GASTRONOMIE IM LOCKDOWN

Stiller Protest eines Wirts: Schaufenster-Puppen sitzen vor dem Wasserburger Stechl Keller

Sitzen „plaudernd“ mit einem Aperol Spritz im Stechl Keller: Schaufenster-Puppen.
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Sitzen „plaudernd“ mit einem Aperol Spritz im Stechl Keller: Schaufenster-Puppen.
  • Heike Duczek
    vonHeike Duczek
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Es gibt viele Arten des Protests: stille, laute, in gewohnter Manier oder mit aufmerksamkeitsstarker Action. Peter Fichter, Wirt des Stechl Kellers, eigentlich eher ein Mann der kraftvollen Worte, lässt im Lockdown die Puppen für sich sprechen: Eine Installation sagt derzeit mehr als tausend Worte.

Wasserburg – „Homo hospes“ (Gastgeber) hat Fichter die vier Schaufensterpuppen in Anlehnung an den homo sapiens getauft. Die künstlichen Gäste sitzen und stehen lässig im Café mit Getränken auf dem Tisch – wer nicht ganz genau hinschaut, könnte meinen, der Stechl Keller habe wieder aufgemacht. Hat er natürlich nicht. Doch die vier Figuren sollen zeigen: „Wir sind noch da“. Und appellieren: „Vergesst uns nicht.“ Die Szene erinnert daran, wie es war im vergangenen Sommer, als die Gaststätten und Biergärten noch auf hatten.

„Aktionismus senkt keine Zahlen“

„Die Puppen sind mein stiller Protest“, sagt Fichter. Denn laut will er in diesen schwierigen Zeiten nicht sein – das verbiete sich angesichts der nach wie vor schwierigen Infektionslage und der vielen Menschen, die schwer erkrankt oder gestorben seien. „Aktionismus senkt keine Zahlen“, findet er. „Nachdenken statt quer denken“, steht deshalb auf einem Schild des Bündnisses „Wasserburg.bunt“, das er zur Szene dazugestellt hat.

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Kleidung aus einer ARD-Abendserie

Peter Fichter

Beim Nachdenken ist auch ihm die Idee für die Installation gekommen: „Wir haben ja Zeit, mir ist echt fad“, sagt er schmunzelnd. Bei Ebay schaute er sich deshalb nach Ersatz-Kunden für sein Lokal um – und wurde ausgerechnet bei Kollege Christoph Klobeck vom gleichnamigen Bettenhaus fündig, der dort vier Puppen anbot. Die Figuren wechselten den Besitzer quasi von einer Straßenseite zur anderen – und halten jetzt Hof vor dem Stechl Keller. Ihre Kleidung ist ebenfalls gebraucht: Sie stammt aus der mittlerweile eingestellten ARD-Abendserie „Um Himmels willen“, berichtet Fichter. Er hat Kontakte zum Set.

Kunst-Essen für Kunst-Kunden

Die Kunst-Kunden bekommen demnächst auch noch Kunst-Essen serviert – und Masken, auf deren Folien Fotos von Stammgästen daran erinnern: Hier würde in Vor-Corona-Zeit der Wastl mit der Maria sitzen.

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Peter Fichter strahlt. Die Idee mit dem „homo hospes“ sorgt für Aufsehen und bringt etwas Humor in die Winterstadt, die manchmal in Corona-Depression zu versinken scheint. Dabei ist dem Wirt nicht nach Lachen zumute. Er hat viel investiert in einen Windschutz, der auch bei kühleren Temperaturen das draußen Sitzen erlauben sollte. Und er kann nicht nachvollziehen, dass die Gastronomie und viele Geschäfte trotz ausgefeilter Hygienekonzepte schließen müssen, während „die Discounter und Amazon abzocken dürfen“. Deshalb würde er sich wünschen, dass so mancher Politiker auch „nachdenkt“ über diese Wettbewerbsverzerrungen, die den Lockdown begleiten würden.

Größtes Problem: die Mitarbeiter bei der Stange zu halten

„Wir haben das Ende der Fahnenstange erreicht“, warnt Fichter, „an jedem Tag, an dem wir zu haben, wird es schwieriger für uns“. Sein größtes Problem: das Personal zu halten. Treue Mitarbeiter hätten sich neue Arbeitsmöglichkeiten suchen müssen. „Wenn wir wieder aufmachen dürfen, weiß ich derzeit nicht, wie ich meine Schichten personell besetzen soll.“ Das to-go-Geschäft sei kein Ersatz für die Umsatzausfälle, ist nach seinen Angaben eher dazu da, den Kontakt zum Gast zu halten und nicht in Vergessenheit zu geraten. Dieses Ziel haben auch seine Puppen im Sinn: Die Gruppe mit dem Namen „homo hospes“ ist der neue Star der Stadt.

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