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„So kann es nicht weiter gehen“

Schwerstkrank und mittellos: Rotter Jürgen Bechtloff streitet seit Jahren um eine Rente

Seit knapp vier Jahren streitet sich Jürgen Bechtloff aus Rott mit der Deutschen Rentenversicherung.
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Seit knapp vier Jahren streitet sich Jürgen Bechtloff aus Rott mit der Deutschen Rentenversicherung.
  • Sophia Huber
    VonSophia Huber
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Langsam versteht der Rotter Jürgen Bechtloff die Welt nicht mehr. Seit beinahe vier Jahren ist er diagnostiziert mit der Autoimmunerkrankung Morbus Bechterew und gilt als arbeitsunfähig. Eine Erwerbsminderungsrente von der Rentenversicherung bekommt er aber nicht.

Rott – Jammern, das passt nicht zu dem 53-Jährigen, stattdessen erzählt er ganz sachlich seine Leidensgeschichte. Seit 2017 könne er seinen eigentlichen Beruf als Lkw-Fahrer nicht mehr ausüben. „Zuerst war ich ein Jahr krankgeschrieben.“ Offizieller Grund: schwere Depressionen. Inoffiziell hatte Bechtloff schon zu diesem Zeitpunkt massive Schmerzen, vor allem im Rücken. Das macht die Depressionen natürlich auch nicht besser“, stellt Bechtloff nüchtern fest.

Beruf als LKW-Fahrer nicht möglich

Ende 2018 kam dann die Diagnose Morbus Bechterew. Die seltene Erkrankung – in Deutschland sind etwa 350.000 Menschen betroffen – gilt als unheilbar und ist eine besondere Form des entzündlichen Rheumas. Sie äußert sich hauptsächlich in Form von Rückenschmerzen im Bereich der Lendenwirbelsäule, im schlimmsten Fall kann es sogar zu Versteifungen kommen.

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Solche Symptome sind nicht vereinbar mit dem Beruf eines Lastkraftwagenfahrers. „Ich kann nicht lange sitzen“, sagt Bechtloff, sonst würden die Schmerzen unerträglich. Stundenlang im Laster fahren, sei also keine Option.

Drei Herzinfarkte im letzten Jahr

Hinzu kommt, dass er zu den 20 Prozent der Betroffenen gehört, bei dem die Krankheit auch andere Organe angreift. „Letztes Jahr hatte ich drei Herzinfarkte“, sagt er. Vor einigen Monaten wurde ihm beim Autofahren schwarz vor Augen, seitdem setzt er sich gar nicht mehr hinter das Steuer. Er möchte niemanden gefährden. Das heißt aber nicht, dass der 53-Jährige nicht arbeiten möchte. Nach der Diagnose habe er sich beim Arbeitsamt gemeldet. „Aber dort haben sie mir gesagt, dass ich als nicht mehr vermittelbar zähle“, sagt Bechtloff. „Ich kann nicht schwer heben, ich darf nicht lange sitzen, ich kann nur ein paar Stunden am Tag arbeiten. Wer will denn so jemanden?“

Fünf Gutachten gemacht

Knapp ein Jahr bekam Bechtloff Arbeitslosengeld, danach wurden die Zahlungen eingestellt. Seitdem streitet er sich mit der Rentenversicherung um eine Erwerbsminderungsrente. Vier oder fünf Gutachten habe er seitdem gemacht, Bechtloff weiß es schon gar nicht mehr so genau. Was er aber zu wissen meint: „Keines davon hat ein Arzt gemacht, der sich mit der Krankheit auskennt.“ Als Rheumapatient sei für ihn logischerweise der Rheumatologe der Ansprechpartner. Stattdessen wurde Bechtloff zu Orthopäden und Neurologen geschickt. Logisch, dass diese vollkommen überfordert gewesen seien, meint Bechtloff.. Eine Gutachterin habe ihm trotzdem die Erwerbsunfähigkeit bestätigt, diese Feststellung sei aber von der Rentenversicherung abgelehnt worden.

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Liegt es an der Seltenheit?

Bechtloff fühlt sich von der Rentenversicherung nicht ernst genommen. „Vielleicht liegt es daran, dass die Krankheit so selten ist“, überlegt er. Denn Tatsache sei, dass er nicht als einziger Betroffener mit der Versicherung zu kämpfen habe. Eine Bekannte hätte fünf Jahre gebraucht, um die Erwerbsminderung zu erhalten. Im Moment lebt Bechtloff vom Einkommen seiner Frau. Sie ist als Kindergärtnerin tätig. Unterstützung erhalten sie außerdem von den drei erwachsenen Kindern. „Aber so kann es nicht weiter gehen.“

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Das sagt die Deutsche Rentenversicherung

Felix Magin, Pressesprecher der Deutschen Rentenversicherung für die Region Bayern Süd, erklärt auf Anfrage der Wasserburger Zeitung: „Herr Bechtloff hat am 24. April 2018 Antrag auf Rente wegen Erwerbsminderung gestellt. Dieser Antrag wurde am 26. Juni .2018 abgelehnt, weil Arbeiten am allgemeinen Arbeitsmarkt noch im Umfang von mindestens sechs Stunden täglich verrichtet werden können. Auf den Widerspruch des Versicherten wurde diese Entscheidung überprüft und mit Widerspruchsbescheid vom 20. November 2020 bestätigt. Hiergegen wandte sich Herr Bechtloff mit einer Klage. Das Sozialgericht München hat eine erneute medizinische Begutachtung veranlasst, deren Ergebnis noch nicht vorliegt. Wir bitten um Verständnis, dass wir uns zu laufenden Gerichtsverfahren nicht äußern und daher zu Einzelheiten der medizinischen Begutachtung nicht Stellung nehmen können. Gerne beantworten wir aber allgemeine Fragen zur Erwerbsminderungsrente.

Wie kann es sein, dass Herr Bechtloff von der Agentur für Arbeit als nicht vermittelbar eingestuft wird, aber keine Erwerbsminderungsrente erhält?

Magin: „Die Zusammenarbeit der Agentur für Arbeit mit der Deutschen Rentenversicherung (DRV) bei der Frage der Erwerbsminderung von arbeitssuchenden Personen ist in Parargraf 145 Drittes Buch Sozialgesetzbuch geregelt. Das Gesetz sieht zur Vermeidung unterschiedlicher Beurteilungen vor, dass die abschließende Entscheidung über die Leistungsfähigkeit der Rentenversicherungsträger trifft. Im Fall von Herrn Bechtloff geht es jedoch nicht mehr um die Frage der unterschiedlichen Beurteilung der Erwerbsfähigkeit. Der Antrag auf Rente wegen Erwerbsminderung wurde durch die DRV abschließend im Sinne der oben genannten. Regelung bearbeitet und abgelehnt. Ob und weshalb die Agentur für Arbeit Herrn Bechtloff, nach dessen Aussage, als nicht vermittelbar einstuft, kann nicht beurteilt werden. Unsere Entscheidung über das Vorliegen von Erwerbsminderung haben wir der Agentur für Arbeit mitgeteilt. Wie unsere Entscheidung durch das Sozialgericht beurteilt wird, ist abzuwarten.“

Wie wählt die Deutsche Rentenversicherung die Gutachter aus? Warum wurde Herr Bechtloff bisher nicht an einen Rheumatologen als Facharzt für seine Erkrankung verwiesen?

Magin: „Gutachter wählen wir abhängig vom Krankheitsbild aus. Der Versicherte legt einen Befundbericht des behandelnden Arztes vor. Auf dieser Grundlage können wir alle relevanten Erkrankungen berücksichtigen. Unsere Sozialmediziner sind die Experten für die Frage, welche Auswirkungen die Erkrankung auf die Erwerbsfähigkeit der Betroffenen hat. Bei Herrn Bechtloff haben wir Begutachtungsschwerpunkte im neurologischen und orthopädischen Bereich gesetzt. Die wesentlichen Themen der chronischen Schmerzen und der Bewegungseinschränkungen waren also durch zwei einschlägige Disziplinen abgedeckt. Eine zusätzliche Begutachtung in einer weiteren Disziplin ist für die Einschätzung des Leistungsvermögens in der Regel nicht erforderlich.“

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Werden Gutachten von der Deutschen Rentenversicherung tatsächlich abgelehnt? Wenn ja, wie häufig passiert so etwas und mit welcher Begründung?

Magin: „Im Antrags- und Widerspruchsverfahren auf eine Rente wegen Erwerbsminderung entscheidet unser prüfärztlicher Dienst nach Auswertung der medizinischen Befunde, ob und in welchen Fachgebieten eine Begutachtung erforderlich ist. Die Gutachten werden von Ärzten unseres Sozialmedizinischen Dienstes erstellt oder an einen externen Gutachter vergeben. Extern erstellte Gutachten werden zur Qualitätssicherung von uns unter sozialmedizinischen Gesichtspunkten überprüft. Nur in wenigen Einzelfällen kommt es zu einer Korrektur des festgestellten Leistungsvermögens, wenn die Ableitung des Leistungsvermögens aus den dokumentierten Befunden den sozialmedizinischen Standards nicht entspricht.“

Wie stellt die Deutsche Rentenversicherung sicher, dass Personen mit seltenen Erkrankungen adäquat betreut werden? Gibt es speziell geschulte Mitarbeiter?

Magin: „Für die Begutachtung maßgebend ist: Die Erkrankung Morbus Bechterew ist mit einer Häufigkeit von etwa 150 Fällen je 10.000 Personen keine seltene Erkrankung und Ärzten in der sozialmedizinischen Begutachtung vertraut. Es bedarf keiner rheumatologischen Spezialisierung, um zu beurteilen, ob und wie stark das Leistungsvermögen auf Grund der Krankheit eingeschränkt ist. Die Diagnostik seltener Erkrankungen ist nicht Aufgabe der Rentenversicherung, sondern der Fachärzte. Mit dem Antrag auf Rente wegen Erwerbsminderung legen unsere Versicherten die fachärztlichen Befunde vor. Sollten für die Feststellung des Leistungsvermögens im Einzelfall spezielle Fachkenntnisse erforderlich sein, beauftragen wir spezialisierte externe Gutachter. Die sozialmedizinische Qualifikation ist jedoch in der Regel der Schlüssel für eine Beurteilung des Leistungsvermögens.

Für die Betreuung gilt: Leistungen der medizinischen oder beruflichen Rehabilitation erbringen wir in Kooperation mit fachlich spezialisierten Einrichtungen, die die erforderlichen Kompetenzen auch für seltene Erkrankungen haben.

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