Gedenkfeier

Stiftung Attl gedenkt 230 Menschen, die vor 80 Jahren deportiert wurden

Mahnmal Attl NS-Opfer
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Das Mahnmal in Attl ist identisch mit der Gedenktafel, die in Hartheim bei Linz an das Schicksal der NS-Opfer erinnert.
  • vonPetra Maier
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80 Jahre ist es her, dass in Attl in der damaligen Einrichtung für Menschen mit Behinderung furchtbare Dinge geschahen: Bewohner wurden als „lebensunwert“, „unheilbar“ oder „ökonomisch unbrauchbar“ eingestuft, weil sie psychische Erkrankungen oder eine geistige oder körperliche Behinderung hatten.

Attl – Nur Einzelne konnten die Barmherzigen Brüder, die sich damals in Attl um die Menschen mit Assistenzbedarf kümmerten, aufgrund ihrer Arbeitskraft vor diesem Schicksal bewahren. Heute mag man sich kaum vorstellen, was damals für Leid geschah.

Feierstunde im kleinen Rahmen

Die Vorstände der Stiftung Attl, Jonas Glonnegger und Franz Hartl, halten die Erinnerung trotzdem für sehr wichtig. Sie gedachten in diesen Tagen in einer kleinen Gedenkfeier aller Bewohner, die von den Nationalsozialisten ermordet worden waren. Am Mahnmal fanden sich außerdem der Seelsorgebeauftragte der Einrichtung, Hans Wenisch, und Thomas Witzkowski als Vertreter der Attler Bewohner im Pfarrgemeinderat ein.

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„Solche Auswüchse menschlichen Irrglaubens, die unter der Zeit des Nationalsozialismus zu millionenfachen Morden geführt haben, dürften in unserer Gesellschaft niemals wieder Raum finden“, forderte Glonnegger bei diesem Gedenken.

Die beiden Vorstände der Stiftung Attl bei der Gedenkfeier: Jonas Glonnegger (links) und Franz Hartl.

Nationalsozialisten deportierten und ermordeten Bewohner

In den Jahren 1940 und 1941 wurden die meisten Bewohner der Stiftung Attl – etwa 230 – von den Nationalsozialisten deportiert und ermordet. Einer von ihnen war Karl Haslocker. Der junge Mann aus Miesbach kam mit 28 Jahren nach Attl. Seine Mutter war verstorben, zu Hause konnte sich niemand um ihn kümmern.

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Als „Diagnose“ steht in seinen Papieren im Archiv der Stiftung: „Idiot“. Im September 1940 wurde Haslocker nach Eglfing-Haar in eine andere Betreuungseinrichtung verlegt. Aber auch dort war er vor den Nazis nicht sicher: Haslocker wurde schließlich in die Tötungsanstalt Hartheim bei Linz in Österreich gebracht, wo er sein Leben verlor.

Die Fürbitten sprach Thomas Witzkowski als Vertreter der Attler Bewohner im Pfarrgemeinderat.

Attl hat sich verändert

Glonnegger betonte in seiner Rede bei der Gedenkfeier: „Wir als Mitarbeiter der Stiftung Attl haben uns für eine Arbeit mit und für Menschen mit Beeinträchtigung entschieden. Ihre gesellschaftliche Akzeptanz hat für uns eine große Bedeutung.“ Dafür setze sich die Stiftung Attl seit Jahren ein, denn auch in den Jahren nach Kriegsende sei „nicht alles immer gut gelaufen“. Pädagogisch habe sich die Stiftung aber sehr früh zeitgemäße Ziele gesetzt und sich immer zum Wohl der Bewohner weiterentwickelt.

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Während es im Jahr 1970 noch große Schlafsäle gab, konnten inzwischen fast alle Bewohner in Attl ein Einzelzimmer beziehen, nennt Glonnegger als Beispiel. Im Gespräch mit unserer Zeitung betont der Diplom-Sozialpädagoge, dass in Attl „jeder einzelne Bewohner die Lebensmöglichkeit bekommen soll, die er braucht.“ Wichtig ist ihm dabei die Begegnung auf Augenhöhe. Die Menschen in Attl sollen entscheiden, wie sie leben möchten und nicht auf Anordnung funktionieren.

Begegnung auf Augenhöhe

Besonders freut ihn, das die Stiftung vor drei Jahren für 14 Patienten, die vorher wegen einer geistigen oder psychischen Erkrankung in der Psychiatrie untergebracht waren, ein neues Zuhause schaffen konnte. Einer dieser Patienten sei mit einer Fünf-Punkt-Fixierung ans Bett gefesselt gewesen, bis er in Attl die Betreuung erhielt, die ihm ein ganzes neues Lebensgefühl erlaubte:

Heute sieht Glonnegger den Patienten manchmal in Attl – „natürlich unter Beaufsichtigung“ – frei herumlaufen. Solche Momente bestätigen ihn bei seiner täglichen Arbeit. Und auch die Mitarbeiter, die hier ihren Dienst verrichten – einzelne seit über 20 Jahren_– und sich immer wieder auf’s Neue den Bewohnern achtsam zuwenden.

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