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Nach vier Tagen im Keller jetzt sicher in Wasserburg

Zwischen Mitgefühl und Rätselraten: Wie ein Ehepaar den Alltag mit „seinen“ ukrainischen Flüchtlingen erlebt

Kommunikationsprobleme gibt es noch zwischen den (von links): Wasserburgern Hans Sonnenholzner und Antje Wegener und „ihren“ ukrainischen Flüchtlingen Lena Kutsenska, ihrer Schwester Alycia und deren Töchter Diana und Alina.
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Kommunikationsprobleme gibt es noch zwischen den Wasserburgern Hans Sonnenholzner und Antje Wegener und „seinen“ ukrainischen Flüchtlingen Lena Kutsenska, ihrer Schwester Alycia und deren Töchter Diana und Alina. (von links)
  • Sophia Huber
    VonSophia Huber
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Bomben, Flucht und Molotow-Cocktails. Diese Themen bestimmen die Unterhaltungen im Haushalt von Antje Wegener und Hans Sonnenholzner aus Wasserburg. Sie haben eine ukrainische Familie bei sich im Heim aufgenommen.

Wasserburg – „Das Wichtigste für uns ist, den Himmel zu schließen, damit keine Bomben mehr fliegen“. Das steht – von Google übersetzt aus dem Russischen – auf Alycia Kutsenskas Handydisplay. Antje Wegener (72) beugt sich vor, es wird still, während sie liest. „Ja“, sagt Wegener und deutet an, dass sie ihren Gast aus der Ukraine verstanden hat.

Bomben, Flucht und Molotow-Cocktails bestimmen seit mehreren Tagen die Unterhaltungen im Haushalt von Antje Wegener und Hans Sonnenholzner (79), soweit das mit Übersetzungsapps möglich ist. Das Wasserburger Ehepaar, das mitten in der gediegenen Burgau wohnt, hat sich dazu entschieden, Alycia, ihre Schwester Lena und ihre Töchter Alina (13) und Diana (11) bei sich aufzunehmen. Die kleine Familie ist aus der Ukraine geflohen.

Google-Übersetzer im Dauereinsatz

Erst vor Kurzem hatte der Rosenheimer Landrat Otto Lederer Privatpersonen geraten, es sich „gut zu überlegen“, ob sie ukrainische Flüchtlinge aufnehmen wollen. Wegener und Sonnenholzner haben es trotzdem getan. „Es hat mich einfach zerrissen, als ich die Bilder gesehen habe“, erklärt Wegener. 2015 hatten sie schon geflüchtete Personen aus Pakistan betreut und auch dieses mal habe sie das Gefühl etwas tun zu müssen, nicht mehr losgelassen. Die Entscheidung, den oberen Stock des Hauses, der eigentlich für Besuch der eigenen Kinder verwendet wird, zur Verfügung zu stellen, sei deshalb schnell gefallen.

Dennoch gibt Wegener offen zu: „Es ist nicht einfach.“ Vieles würden sie und ihr Mann über ihre neuen Mitbewohner noch nicht wissen. Die Sprachbarriere sei zu hoch. Alycia und ihre Familie sprechen Ukrainisch und Russisch. „Diana kann zehn Worte Deutsch und fünfzehn Worte Englisch“, sagt Wegener, viel zu wenig, um sich zu verständigen. Auch der Ukrainisch-Kurs, für den sich Sonnenholzner eingetragen hat, sei wahrscheinlich verschwendetes Geld. Denn bevor es ans Sprechen gehe, müsse er noch das kyrillische Alphabet lernen. „Wir haben aber schon rausgefunden, dass unsere Gäste aus der Donbass-Region stammen“, erklärt Wegener. Bei diesem Wort horcht Alycia auf und nickt. „Da“, sagt sie, „Donbass“ – und zeigt auf sich.

Aus Donbass, über den Westen der Ukraine, nach Polen und Deutschland

Seit 2014 schwelt der Konflikt im Donbass, Krieg ist für die Familie also nichts Neues. „Sie schossen dreißig Kilometer von unserem Haus entfernt“, steht übersetzt auf Alycias Handy. „Die Kinder hatten große Angst, sogar ich hatte Angst“, sagt sie. Als am 24. Februar die Situation eskalierte, stand für sie fest, dass sie fliehen müssen. „Das Krieg kommt, war uns klar“, sagt sie. „Wir dachten, sie kommen von Donezk und Luhansk.“ Sie wollten deshalb in den Westen des Landes, Schwester Lena arbeitete zu dieser Zeit in Kiew. Diesen Plan mussten sie aber bald verwerfen, denn: „Sie kamen von überall.“ Vom Norden her griffen die Soldaten auch den Flughafen nahe Kiew an, ein Schock vor allem für die Schwester. „Vier Tage musste Lena im Keller bleiben“, sagt Alycia. Sie wartete mit ihren Töchtern und dem Bruder derweil in Lwiw. Dann ging es über Polen nach Berlin, nach München und schließlich nach Wasserburg. Eine Hilfsorganisation hat den Kontakt vermittelt, nachdem Wegener vergeblich über andere Anlaufstellen wie das Landratsamt oder die Kommune versucht hatte, ihre Wohnung zu vermitteln.

Rätselraten bestimmt den Alltag

Nicht alles klappt reibungslos über Google. Falschübersetzungen erschweren die Kommunikation. Aus Lwiw wird Lemberg, aus Patronenhülsen werden Muscheln. Wo der Ehemann von Alycia steckt, haben Wegener und Sonnenholzner auch nach mehreren Tagen noch nicht erfahren. Er ist irgendwo in der Ukraine und darf nicht ausreisen, so viel ist klar. Wo genau wissen sie nicht. Möglicherweise versteckt er sich wie der Bruder in Lwiw. Möglicherweise weiß Alycia es auch nicht. Möglicherweise will sie es auch nicht sagen. Rätselraten bestimmt einen großen Teil des Burgauer Alltagslebens. Doch meistens klappt es – irgendwie.

Da wird dann auch mal der alte Atlas hervorgezogen. Die Karte zeigt noch die Sowjetunion, aber eben auch Alycias und Lenas Heimatstadt: Kostjantyniwka, auf die sie mit Fingern deuten.

Ein Platz zum Durchatmen

Für Notfälle gibt es zudem einen Telefonkontakt in München. Eine russische Staatsbürgerin, die seit 22 Jahren in der Landeshauptstadt wohnt und bereits mehreren ukrainischen Flüchtlingen geholfen hat.

Und für manche Aussagen braucht es auch gar keine Übersetzungen. Ob sie jemals wieder zurück in die Ukraine wollen, ist auch auf Russisch verständlich: „Dom yest Dom“. Zuhause ist Zuhause.

Für Wegener und Sonnenholzner ist klar: Die Wohnung wollen sie so lange zur Verfügung stellen, bis die Familie etwas anderes gefunden hat. Beim Suchen werden sie selbstverständlich helfen. „Bei der Volkshochschule haben wir schon wegen Deutschkursen angefragt.“ Wegener möchte vor allem, schnelle Hilfe bieten. Und einen Platz zum Durchatmen, zum Ausruhen.