Tommy Thaler aus Unterreit erzählt seine abenteuerliche Heimreise: Albtraum nach dem Traumurlaub

Erst gestrandet auf Boracay, nun endlich wieder daheim: Tommy Thaler aus Ullading war mit seiner Schwester und fünf Freunden auf einer kleinen philippinischen Insel im Urlaub, ehe sich die Gruppe auf eine abenteuerliche Rückreise machte. privat
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Dass die Corona-Krise die Menschen auch in den entlegensten Winkeln der Welt trifft, hat Tommy Thaler auf der philippinischen Insel Boracay erlebt. Eine Woche saß der 28-Jährige aus Ullading bei Unterreit mit seiner Schwester und fünf Freunden auf der kleinen Insel rund 400 Kilometer südlich von Manila fest. Dann machte sich die Gruppe auf den Heimweg. Ein Abenteuer über 10 000 Kilometer.

Von Wolfgang Haserer

Unterreit/Boraca – Tommy Thaler hat die Heimreise für ovb-online über Tage protokolliert:

Freitag: Boracay

Für uns ist Corona noch ziemlich weit weg. Auf der Insel Boracay gibt es Stand jetzt keinen einzigen Corona-Fall. Deshalb werden im Moment auch keine Leute mehr auf die Insel gelassen. Zudem herrscht Ausgangssperre ab 22 Uhr. Wir wohnen mit rund 40 Personen aus vielen verschiedenen Nationen in einem Hostel. Die Stimmung ist gut, auch wenn alle natürlich nach Hause wollen. Am 22. Februar sind wir in den Urlaub gestartet. Zu dem Zeitpunkt gab es in Italien noch keinen einzigen Corona-Todesfall.

Eigentlich sollten wir schon seit einer Woche wieder zu Hause sein. Doch dann wurden plötzlich alle Inlandsflüge gestrichen. Seitdem kommen wir nicht vom nächstgelegenen Flughafen in Caticlan nach Manila. Und klar ist: Sobald wir die Insel Boracay mit dem Boot in Richtung Caticlan verlassen, gibt es kein Zurück mehr. So lange uns aber in dieser Phase keine gesicherten Informationen erreichen, dass wir auch sicher nach Hause kommen, gehen wir erst einmal kein Risiko ein. Immerhin: Mein Arbeitgeber hat sehr verständnisvoll auf die Situation reagiert.

Samstag: Boracay

Um 14.30 Uhr erreicht uns die Info, dass um 15 Uhr ein Boot nach Caticlan zum Flughafen geht und dann angeblich um 16 Uhr ein Flieger nach Manila startet. Wir stehen in Kontakt mit der Deutschen Botschaft. Von dort heißt es, der Flieger geht um 18 Uhr. Wirklich sicher ist also nichts. Wir entscheiden uns und wollen es versuchen. Zunächst läuft alles gut. Am Flughafen in Caticlan werden die Tickets per Hand ausgestellt. Am Check-In wird noch streng auf den Sicherheitsabstand zwischen den Passagieren geachtet, im Wartebereich ist dann scheinbar schon wieder alles egal. Um 17.30 Uhr hebt der Flieger ab. Er ist fast komplett leer, obwohl noch hunderte Urlauber auf Boracay fest sitzen – unter anderem Saskia Haumayer und ihr 28-jähriger Freund Joseph Huber aus Marquartstein, die einen bewegenden Facebook-Hilferuf geschickt haben.

Samstag: Manila

In Manila am Flughafen fahren wir zu Terminal 3, an dem unsere Airline stationiert ist. Als wir reingehen wollen, werden wir gestoppt. Ohne Ticket kein Zutritt. Auch die Deutsche Botschaft kann uns nicht helfen, sondern gibt uns eher unzureichende Tipps. Also entschließen wir uns ein Hotel-Appartement online in Manila zu buchen. Laut Botschaft ist das kein Problem. Mit dem Flughafentaxi geht es zum Appartement. Auf halber Strecke werden wir vom Militär kontrolliert. Der Fahrer muss Strafe zahlen, da er im Moment eine so große Gruppe eigentlich gar nicht fahren dürfte. Die Straßen sind wie leer gefegt. Überall patrouillieren Männer mit Maschinenpistolen, die 14-Millionen-Einwohner-Metropole ist wie ausgestorben. Eine Geisterstadt. Soweit das Auge reicht nur Militär, Polizei und Securitys auf den Straßen. Sonst steht das Leben still, alle Läden und Geschäfte haben geschlossen. Es ist erschreckend und unwirklich zugleich. Wir sind inzwischen so angespannt, dass wir längst keine Fotos mehr machen, sondern nur noch ins Hotel wollen.

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Am Appartement angekommen, werden wir am Empfang abgewiesen. „Alles voll belegt“, heißt es. Es ist klar: Als ausländische Gruppe haben wir hier keine Chance auf ein Zimmer. Also machen wir uns zu Fuß auf den Weg und klappern die umliegenden Hotels ab. Es ist nach 21 Uhr, noch eine Stunde bis zur Ausgangssperre. Niemand nimmt uns auf. Um kurz nach 22 Uhr spricht uns die unfreundliche Empfangsdame unseres eigentlich gebuchten Hotel-Appartements noch einmal an. Sie sagt, wir können alle in einen Raum schlafen. Für das Doppelte vom schon bezahlten Preis, den Rest kassiert sie in bar. Alles verbunden mit einer klaren Ansage: Am nächsten Morgen müssen wir das Hotel um 7 Uhr verlassen haben. Niemand darf mitbekommen, dass wir hier übernachten.

Sonntag: Manila

Die Frage: Wie kommen wir die zehn Kilometer ohne Taxi zum Flughafen? Wir stehen zwei Stunden winkend an der Straße, dann nehmen uns zwei junge Männer heimlich mit. Sie kassieren 40 Euro für die Fahrt. Jeder bekommt einen Mundschutz, wir legen uns geduckt in den Van. Ein paar hundert Meter vor dem Flughafen lassen uns die beiden Männer raus. Über eine einheimische Touristinformation gelangen wir in das Flughafengebäude und buchen ein Ticket Richtung Heimat. Über Manila-Dubai-London soll es nach Frankfurt gehen.

Montag: London

Als wir in London ankommen, wird unser Flug nach Frankfurt gecancelt. Wir buchen um nach Dresden. Das heißt: wieder 14 Stunden Wartezeit. Die Nacht verbringen wir im Flughafen und schlafen wie viele andere Reisende auch auf dem Fußboden. Immer wieder werden wir von einer Ecke in die nächste gescheucht.

Dienstag: Dresden

Endlich zurück in Deutschland. Wir nehmen uns einen Mietwagen. Nach über 80 Stunden Reisezeit sind wir am Abend in der Heimat. Nun beginnt die Quarantäne. Zwei Wochen werde ich mit meiner Schwester in ihrer Wohnung in Mühldorf verbringen.

Mittwoch: Mühldorf

Den Kühlschrank haben uns die Eltern noch aufgefüllt. Wir sind müde, aber froh wieder zu Hause zu sein. Verbunden mit der Erkenntnis, dass es im Moment nichts Wichtigeres gibt als die Gesundheit, eine Familie, die hinter dir steht, und Freunde, die mit dir durch dick und dünn gehen.

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