Ein Schritt in Richtung Zukunft

Während die Kinder in Partnerarbeit selbstständig die Aufgabenstellung bearbeiten, hat der Lehrer, Markus Brem, Zeit, sich individuell um seine Schüler zu kümmern. Foto Hofner
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Während die Kinder in Partnerarbeit selbstständig die Aufgabenstellung bearbeiten, hat der Lehrer, Markus Brem, Zeit, sich individuell um seine Schüler zu kümmern. Foto Hofner

Lernautonomie, Authentizität, Individualisierung, 21st Century Skills - das sind die Schlagworte, mit denen Markus Brem über sein neues Projekt spricht: Eine iPad-Klasse in der Realschule Wasserburg. Erst seit Kurzem arbeiten zwei Klassen regelmäßig mit den Tablets.

Für ihren Lehrer ist diese Unterrichtsform vor allem eines: Ein Schritt in Richtung Zukunft.

Wasserburg - Überzeugt hat Realschullehrer Markus Brem die Sponsoren mit seiner Idee bereits, beim Sponsorentreffen am Donnerstag demonstriert er nun, warum sich die Investitionen der Unternehmen auch wirklich gelohnt haben. Denn finanzielle Förderungen durch die Molkerei Meggle, die Raiffeisenbank, das Familienunternehmen Huber & Sohn, die Firma Schechtl Maschinenbau und die Privatmolkerei Bauer hätten das Projekt überhaupt möglich gemacht, so Markus Brem.

Nun ist die Realschule Wasserburg im Besitz von einem iPad-Koffer mit 16 iPads, der zudem einen eigenen Router besitzt. Das hat den Vorteil, dass der iPad-Koffer netztechnisch unabhängig ist. Außerdem kann der Lehrer damit das WLAN genau dann einschalten, wenn es gebraucht wird. Für die Firma Apple habe man sich bewusst entschieden, so der Schulleiter Markus Hösl-Liebig, denn Apple biete eine "riesige Lernplattform" mit für den Unterricht geeigneten Apps. Andere Unternehmen "hinken im Angebot deutlich hinterher."

Zurzeit arbeitet Markus Brem in zwei Englischklassen mit iPads, im Moment teilen sich immer zwei Schüler ein Gerät. Längerfristig soll sich das allerdings ändern. Man plant eine iPad-Klasse, in der dann jeder Schüler ein eigenes Tablet besitzt. Markus Brem ist bewusst, dass damit für die Eltern hohe Kosten verbunden sind. Zum Vergleich: Das neueste Modell, das iPaid Air 2, kostet je nach Ausstattung zwischen 450 und 800 Euro. Man müsse allerdings bedenken, so der Realschullehrer, dass das Gerät dann die ganze Schulzeit über genutzt werden kann. Außerdem würden kleinere Kosten wie beispielsweise das Kopiergeld - in der Realschule 18 Euro pro Jahr - wegfallen. Für Kinder, deren Eltern das teure Gerät nicht einfach kaufen können, biete sich die Möglichkeit eines Finanzierungsmodells, erklärt Brem. Zudem gäbe es Fördervereine, welche die Anschaffung finanziell unterstützen würden. Fest steht für ihn: "Kein Schüler wird ausgeschlossen, nur weil er sich das iPad nicht leisten kann."

Im Anschluss an diese Erklärung demonstriert der Realschullehrer zusammen mit einigen Siebtklässlern, wie der auf iPad gestützte Unterricht aussehen kann. Mit dem Beamer wirft er die Aufgabenstellung an die Wand: Die Schüler sollen erst die App "Notability" öffnen, dort finden sie zwei verschiedene Texte, die Markus Brem vorbereitet hat. Einen dieser Texte gilt es nun in Partnerarbeit mit dem Sitznachbarn zu bearbeiten, dabei sollen sie unbekannte Wörter in der App "Dictionary" nachschlagen. Im "Photo File" finden die Schüler dann Bilder, welche sie in der zu erstellenden Präsentation verarbeiten können - die moderne Version von "Bastelt ein Plakat".

Dann wird präsentiert. Zwei Schüler stellen sich mit dem iPad vor die Klasse, der Lehrer drückt ein paar Mal auf das Tablet: Schon ist die gerade fertiggestellte Präsentation an der Wand zu sehen. Dieses Verfahren sei zwar für die Schüler, die jetzt seit einer Woche mit dem iPad arbeiten, noch etwas ungewohnt, so Markus Brem, später wird es für sie jedoch "immer natürlicher". Die Arbeit mit dem iPad motiviert, gleich acht Schüler wollen ihre Ergebnisse freiwillig präsentieren - trotz zusätzlichem Publikum.

Die Schüler gewännen bei der Arbeit mit dem iPad Eigenverantwortlichkeit und Selbstvertrauen, erläutert Markus Brem. Zum einen weil sie Arbeitsaufträge eigenständig bearbeiten müssen, der Lehrer hat lediglich eine unterstützende Funktion - ganz im Gegensatz zum von Pädagogen gefürchteten Frontalunterricht. Zum anderen wird der Schüler in Zukunft nicht mehr erbarmungslos mit seinen Fehlern konfrontiert, stattdessen bekommt er konstruktive Kritik vom Lehrer.

Markus Brem stellt sich das ungefähr so vor: Der Schüler schickt einen Aufsatz, den auf dem Tablet als Hausaufgabe erledigt hat, an den Lehrer. Anstatt dass dieser nun einfach in rot Fehler ankreidet, bekommt der Schüler ein individuelles Feedback vom Lehrer zugesandt, zum Beispiel: "Achte auf die Verwendung des Perfekts". Nun hat der Schüler die Möglichkeit, seinen Aufsatz eigenständig zu verbessern, um ihn dann nochmals zu senden.

Ein weiteres wichtiges Thema ist für Brem die Authentizität des Unterrichts. Diese sei in Schulbüchern leider oft nicht mehr gewährleistet. Denn in den schon älteren Lehrwerken wird dann beispielsweise von den Spice Girls erzählt - ein Siebtklässler im Jahr 2015 kann mit diesem Namen wenig anfangen. Im Gegensatz dazu könnten digitalisierte Schulbücher, die das langfristige Ziel der Realschule darstellen, jederzeit aktualisiert werden, so Brem.

Ein weiterer Vorteil der iPads ist, dass sie auf spielerische Art und Weise Wissen vermitteln. "Faszination bringt die Schüler weiter", erklärt Markus Brem. Das Wichtigste ist für ihn, "den Schüler aus seiner Passivität herauszuholen". Denn ein Schüler, der sich im Unterricht 45 Minuten lang von den Erklärungen des Lehrers berieseln lässt, nimmt nur wenig von der Schulstunde mit nach Hause. Der Schüler müsse zum "Prosumer" werden, so Brem, also nicht nur Konsument des Unterrichts sondern auch ein aktiver Produzent der Schulstunde sein.

Dafür biete das iPad "fast grenzenlose" Möglichkeiten, so Brem. Selbst wenn der Schüler nur einen Text lesen muss, kann er gestalterisch aktiv werden. Unterstreichen, Markieren, Randnotizen, und das alles gleichzeitig - auf dem iPad ist das möglich, im Schulbuch nicht. Zudem gibt es Apps mit denen die Schüler relativ unkompliziert Zeichnungen, Comics oder Kurzfilme erstellen können. Solche kreativen Aufgaben würden die Motivation ungemein fördern, erläutert Brem, "die Schüler hängen sich rein, sie wollen etwas Gutes abliefern".

Fast grenzenlose Möglichkeiten

Man merkt Markus Brem an, dass er mit Leidenschaft hinter seinem Projekt steht. Für ihn ist die neue Art des Unterrichts "einfach der Wahnsinn." Zusammenfassend stellt er es so dar: Der Unterricht mit den iPads biete in jeder Hinsicht "einen Mehrwert für den Schüler". In den nächsten Jahren wolle die Realschule die neue Unterrichtsform mit Tablets deswegen ausbauen, so Brem, "wir stehen noch am Anfang". Inwieweit das Projekt jedoch realisierbar ist, hängt vor allem von der Bereitschaft der anderen Lehrkräfte ab, erklärt Markus Hösl-Liebig, "die iPad-Klasse steht und fällt mit den Kollegen."

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