23-Jährigem Notwehr nicht abgenommen: Täter und Opfer zugleich

"Es kam ein Stuhl geflogen ..."

Rosenheim - Es war eine der üblichen, verbalen Attacken unter Jugendlichen, die, wenn die Streithansl eins zu viel über den Durst getrunken haben, in eine handfeste Schlägerei ausarten können. So auch an einem Maiabend im vergangenen Jahr, kurz nach Mitternacht.

Zuerst kamen sich zwei jugendliche Streithansl in die Wolle, angeblich wegen einer Freundin. Es kam zur Schubserei und zur Schlägerei, die nunmehr vor dem Jugendschöffengericht unter Vorsitz von Richter Herbert Schäfert ihr Nachspiel hatte.

Im Verlauf besagter Schubserei schlug der jetzt Angeklagte C. seinen Rivalen S. unvermittelt mit der Faust ins Gesicht, sodass dieser zu Boden ging. Doch dann rappelte sich S. wieder auf und ergriff wütend einen neben ihm stehenden Terrassenstuhl, um diesen seinem Angreifer an den Kopf zu werfen. Möglicherweise lag es nun daran, dass der Werfer bereits zu viel "Zielwasser" intus hatte, dass er statt den Rivalen einen anderen Spezl H. traf, der zufälligerweise in der Wurfbahn gestanden, aber mit der ganze Sache überhaupt nichts zu tun hatte.

H. griff nun erbost den Stuhlwerfer an und "revanchierte" sich bei diesem mit einigen Faustschlägen. Auch das eigentliche Ziel des Stuhls, der Angeklagte C., stürzte sich nun auf den Werfer, der ob einiger gezielter Schläge erneut zu Boden ging. Mit seinen festen Schuhen trat C. dem am Boden liegenden Rivalen S. ins Gesicht, was bei diesem zum Nasenbeinbruch, Prellungen des linken Handgelenkes und des rechten Jochbogens führte. Die Verletzungen mussten im Krankenhaus behandelt werden.

An drei Verhandlungstagen versuchte das Jugendschöffengericht herauszufinden, wer, wann, wen mit Faustschlägen und Fußtritten attackiert hatte, denn alle Drei waren gleichzeitig Täter und Opfer. Der Angeklagte C., und der Angeklagte S. sahen ihr Fehlverhalten ein. Das Verfahren gegen beide wurde abgetrennt.

Übrig blieb die Anklage gegen den dritten Spezl H., vom Stuhlwerfer am Kopf getroffen, der ein ärztliches Attest vorlegte, in welchem bescheinigt wurde, dass er einige Beulen samt Kopfschmerzen erlitten hatte. Er wollte partout nicht einsehen, dass er kein Recht hatte, es dem Stuhlwerfer mit gezielten Faustschlägen heimzuzahlen. Er behauptete, sich nur in Notwehr verteidigt zu haben. Der geladene "Entlastungszeuge" gab am Ende seiner widersprüchlichen Aussagen zu, nur gesehen zu haben, dass "ein Stuhl geflogen kam". Auch der Verteidiger, Rechtsanwalt Hans Sachse, schaffte es nicht, das Gericht von einer "Notwehrhandlung" seines Klienten zu überzeugen. Zeugenaussagen belegten, dass der vom Stuhl getroffenen H. auf den Werfer zugestürzt sei, um es diesem "heimzuzahlen".

Der Staatsanwalt hatte zuvor für den einschlägig vorbestraften 23-jährigen Angeklagten, dem aufgrund einer gewissen Reifeverzögerung gemäß Jugendstrafrecht und nicht nach Erwachsenenstrafrecht der Prozess gemacht wurde, eine Freiheitsstrafe von zwölf Monaten gefordert, die auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt werden könne.

In seiner Urteilsbegründung verdeutlichte Richter Schäfert, dass es sich im vorliegenden Falle um zwei in sich abgeschlossene Vorgänge handle. Dass der vom Stuhl getroffene Angeklagte H. Geschädigter war (erster Vorgang), sei bedauerlich und auch zu ahnden, gebe diesem aber nicht das Recht, den Stuhlwerfer wie geschehen (zweiter Vorgang), mit Faustschlägen zu Boden zu schlagen. Das Urteil lautete auf zehn Monate Jugendstrafe, die auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wurde. je

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