Traumatisiert, aber sehr lernwillig

Deutsch lernen, das steht bei den Jugendlichen ganz oben auf der Tagesordnung. Auer
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Deutsch lernen, das steht bei den Jugendlichen ganz oben auf der Tagesordnung. Auer

Wie es in den 16 Buben aus Syrien, Pakistan, Afghanistan und Eritrea wirklich ausschaut, lässt sich nur erahnen – zu viel Schreckliches haben sie in ihren Heimatländern und auf ihrer katastrophalen Flucht erlebt. Obing.

Auf dem Seimlhof in Ilzham haben sie nun vorübergehend eine neue Heimat gefunden.

– Mit praxisorientiertem Unterricht werden die traumatisierten Jugendlichen im Alter von 15 bis 17 Jahren dort während der kommenden Monate auf ihr künftiges Leben vorbereitet.

Um 6 Uhr morgens klingelt der Wecker auf dem Seiml hof. Dann heißt es für die jugendlichen Asylbewerber, „raus aus den Federn“, denn ein klar geregelter Tagesablauf, mit unterschiedlichen Aufgaben und sinnvoller Freizeitgestaltung, gehört zum nachhaltigen Bildungskonzept des Chiemgauer Schulbauernhofs. In Arbeitsgruppen lernen die Jugendlichen dort, selbstständig ihren Alltag zu meistern und Verantwortung für sich und ihre Mitbewohner zu übernehmen, um fit fürs Leben und die Berufswelt zu werden.

Dazu gehören auch Arbeiten im Haushalt und im zugehörigen landwirtschaftlichen Betrieb. 15 Minuten später sind Arif und Hamit (alle Namen von der Redaktion geändert) bereits im Stall, um die Kühe zu füttern, während ein Teil der Mitbewohner das Frühstück zubereitet. Auch das Melken mit der Hand klappt prima, nur mit der Technik des automatischen Melkstands hapert es noch ein bisschen. Aber das ist kein Problem, denn die beiden 16-jährigen Pakistaner sind schon aus der Heimat mit der Landwirtschaft vertraut und sie lernen schnell. Die Arbeit macht ihnen Spaß und das passt genau in das Bildungskonzept des auf dem Seimlhof beheimateten Chiemgauer Schulbauernhofs, das sich zum Ziel gesetzt hat, Kinder und Jugendliche entsprechend ihrer Fähigkeiten und Neigungen nachhaltig zu fördern.

In der Regel sind es Schulklassen aus ganz Deutschland, die in Ilzham zu Gast sind. Da keiner die Augen vor der Flüchtlingskrise verschließen könne, habe das Team im Herbst entschieden, unbegleitete Flüchtlinge aufzunehmen, berichtet die Vorsitzende des Chiemgauer Schulbauernhofs, Theresa Fröschl. Vor gut fünf Wochen wurden dann die ersten Jugendlichen aus der Bayernkaserne nach Ilzham verlegt und nach kurzer Eingewöhnungsphase haben sich die meisten gut eingelebt.

Um ihrem Schicksal in Krieg und Armut zu entkommen, sind sie teilweise alleine aus ihrer Heimat geflohen. Andere wurden auf der Flucht von ihren Familienangehörigen getrennt. Hinter den Jugendlichen liegt ein aufreibender und langer Weg und das Leben allein in einem fremden Land stellt sie vor die nächste große Herausforderung. Das Handy ist oft die einzige Verbindung zu ihren Familien. Doch Telefonieren in die Heimat ist teuer. Bei einem Taschengeld von 30 bis 40 Euro monatlich sind Anrufe nur selten möglich. Auf dem Seimlhof können die meisten Jugendlichen – mit Ausnahme der Eritreer, in deren Heimat es kein Internet gibt - per Internet mit der Familie in Kontakt bleiben.

Die Arbeit mit den Burschen mache viel Freude, doch die bürokratischen und pädagogischen Herausforderungen seien enorm, bestätigt auch Thomas Mitterer vom Seimlhof. Er ist voll in die Betreuung der Jugendlichen miteingebunden. Die neue Situation erfordere von allen Beteiligten Verständnis und Geduld. Die minderjährigen Flüchtlinge brauchten klare Regeln, aber auch viel Zuwendung.

Emotionale Momente und bürokratischer Hürdenlauf

Die meisten ließen sich nicht anmerken, wie es ihnen gehe und wirkten nach außen hin fröhlich, doch es gebe auch viele emotionale Momente, erzählt Mitterer. Darüber hinaus müssten auch behördliche Hürden überwunden und täglich Entscheidungen unter arbeits- und jugendschutzrechtlichen Gesichtspunkten getroffen und vieles mit dem jeweiligen Vormund und dem Jugendamt geklärt werden. Doch „wir packen das“ lautet der einhellige Tenor.

Ziel ist es, die jungen Asylbewerber auf dem landwirtschaftlichen Betrieb zur Ruhe kommen zu lassen, Vertrauen zu schaffen und ihnen Wege in das Berufsleben zu ebnen. Die Herangehensweise ist pragmatisch und das Hauptaugenmerk liegt auf dem Erlernen der Sprache. Täglich stehen drei Stunden Deutschunterricht auf dem Programm.

Darüber hinaus lautet auch das Motto „Unterricht zum Anfassen“. Ähnlich einem Bilderwörterbuch, wurden alle Gegenstände in der Unterkunft beschriftet. „Kühlschrank“, „Ecke“, „Tisch“ und mehr sowie die entsprechenden landessprachlichen Übersetzungen finden sich in jedem Raum. Das funktioniert natürlich auch in der Werkstatt, die Landwirtschaftsmeister Andreas Huber gerade mit Danyal und Nuri aufräumt. Die beiden 16-jährigen Afghanen schreiben nebenbei die Namen aller Werkzeuge, die sie in die Hand nehmen, in ihrer Landessprache Paschtu auf eine Liste. Huber liefert die deutsche Übersetzung dazu. Ebenso läuft es in den anderen Arbeitsgruppen, die unter seiner Anleitung täglich die Aufgaben, die auf dem Hof und im Wald anfallen, möglichst eigenverantwortlich erledigen sollen. Da sei schnell herauszufinden, wo die Begabungen und Interessen des Einzelnen lägen, sagt Huber.

Das sei wichtig, denn die Jugendlichen seien motiviert und brauchten Erfolgserlebnisse, um eine Perspektive zu haben. Ein gutes Beispiel dafür ist Elias aus Eritrea. Er hat sich bei Holzarbeiten geschickt angestellt und ab Januar einen Praktikumsplatz bei einem örtlichen Schreiner ergattert. Arash und Hamed aus Afghanistan haben auch schon klare Zukunftspläne. Sie legen beim Deutschunterricht und auch in Mathematik Sonderschichten ein, denn sie wollen den Schulabschluss schaffen und eine Ausbildung zum Koch beziehungsweise Elektriker machen.

Miteinander der Kulturen

Denkbar wäre auch eine Einbindung in die regionalen landwirtschaftlichen Betriebe. Generell seien die Jugendlichen sehr ehrgeizig und auch das Miteinander klappe trotz unterschiedlicher Sprachen und Kulturen gut, berichtet Mitterer. Jeder müsse sich klar darüber sein, dass die Flüchtlingsproblematik eine gesellschaftspolitische Aufgabe sei und nur gemeinsam gestemmt werden könne. Deshalb würde er sich über mehr Rückhalt aus der Gemeinde und Unterstützung in Form von Fördermitgliedschaften freuen. Nur so sei die Umsetzung von Bildungsprojekten für Kinder und Jugendliche auch weiterhin ausreichend zu finanzieren.

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