Lokaler Bezug zu deutscher Geschichte

So will das Stadtarchiv Wasserburg Lehrern dabei helfen, die NS-Zeit im Unterricht zu vermitteln

Ein Ort der Erinnerung und Reflexion, der die Brücke zur Gegenwart schlägt: das zentrale Denkmal der Stadt für die Opfer des Nationalsozialismus am Heisererplatz.
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Ein Ort der Erinnerung und Reflexion, der die Brücke zur Gegenwart schlägt: das zentrale Denkmal der Stadt für die Opfer des Nationalsozialismus am Heisererplatz.
  • Heike Duczek
    vonHeike Duczek
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Schwerer Stoff ist der Nationalsozialismus. In Wasserburg können Lehrer ihn nun mit Materialien im Unterricht vermitteln, die das Stadtarchiv zur Verfügung stellt. Das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte wird anhand der lokalen Historie deutlich gemacht.

Wasserburg – Auch in Wasserburg gab es Mord und Verfolgung. Über 700 Menschen verloren als „Euthanasie“-Opfer“ ihr Leben. Ihnen und allen weiteren Menschen, die unter dem nationalsozialistischen Regime gelitten, von den Machthabenden verfolgt, drangsaliert, deportiert und ermordet wurden, gedenkt seit 2020 das zentrale Mahnmal am Heisererplatz. 62 Stelen geben den bisher bekannten Opfern einen Namen, Texte erklären die Hintergründe, Glaselemente laden zur Reflexion mit der Gegenwart ein.

Die Vermittlung an die junge Generation war ausdrücklich gewünscht vom Stadtrat und dem Arbeitskreis, der den Wettbewerb für die künstlerische Gestaltung des Denkmals auslobte und begleitete. Doch wie kann der schwere Stoff vermittelt werden? Am besten durch Materialien, die ihn lokal verankern, findet Stadtarchivar Matthias Haupt. Das Stadtarchiv hat deshalb Handreichungen für Lehrer und Lehrerinnen und und Lehrmaterialsammlungen entwickelt – Module, die im Unterricht aller weiterbildenden und beruflichen Schulen angewandt werden können.

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Die Materialien entstanden nach Angaben von Haupt nach neuesten didaktischen Erkenntnissen. Philipp Haase, einer der beiden Autoren des von der Stadt initiierten, als Preisauslobung geförderten und herausgegebenen Buches „Zwangsarbeit im Landkreis Wasserburg“ ist Lehrer und Experte in der Lehrerausbildung. Er hat das Angebot aus der Sicht des Pädagogen gestaltet.

Zwei Themenkomplexe stehen zur Integration in den Unterricht bereit: Zwangsarbeit im Nationalsozialismus am Beispiel der Stadt und des Altlandkreises sowie die nationalsozialistische „Rassenhygiene“ und „Euthanasie“ am Beispiel der „Pflegeanstalten“ im Raum Wasserburg. Zu beiden Themen gibt es umfangreiche Forschungsergebnisse, die auch die Grundlage für das Denkmal am Heisererplatz bildeten.

„Die Schüler und Schülerinnen werden eingeladen, mit Primärquellen zu arbeiten, die sie sich auch anhand von Ausschnitten wissenschaftlicher Literatur erschließen können. So wird gewährleistet, dass größere Zusammenhänge der Themen anhand der regionalen Quellenauswahl veranschaulicht und beispielhaft vertieft werden können“, erklärt Haupt. Die Quellen decken eine große Bandbreite an Gattungen ab, so unter anderem Gesetzestexte, Bilder und Plakate sowie Verwaltungsschriftgut.

Sie können einen Besuch am Denkmal vorbereiten den Unterricht zur NS-Zeit, auf dem Lehrplan in der Regel in der neunten und elften Klasse, begleiten oder Anlass für Projektarbeiten sein.

Forschung zur NS-Zeit in Wasserburg geht weiter

Die Forschung zur NS-Zeit in Wasserburg ist noch lange nicht abgeschlossen. In den nächsten drei Jahren wird eine umfassende Aufarbeitung stattfinden. 18 000 Euro hatte die Stadt für eine weitere wissenschaftliche Arbeit ausgelobt. Sie setzt die bisherigen Forschungen fort. Mittlerweile ist der Auftrag vergeben, teilt Stadtarchivar Matthias Haupt auf Anfrage mit: an die Kulturwissenschaftlerin Juliane Günther. Die Augsburgerin kennt die Historie der Stadt Wasserburg gut. Sie war hier wissenschaftliche Volontärin im städtischen Museum. Die Kulturwissenschaftlerin war außerdem an der KZ-Gedenkstätte Dachau in der Betreuung der Sammlung des dortigen Museums tätig. Ihre Forschungsarbeit ist auf etwa drei Jahre angelegt.

Unrechtssystem hatte sich auch in Wasserburg manifestiert

Im Fokus stehen nach Angaben von Haupt die verschiedenen Opfergruppen. Weit ist die Forschung aufgrund der Vorbereitung des Denkmals am Heisererplatz bereits mit der Aufarbeitung der „Euthanasie“, die 700 Patienten in den „Pflegeanstalten“ das Leben kosteten. Auch zur Zwangsarbeit im Wasserburger Land gibt es Dokumentationen. In Wasserburg gab es jedoch auch viele Menschen, die der politischen Gleichschaltung zum Opfer fielen.

Stadträte und Verwaltungsmitarbeiter verloren ihre Ämter, Kommunalpolitiker wurden verfolgt, Menschen denunziert, viele erhielten Berufsverbot oder kamen ins Gefängnis. „Das Unrechtssystem hatte sich auch in Wasserburg manifestiert“, sagt Haupt.

Gerd Widmann

Interview mit Geschichtslehrer Gerd Widmann

Unterricht am besten vermittelt werden? Der Fachschaftsleiter Geschichte am Luitpold-Gymnasium Wasserburg, Gerhard Widmann, im Interview.

Das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte steht im Lehrplan für die neunte und elfte Klasse. Lässt sich das für viele Unfassbare überhaupt den Jugendlichen von heute vermitteln?

Gerhard Widmann: Es ist nicht mehr so wie vor Jahren, als der Nationalsozialismus in vielen Unterrichtsfächern sehr präsent war, zum Beispiel auch durch Deutschlektüren. Daher interessiert das Thema viele unserer Schülerinnen und Schüler ganz besonders. Sie haben meist bereits ein Teilwissen hierzu und wollen mehr über diese Zeit und die ungeheuerlichen Verbrechen erfahren.

Es sollte aber nicht bei einer emotionalen Schockstarre verbleiben, die man durch die Konfrontation mit dem scheinbar Unfassbaren erzeugen kann. Wichtig ist die analytische Perspektive: Wie konnte es dazu kommen? Warum haben damals so viele mitgewirkt, zugestimmt oder zumindest weggeschaut? Am Ende der Auseinandersetzung sollten die Schülerinnen und Schüler schließlich auch begründete Werturteile zum Thema einnehmen können.

Können Materialien wie jene aus dem Stadtarchiv, die das Geschehene lokal verorten, helfen beim Verstehen?

Widmann: Der persönliche oder lokale Bezug zu historischem Geschehen vermittelt auf jeden Fall eine sehr hohe Motivation, sich damit zu befassen. In den zurückliegenden Jahren hatten wir öfter Zeitzeugen wie Max Mannheimer oder Leon Weintraub am Luitpold-Gymnasium zu Gast.

Das ist nun leider kaum noch möglich, da diese sehr alt oder verstorben sind. Umso erfreulicher ist es für uns, nun verstärkt lokale Bezüge herstellen zu können. Die Erkenntnis, dass sich solche Verbrechen hier vor Ort ereignet haben, in Einrichtungen, die uns vertraut sind, erzeugt Betroffenheit und eröffnet einen emotionalen Zugang zum Thema.

Wir sind dem Stadtrat sehr dankbar, dass er bei seinem Beschluss, das Denkmal am Heisererplatz zu errichten, ein pädagogisches Begleitkonzept vorgesehen hat. Wir freuen uns auf die von Herrn Haupt organisierte Fortbildung Mitte Mai, bei der uns die von Herrn Haase erarbeiteten Materialien vorgestellt werden.

Sind auch Klassenbesuche des Denkmals am Heisererplatz geplant, wenn die Pandemie vorbei ist?

Widmann: Außerschulische Lernorte sind immer ein Gewinn für den Geschichtsunterricht. Schon allein deshalb, weil sie stärker in der Erinnerung bleiben als eine Geschichtsstunde wie jede andere. Gestaltung und Platzierung des Mahnmals regen zur Auseinandersetzung an.

Daher bin ich zuversichtlich, dass die Geschichtslehrkräfte mindestens mit den 9. Klassen solche Besuche auf jeden Fall durchführen werden. In den Kursen der 11. Jahrgangsstufe sind leider nur acht Stunden für das Thema Nationalsozialismus vorgesehen und durch die einheitliche Abiturprüfung bleibt nicht viel Spielraum. Trotzdem wird sich auch da in vielen Fällen eine Möglichkeit zum Besuch des Mahnmals ergeben.

Sehen die Schüler nach intensiver Auseinandersetzung mit dem Thema im Unterricht auch den Bezug zur Gegenwart, die auch vom Wiedererstarken rechter und demokratiefeindlicher Kräfte geprägt ist?

Widmann: Diesen Bezug zur Gegenwart haben wir natürlich immer im Blick. Wir thematisieren mit den Schülerinnen und Schülern, dass manche den Nationalsozialismus als „Vogelschiss in über 100 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“ sehen, während andererseits viele führende Politikerinnen und Politiker oder auch die Stadt Wasserburg sich sehr verantwortungsbewusst der Erinnerung stellen.

Auch der aktuelle Umgang mit der Corona-Pandemie bietet geeignete Anknüpfungspunkte: Wenn man sich eingehend mit der NS-Diktatur befasst hat, wird man hoffentlich nicht mehr leichtfertig auf Demonstrationen eine vermeintliche Corona-Diktatur in Deutschland unterstellen.

Es lässt sich auch gut vergleichen, warum Menschen abstrusen Verschwörungstheorien anhängen: Damals haben viele an die angebliche „jüdische Weltverschwörung“ geglaubt, als Erklärung für alles, was sie nicht verstanden oder abgelehnt haben. Heute sind es Corona-Leugner oder QAnon, bei denen stark verunsicherte, ängstliche Menschen die vermeintliche Wahrheit zu erkennen glauben.

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