käfern.
Kurz nach der Bergung des Schrottwagens im Herbst 2019: Flo Rauscheder strahlt.
So verschüttet lag der Waldkäfer rund fünf Jahrzehnte bei Unterreit im Unterholz. Bis Flo Rauscheder ihn ausbuddelte.
War nicht zu retten: der Unterbau des Waldkäfers.
Unterreiter Waldkäfer feiert „Hochzeit“

Sehr viel Liebe und Arbeit reingesteckt

Vermutlich hat selten jemand so viel Liebe und Arbeit in einen alten Wagen, oder besser gesagt, dessen Überreste, gesteckt. Inzwischen sind es mehrere Schrottkäfer, die „gesündere“ Teile für den Waldkäfer liefern; manche werden nach patiniert. Ziel ist es, so viel vom „ausgegrabenen Schatz“ wie möglich zu erhalten – auch wenn es manchmal unsinnig anmutet, weil etwa ein Kotflügel mehr aus Löchern besteht, als aus Blech. „Ein Schweißgerät und viel Geduld, dann geht selbst das“, sagt Flo Rauscheder lachend. Die Stunden zu zählen, die er am Käfer werkt, das hat er längst aufgegeben.

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Am Ende des Projektes, wenn der TÜV-Prüfer keinen Herzkasperl bei der Abnahme bekommt, und der Waldkäfer im maroden „Rat-Look“ (der Rost ist ein gewolltes Stilmittel, Anm. d. Red.), aber technisch wie neu, wieder auf der Straße ist, dürfte die Autolegende unbezahlbar sein. Viel rares und daher teures Original-Zubehör wird dann verbaut sein. Aber nur bis Baujahr 1968, denn so lange war der Käfer vor seiner „Entsorgung“ nachweislich in Betrieb. Darauf legt Rauscheder wert.

Skurrile Details

Natürlich drückt der Kraiburger, der als Postzusteller arbeitet, dem unkonventionellen Projekt „Waldkäfer“ seinen eigenen Stempel auf: Am Blinkerhebel fehlt der Knauf – der wird ersetzt durch eine Haselnuss. „Weil wir den Wagen unter einem Haselnussbaum ausgegraben haben.“

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Auch ein Fuchskiefer kam beim Buddeln zum Vorschein. Der soll am Rückspiegel baumeln.

Vogelnest soll durch den TÜV

Und dann ist da noch ein Vogelnest, das durch den TÜV soll. Wie bitte? „Am hinteren Dachhimmel, der in Fetzen hängt, hat mal ein Vogel genistet. Das Nest ist gut erhalten und hat bisher jede unserer Aktionen überstanden. Das soll drin bleiben. Dem TÜV kann das wurscht sein, das läuft unter Deko“, so Rauscheder, dessen Augen leuchten, wenn er über den Waldkäfer spricht.

Waldkäfer zieht Autoverrückte in seinen Bann

Sein Herz hängt an dem ursprünglich charmanten Ding mit den runden Scheinwerfern, die wie Glupschaugen wirken. Es zieht auch andere Autoverrückte in seinen Bann: Wie Spezl Adi Ruhaltinger, der allerdings bei dieser Projekt-Etappe verhindert war, weil er sich in Tunesien auf einer Rallye befand. Und etwa Nachbar Florian Obereisenbuchner, der seine eigene Hobby-Werkstatt zur Verfügung gestellt hat.

„Die Raumhöhe bei mir in der alten Käppner-Fabrik hat es uns erlaubt, in die Stahl-Deckenträger einen Haken zu setzen, damit wir das ,Häusl‘ vom Fahrgestell trennen und hochziehen konnten“, erklärt Obereisenbuchner, der früher als KFZ-Meister tätig war, bevor er vor 24 Jahren in die Gastronomie einstieg. Wegen Corona bleibt ihm derzeit nur sein Hobby: Oldtimer restaurieren. Da hat der 50-Jährige in Namenskollege Flo Rauscheder einen Verbündeten gefunden. „Oder Leidensgenossen“, sagt er lachend.

Werkstatt heißt „Bälleparadies“

Die beiden Freunde nennen ihre Werkstätten inzwischen „Bälleparadies 2.0“: großes Spielzeug für große Jungs.

Schrauben statt Corona-Blues

Schrauben, Basteln und Schweißen hat für die beiden was Heilsames, gar Meditatives. Das beste Rezept gegen Corona-Blues.

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Obereisenbuchner bezeichnet Rauscheder als „Künstler“, das gesamte Waldkäfer-Projekt sei als eigenwillige „Kunst aus Kernschrott“ zu betrachten. Ein Kult ist geboren. Das sehen auch andere so.

Kult-Käfer mit Instagram-Account

Über das verrückte Vorhaben, Rückschläge, Tücken, Details und Fortschritte informiert Flo Rauscheder fast täglich auf seinem Instagram-Kanal #waldkeafer58 seine Fans, die derzeit bei rund 3760 rangieren. Das rief auch große Automagazine auf den Plan. So entsteht derzeit für eine bekannte Oldtimerzeitschrift eine aufwendige Serie.

Quasi „Trauzeuge“ wurde dabei kürzlich ein Szene-Fotograf. Er war zugegen, als Ober- und Unterteil des Waldkäfers „verheiratet“ wurden und dokumentierte akribisch. Die Verpaarung von Chassis und Karosserie – beim VW Käfer sind das zwei separate Einheiten – lief unerwarteterweise ab wie im Bilderbuch.

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„Ich kann es immer noch nicht fassen, dass das Ding jetzt beisammen ist“, sagt Rauscheder fast andächtig.

Verpaarung läuft wie am Schnürchen

Gemeinsam mit Obereisenbuchner hatte er eine Woche dafür veranschlagt. Gebraucht haben die beiden nur eineinhalb Tage. „Wir haben Ober- und Unterteil des Käfers, die aus verschiedenen Schrottautoteilen bestehen, grob gemessen und zugeschnitten und sie zusammen gesetzt. Frei Auge – und das lief wie am Schnürchen“, freuen sich die Kumpel.

Kleine Panne: Was brennt denn da?

Kaum war der Fotograf gegangen, passierten Pannen. Als Rauscheder den ersten Schweißpunkt am ,Häusl’ setzen will, fallen Funken in den leeren, aber verriegelten Kofferraum vorne, wo vergessenes zusammengeknülltes Papier zu kokeln beginnt – festgehalten in einem Handyvideo, weil die Schrauber alles dokumentieren. „Hör‘ mal auf zu brennen“, hört man Rauscheder zum Schweißgerät sagen, das ihm offensichtlich zu stark eingestellt ist. Gleichzeitig steigt Rauch auf. „Was brennt’n da?“, fragt er und reißt die Klappe hoch, wo ihm ein paar Flämmchen einen Moment lang entgegen züngeln. Nach einer Schrecksekunde ist der Spuk vorbei. Unbezahlbar: das Lachen des „Kameramannes“. Wofür hat man denn Freunde, um nicht mit ihnen Freud und Leid – und natürlich auch Situationskomik zu teilen. Oder einen Feuerlöscher, der zum Glück nicht gebraucht wird.

Eigentliche Restaurierung beginnt jetzt

Gute Stimmung in der Werkstatt ist wichtig, der Waldkäfer hat noch einen langen Weg vor sich. Denn jetzt beginnt das eigentliche Restaurieren. Die nächste Hürde stellen die Türen da. Die vom Waldfund sind so an der Unterkante so löchrig und instabil, dass sie kopfüber gelagert werden müssen. „Das wird ein Mega Aufwand“, seufzt Flo Rauscheder. Doch das hält ihn nicht auf.

„Geht nicht, gibt‚s nicht“

„Mein Ansporn: Wie viel kann ich vom ausgegrabenen Kernschrott tatsächlich erhalten und wie viel davon krieg ich durch die HU (Hauptuntersuchung, Anm. d. Red.)?“ Bange ist ihm dabei nicht. Die Original Innenraumbeleuchtung hat er inzwischen instand gesetzt und sie funktioniert. Ein gutes Zeichen. „Das grenzt an ein Wunder, das Ganze war ja 50 Jahre lang der Witterung ausgesetzt. Geht nicht, gibt‘s nicht.“

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