Der Seelsorger des kbo-Innsalzach-Klinikums Wasserburg sagt: „Auch Gott muss einen Vogel haben"

Seine Mund-Nasenschutzmaske hat Pfarrer Thaddäus Jakubowski mit einer Clownsnase verziert. Auf seiner Schulter sitzt wie immer ein kleiner Vogel aus Holz. „Ja, ich hab einen Vogel“, lacht der Krankenhausseelsorger vom Innsalzach-Klinikum und sagt, „wir sind alle verrückt, wer keinen Vogel hat, ist kein richtiger Mensch“.
+
Seine Mund-Nasenschutzmaske hat Pfarrer Thaddäus Jakubowski mit einer Clownsnase verziert. Auf seiner Schulter sitzt wie immer ein kleiner Vogel aus Holz. „Ja, ich hab einen Vogel“, lacht der Krankenhausseelsorger vom Innsalzach-Klinikum und sagt, „wir sind alle verrückt, wer keinen Vogel hat, ist kein richtiger Mensch“.
  • Andrea Klemm
    vonAndrea Klemm
    schließen

„Die Corona-Krise ist eine Tragikomödie, ein absurdes Theater, ein Mammutstück“, sagt Pfarrer Thaddäus Josef Jakubowski, seit 20 Jahren Krankenhausseelsorger im Innsalzach-Klinikum Wasserburg. Er trägt eine grüne Mund-Nasen-Schutz-Maske mit roter Clownsnase. Ein kleiner Holzvogel sitzt auf seiner Schulter.

Wasserburg – Alle Menschen dieser Welt seien in das Drama hineingeraten, alle seien Protagonisten und zugleich Statisten und müssen mitspielen. „Keiner weiß, wer führt Regie, alle sollen Masken tragen und jeder wartet, dass das Stück zu Ende ist“, beschreibt der 68-jährige Geistliche in seiner unnachahmlichen Art seine Sicht auf die aktuelle Lage. Humorvoll verschmitzt, nachdenklich und ein bisschen schräg. Die Corona-Demonstranten sieht er als „Theaterkritiker, die selbst auch mitspielen, ob sie wollen oder nicht“. Alle Menschen seien in Gefahr und seien selbst Gefahr.

Herzlicher Empfang: Den Kirchenbesucher heißt die kleine Kirchenmaus willkommen.

Die Krise ist wie „Warten auf Godot“

Was nach einem Kafka-Roman klinge, also die Corona-Krise, sei in Wirklichkeit noch sehr viel näher an „Warten auf Godot“ von Samuel Becket. Zwei Typen warten auf einen Mann namens Godot und am Ende jeden Aktes kommt jemand und sagt, Godot kommt nicht.

+++

Lesen Sie auch: Der Corona-Ticker – Aktuelle Entwicklungen zu Covid-19 in der Region, Bayern und der Welt

+++

„Wir Menschen warten auch: auf den Impfstoff. Auf eine Rückkehr zur Normalität“, so Jakubowski. Letzteres stellt er in Frage. „Wollen wir nicht fort von der Normalität, fort von Höher, Schneller, Weiter? Von dem, was uns diese Krise am Ende beschert hat?“ Möchte man sich nicht lieber fortentwickeln und als neuer Mensch aus dieser Krise hervorgehen, regt er zum Nachdenken an. „Wir sollten nicht zurück zum alten Schlendrian, das wäre langweilig.“ Die Krise könne man als Chance begreifen.

Virus als Metapher

Das Virus sei eine Metapher – für den Tod. Der Tod sei auch noch da, wenn das Virus besiegt sei, wenn es einen Impfstoff gebe. „Der Tod ist immer mitten unter uns, wir alle sind vergänglich, flüchtig“, sagt der Pfarrer. Durch die Pandemie und ihre Auswirkungen fühle er sich bewusst als Mensch – in all seiner Erbärmlichkeit und Hilflosigkeit.

Dinkelkekse in Herzform

Während des Interviews auf einer Bank im weitläufigen Park mit ausreichend Sicherheitsabstand zur Reporterin, spazieren Patienten vorbei. Sie winken ihm, freuen sich, ihn zu sehen. Ein Forensik-Patient in der Begleitung eines Pflegers kommt etwas näher. Sie wechseln ein paar Worte, der Mann sagt, es gehe ihm gut, „aber der Weg war steinig und schwer“. Mit ausgestrecktem Arm reicht Jakubowski ihm einen Dinkelkeks in Herzform, natürlich hygienisch eingeschweißt. Die liegen auch in der Kirche St. Raphael bereit, wenn Besucher in das offene Gotteshaus kommen, um innezuhalten. Gottesdienste finden im Moment noch nicht statt, was der Geistliche sehr bedauert. Er scharrt mit den Hufen, hat sich ein Konzept überlegt, wie die Abstandsregeln umgesetzt werden können.

+++

Tipp der Redaktion: Kennen Sie schon unseren kostenlosen Feierabend-Newsletter? Die Top-Themen der Region um 17 Uhr per E-Mail – sauber ausrecherchiert und aufgeschrieben von Ihrer OVB-Redaktion. Jetzt Newsletter ausprobieren!

+++

Er hatte gehofft, als die Kirchen ab 10. Mai wieder mit Auflagen öffnen durften, dass auch er wieder predigen dürfe und seine Schäflein, deren Angehörige und Gottesdienstbesucher „von draußen“ empfangen dürfe – natürlich unter Berücksichtigung sämtlicher Corona-Maßnahmen.

Die Kirchentüre in Gaberseesteht offen. Auch wenn derzeit keine Gottesdienste stattfinden, gibt es einen freundlichen Empfang – und eingeschweißte Kekse.

Die Klinikleitung allerdings geht auf Nummer sicher. „Das Infektionsrisiko ist uns einfach noch zu groß“, sagt Geschäftsführer Dr. Theodor Danzl.

Klinikleitung will kein Risiko eingehen

Die Kirche auf dem Gelände sei keine öffentliche Pfarrkirche, es handle sich um eine Kuratie. „Sie gehört dem Krankenhaus und unterliegt den Hygienevorschriften, die für ein Krankenhaus gilt“, so Danzl. Man wolle kein Risiko eingehen und etwa über Besucher das Virus in die Klinik reinholen. „Es gibt strikte Besuchsregeln. Es darf keine Vermischung der Stationen untereinander geben, das Virus könnte beispielsweise von der Sucht-Station in die Gerontopsychiatrie geschleppt werden“, gibt Danzl zu denken.

Türsteher für die Kirche?

Zudem sei es nicht leistbar, zu kontrollieren, ob in der Kirche alle eine Maske tragen, ob sie den Abstand einhalten und von außerhalb dürften keine Gottesdienstbesucher kommen, wie es in der Zeit vor Corona sehr wohl üblich war. „Wir können das nicht steuern. Auf den Stationen herrscht strenges Besuchsrecht und in der Kirche lassen wir alle zusammen? Nein. Wir trauen uns nicht“, so Danzl. Die Regelung sei im Interesse aller Patienten und Mitarbeiter. „Sollte der Staat die Maßnahmen weiter lockern, müssen wir auch erst einmal schauen, was wir uns zutrauen“, wirbt der Geschäftsführer – der sich selbst als gläubigen Menschen bezeichnet – für Verständnis. Das muss der Pfarrer aufbringen. Auch wenn er sich nach den Gottesdiensten sehnt. „Wir Menschen sind infiziert von Angst“, stellt Thaddäus Jakubowski fest, der schon mehrfach negativ auch Covid19 getestet wurde. Gegen Angst gebe es einen Impfstoff: Gott.

Begegnungen sind wie kleine Gottesdienste

Wer als Patient möchte, kann in die Kirche kommen, und das Gespräch mit ihm suchen. „Die Begegnungen sind wie kleine Gottesdienste, Gespräche sind was Gutes“, ist er überzeugt.

Besonders für Menschen, die an Ängsten leiden, eine Depression haben oder eine psychische Störung könnten Gottesdienste Nahrung für die Seele sein. „Diese Leute sind in ihren Leiden eingeschlossen. Wenn ich predige, versuche ich ein bisschen Theater zu machen, verwende Kulissen und Plüschtiere, um das Ganze aufzulockern und die Patienten aus der Reserve zu locken. So können sie für einen Augenblick ihre Angst oder Depression vergessen“, sagt Pfarrer Jakubowski.

Gottesdienst mit Plüsch-Esel

Seine Sakristei sieht aus wie ein Requisitenlager. Der Altarraum der Kirche ist bunt und liebevoll gestaltet. Jakubowskis Gottesdienste sind legendär in Wasserburg. Wenn nicht gerade eine Pandemie das gesamte Leben runter reglementiert, dürfen hier Kinder rum sausen, während der Pfarrer mit dem Vogel auf der Schulter gemeinsam mit Stoff-Esel und blauem Plüsch-Schwein über den Geist der Wahrheit, die Schöpfung und die Würde von Mensch und Tier philosophiert.

Immer kleinen Holzvogel auf der Schulter

Angesprochen auf seinen stetigen Begleiter, den kleinen Vogel, sagt der Theologe, der auch Psychologie studiert hat, „natürlich hab ich einen Vogel, ich hab mehrere“. Das meint er buchstäblich und sprichwörtlich. „Wir sind alle verrückt, wenn man keinen Vogel hat, ist man kein richtiger Mensch“, ist er überzeugt und schmunzelt dabei.

Gott ist anders

Auch Gott müsse einen Vogel haben. „Der ist vor lauter Demut Mensch geworden, war arm, bedürftig, wurde gegeißelt und starb. Und ist dann wieder auferstanden. Da muss man schon verrückt sein, um sowas zu tun.“ Das erläutert er mit schelmischem Zwinkern und doch spürbarer Überzeugung. Alles eine Frage der Sichtweise!

Schließlich sei Gott ganz anders, als ihn der Mensch sich meist vorstelle. Wie auch die „sogenannten Patienten“ hier im Bezirksklinikum, die seien auch anders und stehen dadurch Gott vielleicht näher. „Wer ganz anders ist, ist ganz kostbar.“ Das Anderssein sei eine Bereicherung.

Mit Blick auf die Kunst verweist er auf etwa auf große Schriftsteller, auf Theatermacher, auf den Quell ihrer Inspiration.

„Jeder Mensch ist ein Geheimnis“

Die Menschen müssen nicht alle gleich sein, keine graue Masse, nicht nivelliert oder uniformiert. In der globalisierten Welt soll jeder in ein Raster passen, muss jeder mithalten können.

„Wenn alles eingeebnet, alles gleichgemacht ist, würde man etwas Kostbares zerstören, etwas Heiliges. Denn jeder Mensch ist ein Individuum und jeder ist ein Geheimnis.“ Mit Blick auf eine wilde Wiese, in der Gräser, Kräuter und Blümchen zum Vorschein kommen, die vom Rasenmäher zurecht gestutzt werden, sagt er, „Gott sei Dank, das Leben lässt sich nicht verdrängen, es kommt wieder“.

Er gehört nach Gabersee, sagen die Leute

Immer wieder höre er, er arbeite nicht nur in Gabersee, sondern er gehöre hierher – in die Psychiatrie. Darüber könne er lachen und sich freuen.

Er mache auch mal die Vertretung in St. Jakob oder St. Konrad. Jakubowski kenne das Gefüge in Stadtpfarreien. „Da bestimmen die Strukturen das Leben. Hier oben ist es anders. Hier bestimmt das Leben die Strukturen. Es ist das pure Leben, immer geschieht etwas Unvorhergesehenes, was Neues, Ungeplantes. Das ist das Schöne.“

Mehr zum Thema

Kommentare