Tagebuch von Schnaitseer KZ-Häftling bei Tochter in England aufgetaucht

Hier am Nordufer des Scheiblsees stand einst das Bienenhaus, in dem der Schnaitseer Alois Gmeindl seinen erschütternden Bericht über die Konzentrationslager, die er erlebt hatte, niederschrieb. Unterforsthuber

In den letzten Kriegstagen im April 1945 versteckte sich der geflohene KZ-Häftling Alois Gmeindl aus Schnaitsee in einem Bienenhaus beim Scheiblsee. Geholfen hat ihm sein Vater Johann. Ein Tagebuch, das nun in England wieder aufgetaucht ist, erzählt die berührende Geschichte. Gmeindl diente zunächst an der Front in Russland – und landete später im KZ.

Von Josef Unterforsthuber

Schnaitsee – Hans Gmeindl, der 1998 mit 95 Jahren verstarb, wusste es immer: Sein Bruder Alois, der eine erschütternde Odyssee durch mehrere Konzentrationslager – KZ Dachau, Buchenwald und Dautmergen – durchgemacht hatte, war im März 1945 geflüchtet und wurde vom Vater in einem Bienenhaus im Schnaitseer Seengebiet versteckt.

Vater versteckt Sohn im Bienenhaus

Und in dieser Zeit hatte Alois Gmeindl ein aufrüttelndes Tagebuch über seine KZ-Zeit geschrieben. Aber wo es abgeblieben war, wusste bis vor fünf Jahren niemand. Erst als bei einem Besuch der Tochter Renate aus England das Gespräch auf dieses Tagebuch kam, sagte sie, dass dieses bei ihr sei. Sie schickte unmittelbar danach eine Abschrift nach Schnaitsee.

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In den Wochen des Versteckens am Scheiblsee durfte keiner wissen, wo sich der Alois aufhielt. Sein Vater brachte ihm jede Nacht sein Essen in das Versteck. Und hier begann Alois Gmeindl seine noch frischen und grausamen Erinnerungen niederzuschreiben. Sein letzter Eintrag stammt vom 25. April 1945, also auf den Tag genau vor 75 Jahren.

„… vorm Abmarsch wurden noch alle Papiere verbrannt. Einen meiner besten Kameraden holte man noch mitten in der Nacht weg, um ihn zu erschießen. Er reichte mir seinen Kanten Brot. ‚Hier nimm das Brot, ich brauch‘ es nicht mehr` waren seine letzten Worte. Dann wurde er fortgerissen. Ohne Verpflegung marschierten wir weg. Um uns her streiften die Hunde. Nach etwa zehn Kilometer die ersten Schüsse. Die, die nicht mehr mitkamen starben den natürlichen Tod durch Genickschuss. Zwei Tage sind wir schon ohne Fressen marschiert. In einem Stadel sollten wir auf Verpflegung warten. Auf einmal gabs Alarm. Die Franzosen waren da. Mit dem Rad machte ich mich auf die 400 Kilometer Richtung Heimat. Nach vier Tagen war ich in meiner Heimat.“

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Da aber hier in Südostbayern die Befreiung noch auf sich warten ließ, musste Gmeindl im Bienenhaus versteckt werden. Und hier schrieb er von den Gräueln, die Mithäftlingen passiert sind: „Ein Kommando mit 80 Häftlingen rückte zur Arbeit aus. Einer von der SS meinte, 50 täten es für diese Einheit auch. Am Abend kamen nur noch 50 zurück.“

Und das Dokument endet mit den Worten: „Solche Sachen gäbe es tausendfach. Ich will es hier nicht mehr erzählen. Alois Gmeindl, Schnaitsee am 25. April 1945.“

Wenige Tage später, Gmeindl war noch im Versteck, zogen auch durch Schnaitsee diese Unglücklichen bei den Todesmärschen. Nur wenige hundert Meter neben dem Versteck wurden mehrere KZ-Häftlinge umgebracht. In der Nacht darauf gelang ihnen in Seppenberg die Flucht. Die Überlebenden haben für ihre Kameraden ein Denkmal gestiftet, das an die Toten erinnert. Dieses steht jetzt nahe Sandgrub als Mahnmal.

Zuerst an der Front in Russland und dann KZ

Vor den Schlussworten am 25. April erzählte Gmeindl, dass er nach eineinhalb Jahren bei der Wehrmacht versprengt wurde. Gemeinsam mit einem Kameraden fand er nach einer Kampfsituation seine Kompanie nicht mehr – sie zogen gen Heimat. Nach dem Aufgreifen sollte er in eine Strafkompanie. Er flüchtete nach Tirol. Wieder aufgegriffen wurde er ins KZ nach Dachau gebracht. „Dazu schrieb er „Sieben Monate an der Front in Russland und als Dank dafür ins KZ nach Dachau.“ Nach dem erschütternden Bericht aus Dachau wurde er nach Buchenwald verfrachtet. Und das dritte KZ in Dautmergen bezeichnete Gmeindl „als sein drittes und letztes und schwerstes Arbeits- und Vernichtungslager.“

Tragisch für die Familie war auch, dass der Bruder Sepp nicht aus dem Krieg zurückkam und dass der Alois 1963 bei einem Verkehrsunfall viel zu früh ums Leben kam.

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