Seltene Hausgeburt in Wasserburg: Leopold kommt auf dem Sofa zur Welt

Glücklich zu dritt: die jungen Eltern Pia Danzer und Thomas Treier mit Leopold, zwei Wochen alt, der bei einer Hausgeburt auf dem Sofa im Wohnzimmer zur Welt kam.
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Glücklich zu dritt: die jungen Eltern Pia Danzer und Thomas Treier mit Leopold, zwei Wochen alt, der bei einer Hausgeburt auf dem Sofa im Wohnzimmer zur Welt kam.
  • Heike Duczek
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Arbeiten, wohnen, Baby gebären: alles unter einem Dach. Pia Danzer aus Wasserburg ist eine der wenigen Frauen, die eine Hausgeburt gemeistert hat. Leopold, zwei Wochen alt, ist der beste Beweis dafür, dass auch die Wohnzimmercouch ein ideales Entbindungsbett darstellen kann.

Wasserburg – Ein Luftballon am Fenster des Hauses am Wasserburger Marienplatz verkündet fröhlich im Sommerwind: Ein neuer Hausbewohner ist da. Am Dienstag, 30. Juni, kündigte er sich mit einen lauten Schrei an, den so mancher Mieter sicherlich gehört hat: Denn Leopold ist nicht im Krankenhaus, sondern im Wohnzimmer auf die Welt gekommen – und das nicht etwa, weil es die Eltern nicht mehr rechtzeitig in die Klinik schafften, sondern weil sie sich bewusst für eine Hausgeburt entschieden hatten. Das tun heutzutage nur noch zwei Prozent aller werdenden Eltern in Bayern.

Auch die neue Mama kam daheim auf die Welt

Die frischgebackene Mutter Pia Danzer (25) ist ebenfalls daheim auf die Welt gekommen. Aus einem „Bauchgefühl“ heraus entschied sie sich gleich zu Beginn der Schwangerschaft, es ihrer Mama gleich zu tun. Die Corona-Pandemie spielte bei dieser Entscheidung Ende vergangenen Jahres noch keine Rolle. „Irgendwie gab es für mich keine andere Option. Ich wollte in der Ruhe unserer vertrauten, gemütlichen Wohnung entbinden, einen weichen Übergang in die Mutterschaft, keinen abrupten Ortswechsel nach einer Fahrt ins Krankenhaus, nicht den dortigen fest strukturierten Betrieb“, erinnert sich Pia Danzer.

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Angst vor Komplikationen hatte sie nicht, schließlich stand ihr eine Hebamme zur Seite. Hausgeburten führen diese jedoch heutzutage kaum noch durch. In Wasserburg und Umgebung suchte Pia deshalb vergeblich nach einer Hebamme, die außerhalb einer Klinik bei einer Geburt unterstützt. Erst in Kolbermoor wurde sie nach vielen Telefonaten fündig – bei Hebamme Miriam Ertl.

Bis zur Geburt täglich im Blumengeschäft gestanden

Lebensgefährte Thomas Treier (41) unterstützte von Anfang an den Wunsch nach einer Hausgeburt. „Auf Biegen und Brechen hätten wir es nicht durchgezogen“, betont er, aber die Schwangerschaft verlief so komplikationsfrei, dass medizinisch gesehen nichts dagegen sprach. Auch die drei großen Ultraschalluntersuchungen beim Gynäkologen zeigten keinerlei Auffälligkeiten. Bis zum Tag der Geburt stand Pia Danzer außerdem in ihrem Floristikgeschäft im Domanihaus, wo sie auch noch mit kugelrundem Bauch ihre ausgefallenen Sträuße und Buketts zusammenstellte.

Auch am 30. Juni – zwei Tage nach dem errechneten Termin – war sie frühmorgens bereits auf dem Weg in den Laden, der nur zwei Stockwerke unter ihrer Wohnung liegt, als das erste Ziehen im Bauch die herannahenden Wehen vermeldete. Um 13 Uhr informierte sie Lebensgefährte Thomas Treier, der sich zu diesem Zeitpunkt noch in der Arbeit befand, und die Hebamme. Dann kochte sie noch ein Mittagessen, wusch sich die Haare („mir war klar, dazu komme ich die nächsten Tage nicht“) und war bereit für die Schlussphase, die eineinhalb Stunden vor der Geburt einsetzte.

Bei Leopolds erstem Schrei gab es Tränen – beim Papa

Eigentlich sollte Leopold im Schlafzimmer auf die Welt kommen, doch die werdenden Eltern hatte es sich auf dem Sofa bequem gemacht – und bereiteten hier spontan auf die Geburt vor. Alles lag bereit: angewärmte Handtücher, Maler-Abdeckfolien, Extra-Laken, Decken, die erste Babykleidung. Als die Wehen in einem Rhythmus von sechs bis sieben Minuten kamen, legte Pia den Kopf in den Schoss des werdenden Vaters – und nahm nach einer letzten kräftigen Wehe um 17.11 Uhr überglücklich den neuen Erdenbürger in ihre Arme. Beim ersten Schrei flossen die Tränen – vor allem beim Papa. Er durfte die Nabelschnur durchschneiden, die Plazenta hat das Paar später nach einem alten Brauch im elterlichen Garten vergraben.

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Dass alles so reibungslos verlaufen ist, haben die jungen Eltern nach eigenen Angaben auch der liebevollen Begleitung durch ihre Hebamme zu verdanken: „Sie hat sich zurückgehalten, war ruhig und motivierend. Lass der Natur ihren Lauf, hat sie gesagt – und das haben wir dann auch getan“, so Pia Danzer und Thomas Treier, die sich auf dem Blumengroßhandelsmarkt in München kennengelernt haben.

In der ersten Nacht war der frisch geborene Leopold ein Gentleman

Zwei Stunden genoss die neue Familie auf der Couch im Wohnzimmer, durch dessen Fenster das geschäftige Treiben am Marienplatz zu hören war, das Kuscheln mit dem Sohn. Dieser stellte sich nicht nur beim auf die Welt Kommen geschickt an, sondern auch gleich beim Trinken. Leopold (3070 Gramm, 50 Zentimeter) erwies sich in der ersten Nacht außerdem als Gentleman. Die doch etwas erschöpfte Mama ließ er mehrere Stunden schlafen.

Diese Rücksicht ist mittlerweile vorbei: Der Filius, der nach Meinung von Pia Danzer Papas Nase geerbt hat, hält Mama und Papa schon auf Trab. Täglich schaut noch eine Hebamme vorbei, doch die jungen Eltern wirken so entspannt, als sei dies nicht eine völlig neue Rolle für sie.

Bald wird Leopold seinen Geburts- und Wohnort zum ersten Mal verlassen und mit der Mama zwei Stockwerke drunter an ihren Arbeitsplatz wechseln: Denn im Geschäft will Pia Danzer wieder Blumen stecken – mit Baby im Kinderwagen an der Ladentheke. Ihre Mutter hat sie während der letzten Wochen der Schwangerschaft bereits intensiv unterstützt, auf sie und eine Angestellte kann sie auch weiter bauen.

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