Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.


Ein Aufruf mit Folgen

„Stürmt die Krankenhäuser!“: Querdenker-Aufruf von Franz Stemmer aus Haag beschäftigt die Kripo

Die Wut nimmt zu, Impfskeptiker und Gegner der Corona-Maßnahmen lassen ihren Aggressionen in Chats freien Lauf. Bisweilen überschreiten sie dabei eine Grenze und die Polizei nimmt sich der Sache an.
+
Die Wut nimmt zu, Impfskeptiker und Gegner der Corona-Maßnahmen lassen ihren Aggressionen in Chats freien Lauf. Bisweilen überschreiten sie dabei eine Grenze und die Polizei nimmt sich der Sache an.
  • Josef Enzinger
    vonJosef Enzinger
    schließen

Ein Aufruf, den der Haager Impfgegner Franz Stemmer in einer Telegram-Gruppe kommuniziert hatte, hat Folgen: Die Klinik hat die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt. Ein Verwaltungsrat im Inn-Klinikum kritisiert per Videobotschaft den Aufruf aufs Schärfste. Und die Kripo ermittelt. Das steckt dahinter.

Haag – Das hat die Krankenhausleitung des Inn-Klinikums Mühldorf und Altötting hellhörig gemacht: Franz Stemmer aus Haag, der als Veranstalter von Demos gegen die Corona-Maßnahmen und als Impfskeptiker bekannt ist, hatte in einer Telegramgruppe zum Sturm auf die Intensivstationen aufgerufen.

Die Klinikleitung hat die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt. Michael Gerstorfer, Mitglied des Verwaltungsrates im Inn-Klinikum, kritisiert per Videobotschaft den Aufruf aufs Schärfste.

Stemmer will „Lügen“ aufdecken

„Stürmt die Krankenhäuser und ertappt sie auf frischer Tat beim Lügen!!!“ Gleich mit drei Ausrufezeichen versieht Franz Stemmer seinen Aufruf in der Telegram-Gruppe „Diskussion – Für Frieden und Freiheit“. Gerichtet ist er an die 137 Mitglieder dieser Gruppe, die ohne Terminvereinbarung die Krankenhäuser aufsuchen und mit Handy bewaffnet die Situation auf den Intensivstationen dokumentieren sollten.

„Da schau ma dann mal, was denn nun Corona ist und was nicht. Also so wie ne Inventur sozusagen.“ Man solle sich Zutritt zu allen Zimmern verschaffen mit der Bedingung, alles filmen zu dürfen und auch zu veröffentlichen.

Bezug zur Ärzte-Aktion „allemalneschichtmachen“

Stemmer, ein erklärter Impfgegner, bezieht sich mit seinem Post auf einen Bericht der „FAZ“. In diesem geht es um eine Aktion von Ärzten in Krankenhäusern mit dem Titel „allemalneschichtmachen“. Damit wollten sie Menschen sensibilisieren, was Ärzte und Pflegekräfte seit Beginn der Corona-Pandemie leisten.

Franz Stemmer hat schon einige Demos organisiert, in denen er die Maßnahmen der Regierung zur Pandemie-Bekämpfung kritisiert und sich auch klar gegen die Impfung positioniert hat. Er geht aber auch keiner Diskussion aus dem Weg, wie das Bild zeigt, das im Januar in Mühldorf entstanden ist.

Klinikleitung in Alarmbereitschaft

Stemmers Aufruf hat die Klinikleitung in Alarmbereitschaft versetzt. Auf Anfrage teilt das Klinikum mit, die Einlasskontrollen der vier Kliniken informiert zu haben. „Darüber hinaus haben die Mitarbeiter auf die eingeschaltete Polizei vertraut und sich weiterhin ganz auf ihre Aufgabe der Patientenversorgung konzentriert“, so Kliniksprecher Mike Schmitzer.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar von Redakteur Hans Grundner: Impfprotest und Klinik-“Sturm“ - Im Landkreis Mühldorf überschreiten Corona-Kritiker Grenzen

Chefarzt spricht von „Frechheit“

Während sich das Inn-Klinikum mit einer Beurteilung der Aktion zurückhält, lässt Michael Gerstorfer, Chefarzt bei der Schlossklinik Abtsee und Mitglied des Verwaltungsrates am Inn-Klinikum Mühldorf und Altötting, seinem Unmut freien Lauf. Er habe kein Verständnis für den Aufruf vom Kopf „einer Querdenkerbewegung“. Er geißelt in einem Facebook-Video Stemmers Behauptung, es würden Lügen verbreitet und findet: „Ein solcher Aufruf ist eine Frechheit!“ Tatsache sei, dass die Leute im Krankenhaus seit einem Jahr am Limit arbeiten.

Eine Diskussion ist wichtig – aber nicht auf Kosten anderer

Laut Gerstorfer immer mit der Angst verbunden, sie könnten, solange sie nicht geimpft sind, sich und ihre Familie mit Covid anstecken. „Die arbeiten zum Teil bis zur Erschöpfung. Glaubt denn wirklich jemand, dass die lügen?“ Nicht alle Be- und Einschränkungen seien gut, so Gerstorfer: „Ich bin auch nicht mit allem einverstanden, was die Regierung macht.“ Eine Diskussion sei wichtig: „Aber nicht auf Kosten anderer“.

Dr. Gerstorfer: „Corona kann man nicht wegdichten!“

Corona wegzudichten und nach einem Jahr immer noch so zu tun, als sei das ein Schnupfen, das verhöhne all jene, die sich tagtäglich aufopfern. „Und dann kommt dieser Aufruf, die Intensivstationen zu stürmen und Fotos zu machen. Von Menschen, die beatmet werden. Was soll denn das?“

Lesen Sie dazu auch: Impfprotest abgesagt - Aktion am Waldkraiburger Rathaus verstößt gegen Demonstrationsrecht

Respekt wäre angemessener, findet der Verwaltungsrat

Es sei angemessener, den Mitarbeitern, die auf der Intensivstationen arbeiten, Respekt entgegenzubringen: „Und zu sagen: Toll, was ihr da macht. Danke, dass ihr weit über eure Grenzen hinausgeht.“ Und deswegen sagt Gerstorfer wörtlich: „Es reicht jetzt! Corona ist eine Realität.“

Schnaps gegen Covid?

Angesprochen auf den Aufruf rudert Franz Stemmer inzwischen zurück: „Ich gebe zu, die Wortwahl ,Sturm‘ in Bezug auf die Intensivstationen ist etwas unpassend gewählt“, räumt er auf Anfrage der OVB-Heimatzeitungen ein. Gemeint sei gewesen, dass viele Personen in vielen Krankenhäusern, auch Pflegekräfte, im Rahmen ihrer rechtlichen Möglichkeiten protokollieren sollten, wie die Situation tatsächlich ist.

„Und dann kommt dieser Aufruf, die Intensivstationen zu stürmen und Fotos zu machen. Von Menschen, die beatmet werden. Was soll denn das?“

Dr. Michael Gerstorfer, Verwaltungsrat im Inn-Klinikum

„Was würde es denn bringen, wenn zum Beispiel 50 Leute in ein Krankenhaus rennen und alle die gleichen Aufnahmen machen? Da reichen eine oder zwei Personen völlig aus, um das zu erfassen.“

Stemmer relativiert seine Wortwahl

Stemmer, der öffentlich die Meinung vertreten hatte, dass man auch mit Schnaps das Coronavirus bekämpfen könne, habe mit seinem Aufruf erreichen wollen, dass sich ein „echtes Lagebild“ der Belegung der Intensivstationen erfassen ließe. Man habe sich dann „nicht nur auf die ständig mantraartig wiederholten Meldungen der ,total überlasteten Intensivstationen‘ zu verlassen.“

Post ist immer noch im Chat zu finden

Die unglückliche Wortwahl hat Stemmer zwar eingeräumt, dennoch sah er offenbar keine Veranlassung, seinen Post vom 26. April zu löschen. Bis Redaktionsschuss war der Aufruf immer noch in der Gruppe „Diskussion – Für Frieden und Freiheit“, deren Admin er ist, zu lesen.

Kriminalpolizei bearbeitet den Fall

Stemmers Aufruf beschäftigt auch die Ermittler der Polizei. Wie das Polizeipräsidium Oberbayern Süd in Rosenheim mitteilt, wird der Fall seit Anfang Mai 2021 vom zuständigen Fachkommissariat für Staatsschutzdelikte bei der Kriminalpolizeiinspektion Traunstein bearbeitet. Die Ermittler ließen nach Auskunft von Polizeisprecher Stefan Sonntag derzeit eine mögliche Strafbarkeit, etwa eine öffentliche Aufforderung zu Straftaten, von der zuständigen Staatsanwaltschaft Traunstein prüfen.

Polizei in Kontakt mit den Krankenhäusern

Weiter heißt es seitens der Polizei, dass die zuständigen Polizeidienststellen mit den Leitungen von Krankenhäusern beziehungsweise Kliniken in der Region in Kontakt stünden, um hinsichtlich der in Sozialen Medien festgestellten Aufrufe – wie den im konkreten Fall genannten „Sturm auf Krankenhäuser“ – abgestimmte Maßnahmen zu treffen.

Zunehmende Radikalisierung in sozialen Netzwerken und in Chatrooms

Grundsätzlich stellt Sonntag eine zunehmende Radikalisierung im Netz fest. Hetze und Aufrufe dieser Art, die zumeist aus der Querdenkerszene stammten, würden sofort strafrechtlich überprüft. Wobei Sonntag hinzufügt: „Es gelangt nicht alles zu uns!“Man nehme jede Warnung ernst, gegebenenfalls würde vor Ort Personal verstärkt, um für einen Ernstfall gerüstet zu sein und schnell reagieren zu können.

Wut und Aggression entlädt sich immer mehr

Die zunehmende Radikalisierung, die vor allem in den vergangenen Wochen und Monaten zu spüren sei, macht Sonntag an der Ungeduld der Menschen fest, welche die von der Politik verordneten Einschränkungen nicht mehr hinnehmen wollen. „Und das entlädt sich in Wut und Aggressionen!“

Kommentare