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Kunstprojekt des AK 68

Streetart: Wasserburgs frühere Essigfabrik wird zum Atelier der unbegrenzten Möglichkeiten

Katrin Meindl, zweite Vorsitzende des AK 68, hat die gebrauchten Spraydosen der Künstler zu einer Installation aufgebaut.
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Katrin Meindl, zweite Vorsitzende des AK 68, hat die gebrauchten Spraydosen der Künstler zu einer Installation aufgebaut.
  • Heike Duczek
    VonHeike Duczek
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Eine mittelalterliche Altstadt, ein hübsches Wohnviertel, eine hässliche Industriebrache: Am Wasserburger Holzhofweg prallen Welten aufeinander. Das hat seinen Reiz, findet der Kunstverein AK 68. Er hat die seit 2017 leer stehende ehemalige Essigfabrik für ein Kunstprojekt genutzt. Ein „lost place“ wird zum Atelier für Streetart.

Wasserburg – Im roten Maler-Overall, schwarze Farbe an den Fingern und im blonden Haarschopf, steht Katrin Meindl, zweite Vorsitzende des AK 68, in der früheren Produktionshalle – die Spraydose in der Hand.

Die ehemalige Essigfabrik: Eine Industriebrache als Atelier und Galerie.

Auch sie hat sich hier nach Wochen als neugieriger Zuschauerin als Graffiti-Künstlerin versucht – „ein super spannendes Experiment“, wie sie strahlend erzählt. Auf der obersten Stufe einer Leiter balanciert Maurice Bogdanski, Künstlername Noir, und verewigt sein Markenzeichen, den Schriftzug, in grellroten Farbtönen auf einer grauen Wand.

In der Luft eine Mischung aus Farb- und Essiggerüchen, denn die Säureprodukte, die hier bis 2017 hergestellt wurden, drücken den Hallen bis heute in der Nase den Stempel auf. Auch optisch kann der Ort nicht verhehlen, was er einmal war: Fünf Meter hohe Holzfässer erinnern an die Essigherstellung, vergessene Industrieanlagen bestimmen das Bild.

Maurice beim Sprayen seines Künstlernamens.

Die Stadt Wasserburg, die das Gelände mit Firmengebäude erworben hat, wird hier viel zu tun haben, wenn 2022 der Abriss erfolgt, um einer neuen Wohnsiedlung Platz zu schaffen.

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Es ist also ein Kunstprojekt und Ausstellungsgelände auf Zeit, das der AK 68 hier für ein Jahr genutzt hat. Ein vergänglicher Ort im doppelten Wortsinn: Denn auch die Streetart hat als Kunstform nicht den Anspruch, für die Ewigkeit zu sein. Im Gegenteil: Graffiti-Künstler wie Maurice wissen, dass ihre Werke – „nach Absprache“, wie er ausdrücklich betont – von Kollegen übermalt werden können: „Crossen“ heißt dies. Ein Künstler kreuzt quasi das Werk des Vorgängers mit seiner Arbeit.

Eine Fabrik als Quelle der Kreativität. Der etwas morbide Charme der Industriebrache mischt isch mit oft knallbunten Bildern.

Atelier der nahezu unbegrenzten Möglichkeiten

Der morbide Charme der früheren Essigfabrik – ein dunkler, etwas heruntergekommener, sichtlich in Auflösung befindlicher Ort – bietet den perfekten Rahmen für Streetart, findet Meindl. Sie hat die Industriebrache lieben gelernt. Die verlassene Fabrik war für sie und Künstler der Szene – darunter auch bekannte Namen wie Noir, Ret, Rabe und Mr. Woodland – ein Ort, der nahezu unbegrenzt Platz bot für Kreativität mit der Spraydose.

Viel experimentiert

Maurice hat sich im vergangenen Jahr hier künstlerisch weiterentwickelt, sagt er. Er habe neue Techniken ausprobiert, sich geradezu ausgetobt, wie der 35-Jährige schmunzelnd erzählt. Die Essigfabrik als Atelier der nahezu unbegrenzten Möglichkeiten. So entstand eine große Galerie – mit Graffitis, Schriftzügen, figürlichen Arbeiten („characters“), Collagen, Werken im Tattoo-Stil oder erstellt mit Schablonen, gekleistert, gemalt, gesprayt.

Meindl hat viel mit Worten experimentiert, denn: „Ich bin ein Schreiberling“, sagt sie und zeigt auf Sätze aus einem Gedicht von Joachim Ringelnatz oder auch „sinnfrei“ aneinander gereihte Buchstaben. Sie hat außerdem mit Klebebändern gestaltet. Außen- und Innenwände, sogar die früheren Werkanlagen, zeigen jetzt statt Spinnweben und abblätterndem Lack frische Graffitis oder Murals (Wandmalereien).

Fünf Meter hohe Essigfässer bestimmen im Innern das Bild.

Wohnhaus, Büro, Druckerei, Schlosserei und Fabrikhallen mit Filteranlagen, Laufbändern und Zentrifugen präsentieren sich in oft knalligen Farben. Die Industrieanlagen inspirierten die Künstler sogar zu typischen Essigfabrik-Werken: Ein Laborcontainer aus Beton erinnert – mit der Spraydose bearbeitet – jetzt an den Plan einer U-Bahn-Station. Der Berliner Künstler „Rabe“ hat hier den Bogen zwischen Wasserburg und der Hauptstadt gesponnen.

Samstag, 11. September, steuert das Kunstprojekt dem Finale zu – mit einer um 16 Uhr beginnenden Vernissage, einem 24-Stunden-Malmarathon und Führungen. DJ Bassinksky legt auf, die Bar Helmut bewirtet. Meindl bietet Führungen durch das frühere Fabrikgebäude an, das bis 2017 der Familie Burkhardt gehörte. Die Unternehmensgeschichte des Feinkostwerks geht bis 1889 zurück. In Wasserburg waren bis 2017 etwa 15 Mitarbeiter beschäftigt. Heute ist der Firmensitz in Albaching.

Fotografien halten die Erinnerung fest

Im Ganserhaus zeigen die Fotografen Ingolf Hatz, Karl Kempf, Marlies Fischer-Zillinger und Manfred Braun Bilder, in denen sie die Industriebrache und ihre Kunst festgehalten haben – wenigstens diese Fotos sind für die Ewigkeit. Ansonsten heißt es: „Loslassen“, sagt die zweite Vorsitzende des Kunstvereins. Das hat sie gelernt im Streetart-Projekt. „Wir haben unsere Erinnerungen an ein Projekt, das uns die Stadt geschenkt hat. Diese Bilder in unseren Köpfen nimmt uns der Abrissbagger nicht weg.“

Die Künstler

Elf Künstler stellen aus in der Essigfabrik (Streetart) und im Ganserhaus (Fotos): Maurice Bogdanski i, Felix Rutkowski, Jens Müller (Ret), Maurice Bogdanski (Noir), Andi Brüchert (Rabe), Daniel Westermeier (Mr. Woodland), Vinzenz Zehetmair (Storeone), Katrin Meindl (km1166), alle Streetart, sowie die Fotografen Ingolf Hatz, Karl Kempf, Marlies Fischer-Zillinger und Manfred Braun. Letztere haben die Essigfabrik seit Herbst 2020 fotografisch begleitet.

Die Ausstellungen

Zum Finale des Kunstprojekts gibt es zwei Ausstellungen – in der Essigfabrik selber und im Ganserhaus, vom 12. September bis 10. Oktober . Samstag, 11. September, ist um 16 Uhr Vernissage in der Essigfabrik – mit Malmarathon, Führungen und Musik von DJ Bassinsky sowie Bewirtung durch die Bar Helmut. Sonntag, 12. September, wird um 13 Uhr die Fotoausstellung im Ganserhaus eröffnet.

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