Umweltskandal an Ameranger Seen? Grundbesitzer klagt gegen Unternehmen und Gemeinde Halfing

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Sorgen sich um die Ameranger Seen:Fischereipächter Akos Becker und Grundeigentümer Ortholf von Crailsheim (von links).
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Das Problem ist seit 18 Jahren bekannt – und nach wie vor nicht gelöst: Immer wieder wird Plastikgranulat im Bereich des Ameranger und Zillhammer Sees angeschwemmt. Grundeigentümer Ortholf Freiherr von Crailsheim will jetzt per Klage klären: Wer trägt die Verantwortung für den „Umweltskandal“?

Amerang – Ein Spatenstich in den Boden – und schon kommen sie zutage: klitzekleine Plastikkügelchen in Weiß, Grau und Blau. „Ich habe das nicht bestellt und will es weghaben“, sagt Ortholf Freiherr von Crailsheim mit Blick auf das Granulat erbost. Er findet es bereits seit 2002 an den Uferbereichen seiner zum Grundbesitz von Schloss Amerang gehörenden Seen. „Ein Umweltskandal“, ist auch der Fischereipächter, Akos Becker, überzeugt.

2002 hatte Becker von Crailsheim das erste Mal auf die Verunreinigung aufmerksam gemacht. Seitdem stehen beide in Kontakt mit unterschiedlichen Behörden: Landratsamt, Wasserwirtschaftsamt, Regierung von Oberbayern, Gemeinde Amerang und Halfing. Der Schriftverkehr füllt einen dicken Aktenordner.

Doch die Ursachenforschung sei bisher zu keinem Ergebnis gekommen, Maßnahmen zur Beseitigung der Verunreinigung seien nicht angeordnet worden, klagen Grundeigentümer und Pächter. Sie fühlen sich von den Behörden im Stich gelassen. Von Craislheim wirft ihnen Untätigkeit vor. „Einer schiebt die Verantwortung auf den anderen ab. Es ist einfach untragbar, dass ein seit 18 Jahren bekanntes Problem bis heute nicht gelöst worden ist.“

Blaue, weiße und graue Plastikgranulatkügelchen sind an den Uferbereichen zu finden.

Boden müsste abgetragen werden

Der Ameranger hat deswegen schon 2017 ein Beweissicherungsverfahren beim Landgericht Traunstein beantragt. Es komme zu einem klaren Ergebnis: Im Ameranger und Zillhamer See habe der Gutachter Kunststoffgranulat gefunden – sowohl im Wasser als auch am Ufer. Um es zuverlässig zu entfernen, sei es erforderlich, den Boden im Überschwemmungsbereich auf eine Tiefe von zehn bis 20 Zentimetern großflächig abzutragen, so das Ergebnis. Betroffen ist nach Angaben des Grundeigentümers eine Fläche von etwa 15 Hektar.

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Doch wer ist der Verursacher des Plastikmülls im und am See? Um das zu klären, hat von Crailsheim jetzt Klage gegen die Gemeinde Halfing und den Halfinger Kunststoffhersteller Profol am Landgericht Traunstein eingereicht. Der Grund: Der Eintrag des Plastikgranulats in das Seengebiet könnte über die Halfinger Regenwasserkanalisation in den Dorfbach und weiter in die beiden Seen erfolgt sein. Das Kunststoffgranulat stamme, das hätte das Beweissicherungsverfahren gezeigt, vermutlich von der Firma Profol, so von Crailsheim.

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Der Geschäftsführer für die technischen Abläufe bei Profol, Helmut Bayer, weist dies von sich. „Es ist keinster Weise nachgewiesen, dass wir der Verursacher sind“, sagt er. Die Analysen hätten gezeigt, dass es sich bei dem an den Seen gefundenen Granulat um anderes Material handele als bei Profol verwendet werde. „Wir waren über all die Jahre proaktiv tätig und kooperativ“, unterstreicht Bayer außerdem die stete Bereitschaft von Profol, zur Aufklärung beizutragen. Jederzeit seien Fachleute auf dem Firmengelände willkommen, immer habe der Kunststoffverarbeiter, der 2019 mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet wurde, an der Aufklärung aktiv mitgearbeitet. Bayer verweist außerdem auf die Tatsache, dass Profol Halfing schon seit vielen Jahren komplett vom Kanalnetz der Gemeinde Halfing abgetrennt ist. Sein Fazit: „Es kann nicht Profol sein.“

Landratsamt: „Komplexes System“ erschwert Ursachenforschung

Wer war es dann? Die Ursachenforschung erweist sich nach Angaben des Landratsamtes als sehr schwierig. Es handele sich um ein komplexes System, ist der Stellungnahme der Behörde auf Anfrage der OVB-Heimatzeitungen zu entnehmen. Die Behörde bestätigt, dass der Eintrag von Granulat in den Zillhamer See und den Ameranger See erstmals im November 2002 aktenkundig geworden ist. Im Zuge des Verfahrens seien die Gemeindeverwaltung von Halfing, das Wasserwirtschaftsamt Rosenheim sowie die untere Naturschutzbehörde beteiligt worden.

Eine umfangreiche Ursachenforschung unter Beteiligung der vier granulatverarbeitenden Gewerbebetriebe im Einzugsbereich der betroffenen Gewässer sei durchgeführt worden, so das Landratsamt. Im Bereich eines Betriebs in Halfing, der als möglicher Verursacher in Frage komme (Anm. der Redaktion. Profol), werde bereits seit 2009 nach Abstimmung mit Landratsamt und Wasserwirtschaftsamt Niederschlagswasser vom Dach und vom befestigtem Betriebsgelände in den Untergrund versickert und nicht mehr über einen Regenwasserkanal in den Halfinger Dorfbach eingeleitet. In den Folgejahren habe es trotzdem immer wieder Hinweise auf neue Einträge von Kunststoffgranulat in den Halfinger Dorfbach gegeben, bestätigt Pressesprecherin Ina Krug.

Granulat taucht immer wieder auf

Zur Ursachenforschung sei im Januar 2018 eine Sperre direkt nach Halfing in den Halfinger Dorfbach eingebaut worden. Nachdem dort mehrmals Granulat entdeckt worden sei, habe im März 2018 eine Spülung des Regenwasserkanals stattgefunden. „Dabei wurde in zwei Straßensinkkästen Granulat festgestellt. Daraufhin wurde auch in diesem Bereich auf eine Versickerung des Niederschlagswassers in den Untergrund umgestellt.

Damit wurde ein weiterer möglicher Eintragsort vom Regenwasserkanalnetz der Gemeinde Halfing abgetrennt. In einem weiteren Teilbereich des Kanalnetzes wurde bei einem bereits vor langer Zeit stillgelegten kunststoffproduzierendem Betrieb eine Spülung mit Absaugung des anfallenden Materials durchgeführt, sodass auch hier keine Einträge ins Regenwasserkanalnetz und weiter in den Halfinger Dorfbach zu erwarten sind.“

Von Crailsheim: „Hochgradige Umweltverschmutzung“

Im Januar 2020 stellte das Wasserwirtschaftsamt an einem Schwimmbalken am Einlauf des Ameranger Sees jedoch weder vereinzelte Kunststoffgranulate fest. Die Behörde gehe jedoch davon aus, „dass es sich bei den gefunden Kunststoffgranulat nicht um einen Neueintrag handele, sondern um ein bereits eingeschwemmtes Material, das wieder mobilisiert wurde“. Das Wasserwirtschaftsamt habe eine weitere Beobachtung des Regenkanalnetzes in Halfing vorgeschlagen, um eine eventuell weitere Eintragsquelle zu lokalisieren.

„Für mich ist es unerheblich, ob es sich hier um eine Mobilisierung bereits eingeschwemmten Materials handelt oder um Neueinträge“, erwidert von Crailsheim. „In beiden Fällen handelt es sich um eine hochgradige Umweltverschmutzung, die seit über 14 Jahren bekannt ist.“

Granulat lässt sich am Ufer nur schwer beseitigen

„Bislang ist es trotz umfangreicher Maßnahmen und intensiver Bemühungen der Gemeinde Halfing, des Wasserwirtschaftsamtes und des Landratsamtes offenbar noch nicht gelungen, alle Eintragsorte zu lokalisieren und zu beseitigen“, bedauert das Landratsamt. Es räumt offen ein: „Unabhängig von der Lage im Landschaftsschutzgebiet wird das abgelagerte Granulat kritisch beurteilt.“ Es handele sich – wasserrechtlich gesehen – um einen ungenehmigten Eintrag von Stoffen in Gewässer, der verboten sei, so die Behörde weiter. Angeschwemmte Granulatansammlungen könnten aus den Uferbereichen nur schwierig beseitigt werden.

„Ohne konkreten Verursachernachweis obliegt die Entfernung von Granulatresten aus den Seen den Gewässerunterhaltspflichtigen“, sagt das Landratsamt. Das heißt also: Von Crailsheim müsste selber für einen Schaden aufkommen, den er nicht verursacht hat. Auch deshalb jetzt die Klage vor dem Landgericht Traunstein, von der er sich eine Klärung der Schuldfrage erhofft.

Das sagen Halfing und Amerang

Halfings Bürgermeister Peter Böck: „Alle Beteiligten haben seit Bekanntwerden alles Erdenkliche getan, um das Problem zu lösen.“ Bei den nun noch auftretendenden Granulaten handele es sich wohl um Reste, die hochgespült worden seien. Böck ist überzeugt, dass die Verantwortlichen die Lage jetzt im Griff haben. Weiter will er sich angesichts des laufenden Gerichtsverfahrens nicht äußern. Nur so viel: Wenn es um die Forderung nach Beseitigung gehe, stellt sich in seinen Augen die „Grundsatzfrage der Verhältnismäßigkeit“.

Amerangs Bürgermeister August Voit: „Wir haben als Gemeinde immer Flagge gezeigt und uns in enger Zusammenarbeit mit den Fachbehörden intensiv eingebracht bei der Lösung der Problematik.“ Alle Versuche, die Ursache zu finden und zu beheben, seien dokumentiert worden. Voit geht davon aus, dass es sich bei den aktuellen Einträgen um wieder mobilisiertes Altmaterial handelt. Er sieht die Notwendigkeit, zu überprüfen, welche Langzeitwirkung das eingebrachte Granulat auf die Umwelt hat. Hier seien die Fachlabore und die Wissenschaft gefragt.

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