Sommer 2013: Eine Sauna wäre recht

Meist gehen die Freibadbesucher achtlos an zwei Glasfenstern vorüber, den letzten Zeugen der Sauna. Fotos Bauer
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Meist gehen die Freibadbesucher achtlos an zwei Glasfenstern vorüber, den letzten Zeugen der Sauna. Fotos Bauer

Trotz kürzlicher Generalüberholung des Haager "Naturfreibades" fehlt gegenüber der originalen Einrichtung etwas: die Sauna. Bei der heurigen verregneten Saison wäre sie wohl eine attraktive Alternative. Doch das Original kam bald wieder außer Mode und wurde abgerissen.

Haag - Recht modern hört es sich an, was mit einer originalen Urkunde bei der Gemeindeverwaltung belegt werden konnte: Der Markt Haag besaß bereits vor nun genau 70 Jahren eine öffentliche Sauna. Sie bildete 1943 die Attraktion des Freibades, das damals erst einige Jahre in Betrieb war. Die "Vereinbarung" wurde auf DIN-A3-großem Karton niedergeschrieben. Die Vorderseite zeigt einen jungen Mann, der in Dämpfe eingehüllt auf einer Bank sitzt. Auf der zweiten Seite hängt an der braunen Kordel das Wachssiegel mit Reichsadler und Hakenkreuz. Die Unterzeichnenden waren für die Gemeinde Bürgermeister Julius Rößler und für das Reserve-Lazarett Haag Chefarzt Dr. Fritz Adam.

In der Urkunde dokumentierte die Haager Heeres-Sanitäts-Staffel, dass "genesende Soldaten" in 30 Wochen und 4112 Arbeitsstunden auf eigene Kosten eine "Schwitzbadstube" mit Nebenräumen errichteten, übernahmen und unterhielten. Sie befinde sich auf gemeindeeigenem Grundstück im Schwimmbad. Entsprechende Spenden hätten Verwundete des Lazaretts, das sich im ehemaligen Kloster (heute Realschule) befand, und deren Angehörige aufgewandt.

Die Gemeinde verpflichtete sich dabei, die Sauna und einen Raum im Oberstock des Anbaus dem Lazarett zur kostenlosen Nutzung zu überlassen. Nach Auflösung des Lazaretts werde die Gemeinde die "Schwitzbadstube" unentgeltlich Wehrmachtsangehörigen zur Verfügung stellen und dafür sorgen, dass sie "in gebrauchsfähigem Zustande" erhalten bleibt. Die in der Inventarliste aufgeführten Gegenstände blieben Eigentum des Heeres.

Die Materialliste weist Erd- und Betonarbeiten aus und auch den mit 1500 Ziegelsteinen gemauerten Kamin mit drei "Kamintürl". Für den darüber liegenden Raum sind die Schreiner- und Zimmererarbeiten angeführt.

Die Haager durften sich aber nicht lange an ihrem "Schwitzbad" freuen. Während der Neuorientierung und materiellen Not nach dem Zweiten Weltkrieg schien für sie das Bad weniger wichtig. So kümmerte sich niemand mehr um die "Schwitzbadeinrichtung". Auch die Gemeinde schien ihre vertragliche Verpflichtung vergessen zu haben, da diese einzigartige Haager Sauna plötzlich verschwunden war.

43 Jahre nach Errichtung, 1986, fanden Gemeindearbeiter bei Sanierungsarbeiten an der Uferbefestigung der 50-Meter-Bahn merkwürdige, fast fußballgroße Kugeln aus Ton mit je zwei Löchern. Keiner konnte sich vorstellen, worum es sich handelte. So holte man Historiker Rudolf Münch, der die zirka 40 Fundgegenstände als "Schwitzbadkugeln" der einstigen Haager Sauna identifizierte. Er kannte auch den technischen Ablauf: Die Kugeln seien in eine Glut gelegt und auf mehrere 100 Grad erhitzt worden. Dann habe man sie mit Zangen an den beiden Löchern heraus genommen und mit Wasser übergossen. Das habe den Dampf für die Sauna gebracht. Von den Kugeln nahm Rudolf Münch zehn Unversehrte, die im Museum des Haager Geschichtsvereins im Schlossturm zu bewundern waren. xy

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