VON WILDERERN UND TRADITIONEN

Theatergruppe des Trachtenvereins Reichertsheim steht seit gut 100 Jahren auf der Bühne

„Der siebte Bua“ wurde 2019 zum dritten Mal mit großem Erfolg aufgeführt. Rechts außen die beiden jetzigen Spielleiter Georg Hanslmeier als Postbote und Richard Schwarzenbeck.
+
„Der siebte Bua“ wurde 2019 zum dritten Mal mit großem Erfolg aufgeführt. Rechts außen die beiden jetzigen Spielleiter Georg Hanslmeier als Postbote und Richard Schwarzenbeck.

Seit etwa hundert Jahren wird beim Trachtenverein Reichertsheim Theater gespielt. Die für den Zeitraum vor Ostern geplanten Aufführungen müssen, wie schon die Aufführungen 2020, wegen der Corona-Pandemie ausfallen. Ganz andere Schwierigkeiten hatte der junge Verein kurz nach seiner Gründung 1920.

von August Grundner

Reichertsheim – Damals brachte der das erste Stück mit dem Titel „Das letzte Spiel“ auf die Bühne. Laut dem Gründungsvorsitzenden Franz Thalmaier stieß der Trachtenverein in der Bevölkerung auf Ablehnung und die Aufführungen waren schlecht besucht. Thalmaiers Bruder Hermann – ebenfalls Gründungsmitglied – hatte durch sein Studium gute Kontakte in München zu Schauspielern, welche die Rollen einlernten. Als das bekannt wurde, war der Saal voll. Zudem ließ sich ein Presseberichterstatter aus Haag mit der Chaise herfahren. Er verfasste einen positiven Artikel.

Das Theaterspiel blieb Teil der Vereinstätigkeit und bereicherte und bereichert das kulturelle und gesellschaftliche Leben. Leider sind bis auf drei Bilder die Unterlagen des Vereins aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg verloren gegangen. Nach dem Krieg regte sich die Trachtlerseele bald wieder. Josef Herzog aus Anzenberg und Franz Hanslmaier aus Wagenspeck begeisterten mehrere junge Burschen und Dirndln für die „Trachtensache“.

Das Foto aus der Zeit um 1920 zeigt die Theatergruppe des Trachtenvereins mit Hermann Thalmaier an der Geige. Rechts daneben sitzt der Gründungsvorsitzende Franz Thalmaier mit Zither.

Nachwuchs für das Theater kommt aus dem Trachtenverein

Auch heute kommt der Spielernachwuchs neben einigen Quereinsteigern meist aus dem Verein. Es gibt eine Art Trachtlerkarriere: von der Kindergruppe über die Tanz- und Plattlergruppe zu den Schnalzern und den Theaterspielern. Die Theatergruppe umfasst etwa 30 Personen, mit denen alle Rollen vom jugendlichen bis zum gesetzten Alter dargestellt werden können. Dabei sind auch Frauen, die sich um die Kostüme, das Schminken und Frisieren kümmern.

Das erste Theaterstück „Unser tägliches Brot gib uns heute“ wurde 1946 aufgeführt. Seitdem wird meist im Frühjahr und Herbst gespielt. 1948 und 1949 wurden sogar vier verschiedene Inszenierungen auf die Bühne gebracht. Seit 1946 führte die Gruppe insgesamt 137 Stücke auf. Die seit 1956 geführten Aufzeichnungen zeigen, dass von den Laienspielern bisher über 1200 Rollen dargestellt wurden.

An der Spitze steht hier Leonhard Holzgassner mit 79 Rollen seit 1971, gefolgt von Sepp Baumgartner mit 43 Rollen seit 1974 und Georg Hanslmeier mit 41 Rollen seit 1986.

Zuschauer wollen zunehmend heitere Unterhaltung

Ein Wandel lässt sich in der Auswahl der Stücke feststellen. In der Nachkriegszeit waren es vor allem Heimkehrer- und Wilderergeschichten. Diese reflektierten die Nöte der Zeit und – auf oft recht drastische Art – die gesellschaftlichen Hintergründe, womit sich das Publikum bis Ende der 1970er Jahre identifizieren konnte. Mittlerweile wollen die Zuschauer mehr unterhalten werden, sie bevorzugen heitere Themen. Der Theaterleitung gelingt es sehr gut, inhaltliche Sinnhaftigkeit und Unterhaltungswert bei der Stückeauswahl zu kombinieren.

Einige Anekdoten zu den Aufführungen: 1947, 1997 und erneut 2019 war die Aufführung des Stücks „Der siebte Bua“ ein großer Erfolg. 1947 war die Rolle des Ökonomen Pongratz Kleemeier dem Darsteller wie auf den Leib geschrieben. Er spielte sie so überzeugend, dass er zeitlebens „Kleemeier“ genannt wurde. Manche kannten seinen wirklichen Namen nicht einmal.

Das dramatische Stück „Geächtet“ wurde vor fünfzig Jahren aufgeführt. Fünfter von links ist Leonhard Holzgaßner bei seinem ersten Theaterstück. Rechts außen die beiden langjährigen Regisseure Franz Hanslmaier und Alois Greimel.

Was so alles bei einer Aufführung passieren kann

In den 1970er-Jahren wurde ein Stück aufgeführt, für das bei einem Akt ein besonders schöner Stubentisch gebraucht wurde. Der Vorsitzende stellte diesen zur Verfügung. Da der Tisch jedoch mit den Fußleisten nicht durch die Bühnentür gegangen wäre, wurden diese entfernt.

Der nun instabile Tisch stand, während er nicht gebraucht wurde, hinter der Bühne. Als bei einer Aufführung das Licht ausfiel, eilte ein schwergewichtiger Zuschauer und oftmaliger Theaterspieler zum Sicherungskasten hinter der Bühne. Um an diesen zu gelangen, sprang er auf den Tisch, der mit einem fürchterlichen Krachen zusammenbrach. Für Zuschauer und Theaterspieler war das Geschehen zunächst rätselhaft. Als jedoch das Licht wieder anging, wurde weitergespielt – ohne Tisch. Der musste zur Reparatur gebracht werden.

Bei der Aufführung eines Wildererstücks vergaß der Hauptdarsteller, einen Taler in die Joppentasche zu stecken. Dieser sollte ihn vor dem tödlichen Schuss seines Widersachers retten und nach dem Schuss theatralisch dem Publikum gezeigt werden. Nun griff der Darsteller in der Szene in die leere Tasche. Er löste die Situation, indem er nur seinen Mitspielern auf der Bühne verdeckt den nicht vorhandenen Taler zeigte. Diese hatten Mühe, in der dramatischen Szene das Lachen zu verbergen.

Weitere Artikel und Nachrichten aus der Region Wasserburg finden Sie hier.

Bei der Aufführung eines Stücks mit Haberfeldtreiben hatte ein Haberer nur einen einzigen Einsatz. Diesen übersprang der Haberermeister, sodass er gar nichts mehr zu sagen hatte. Sein Kommentar: „Iatz hob i sowieso grod oa Frog, und net amoi de hob is sogn kinna.“

Auf dem Hof des Spielleiters wurde einmal vor lauter Begeisterung quasi eine zweite Version eines Stücks weitergespielt. Es ging darin auch um die Tradition, die Kirchweih in Form von Schnapsresten zu vergraben. Kurzerhand wurde eine Pralinenschachtel in einem Sandhaufen vergraben, die Monate später beim Betonieren wieder zum Vorschein kam.

Auf die Schnelle mit dem Theater umgezogen

Bis Herbst 2016 wurde im Rampl-Saal Theater gespielt, bis dieser aus Brandschutzgründen geschlossen werden musste. Das Entgegenkommen der Familie Huber in Thambach ermöglichte den sofortigen Umzug in deren Gutsgasthof. Kurzfristig und in vielen Arbeitsstunden wurde die Theaterbühne in den Saal eingebaut. Bereits im Frühjahr 2017 feierte die Theatergruppe dort Premiere.

Für das Frühjahr 2020 hatten die Theaterproben bereits begonnen, mussten jedoch wegen Covid-19 beendet werden. Die Theatergruppe des Trachtenvereins mit den beiden Spielleitern Georg Hanslmeier und Richard Schwarzenbeck, die Bewirtungsmannschaft und das treue Publikum freuen sich darauf, wenn es im Gutgasthof Thambach wieder heißt: Vorhang auf!

Mehr zum Thema

Kommentare