Schnaitseer teilt seinen Garten mit Rucksacktouristen: So funktioniert „Zeltsurfen“

Teilt seinen wunderschönen Garten in Kling bei Schnaitsee gerne mit Rucksacktouristen: Christian Berger. Rund 4000 Quadratmeter – „da ist Platz für ein Zelt oder einen Campingbus“, sagt der 80-Jährige, der sein Angebot, kostenlos auf seinem Privatgrund zu übernachten, bei „1 Nite Tent“ veröffentlicht hat. In der der Region ist er bisher der einzige Gastgeber für „Zeltsurfen“.
+
Teilt seinen wunderschönen Garten in Kling bei Schnaitsee gerne mit Rucksacktouristen: Christian Berger. Rund 4000 Quadratmeter – „da ist Platz für ein Zelt oder einen Campingbus“, sagt der 80-Jährige, der sein Angebot, kostenlos auf seinem Privatgrund zu übernachten, bei „1 Nite Tent“ veröffentlicht hat. In der der Region ist er bisher der einzige Gastgeber für „Zeltsurfen“.

Zeltsurfen ist wie Couchsurfen – aber unter freiem Himmel. Das Internetportal „1 Nite Tent“ bietet eine digitale Landkarte mit Angeboten für kostenloses Zelten auf Privatgrundstücken. Zum Beispiel in Kling bei Schnaitsee. Gastgeber Christian Berger freut sich über Menschen aus aller Welt.

Von Andrea Klemm

Schnaitsee – „Ich fand die Idee sofort prima und hab mich angemeldet, als ich davon hörte. Mein Garten ist 4000 Quadratmeter groß, schön eingewachsen und ich freue mich, wenn ich mit den Rucksacktouristen ins Gespräch komme“, sagt Christian Berger (Name von der Redaktion geändert).

Couchsurfing steht für Weltoffenheit und Gastfreundschaft

Der 80-Jährige bewohnt ein schönes altes Bauernhaus mit einem prächtigen Garten. „Meine Tochter war in Australien und machte dort Couchsurfing, das finde ich auch super“, so Berger. Beim Couchsurfen stellt man Gästen aus anderen (Bundes)-Ländern eine Couch oder ein Bett für eine Nacht zur Verfügung. Gerade für Studenten eine kostensparende Möglichkeit, zu reisen.

So ein Angebot ist mehr als ein Platz zum Übernachten. Es steht für Weltoffenheit und Gastfreundschaft, fördert den sozialen Austausch. „1 Nite Tent“ ist ein Zero-Budget-Projekt,das zwei Lausitzer, Anne-Sophie Hußler und Patrick Pirl aus Kringelsdorf, vor über einem Jahr ausgebrütet haben und im Tourismus-Ideenwettbewerb „So geht Sächsisch“ ausgezeichnet wurden. Das Preisgeld von 10.000 Euro verwendeten die beiden, damit ihre Idee wachsen kann.

In Deutschland ist Wildcampen verboten

Nach einem Urlaub in Südschweden im Jahr 2015 entwickelte das Paar das Projekt. Sie zelteten in der freien Wildnis oder am Strand. „Das hat unsere Reise sehr besonders gemacht und uns mit sehr viel Freiheit ausgestattet“, erzählt Pirl auf Nachfrage der Zeitung.

Wieder daheim sei ihnen bewusst geworden, „wie schade es ist, dass der Umgang mit Boden und Natur hier deutlich beschränkter ist“. Denn in Deutschland ist das nicht erlaubt. Wildcampen kann hierzulande mit einem Bußgeld bis zu 500 Euro geahndet werden.

In Schweden gilt das Jedermannsrecht

„Zelten auf nicht dafür ausgewiesenen Flächen stellt eine Ordnungswidrigkeit dar. Das Nächtigen ohne Zelt ist eine rechtliche Grauzone. In Skandinavien sieht das anders aus. Dort gilt das Jedermannsrecht, was es jedem erlaubt, überall sein Zelt aufzuschlagen, für eine Nacht. Einfach und günstig reisen, das wollen wir auch in Deutschland – für alle“, sagt Gründer Patrick Pirl.

Das könnte Sie auch interessieren: iOS-App-Charts: Campingtipps und ein Sonos-Update

Und der Anfang ist gelungen. Bisher beinhaltet die Karte auf ihrer Website Angebote mit privaten Flächen in Deutschland, Skandinavien, Holland, der Schweiz, vereinzelt auch in Österreich, Polen und sogar in Weißrussland. Und die Karte soll weiter wachsen.

Keine Konkurrenz für Camping-Tourismus

Den Gründern ist wichtig, zu betonen, sie seien nicht angetreten, um dem gewerblichen Camping-Tourismus Konkurrenz zu machen. Ihr Angebot ermögliche vielmehr Interessenten, unabhängig vom eigenen Geldbeutel Urlaub zu machen. Denn jeder Sechste in Deutschland könne sich eine Reise nicht leisten.

„Nimm nichts mit außer Erinnerungen!“

Die Regeln des „Zeltsurfens“ sind einfach: „Hinterlasse nur deine Fußabdrücke und nimm nichts mit als Erinnerungen.“ Außerdem: Man bleibt eine Nacht, außer es ist etwas anderes vereinbart. Die Nacht ist kostenlos und die Regeln der Gastgeber sind zu beachten. Bei Christian Berger aus Schnaitsee bedeutet das: keine Haustiere und keine Raucher.

Bei Berger auch Wohnmobil willkommen

Zwei junge Paare, eines aus Dresden und eines aus Arnheim in Holland, hatte Berger schon zu Gast. „Wenn es regnet, kann man sein Zelt unter meinem großen Carport aufschlagen. Oder auch mit einem Wohnmobil kommen. Ich habe Platz“, sagt der Mann, der früher selbst leidenschaftlicher Wohnmobilist war. „Ich bin voll und ganz offen für die, die nicht ins Hotel wollen“, so der 80-Jährige. Er erinnert sich an seine eigenen Reisen. „Wir waren heilfroh, abends einen Standplatz zu finden. Ich war nie ein Freund der organisierten Camping-Plätze, stand stets lieber ganz ,individuell, an einem netten Fleck. Aber oft wurden wir dann auch weggejagt und mussten zum späten Abend nochmal umziehen – recht ärgerlich.“ Das sei eine der Haupt-Motivationen gewesen, sich bei „1 Nite Tent“ anzumelden.

Nette Gespräche sind willkommen

Schön findet der aufgeweckte Senior, wenn sich nette Gespräche zu den Rucksack- und Individualtouristen ergeben. „Weil ich gehbehindert bin, komm ich nirgends mehr hin. So kann ich auch teilnehmen am Leben.“

+++

Lesen Sie auch: Der Corona-Ticker – Aktuelle Entwicklungen zu Covid-19 in der Region, Bayern und der Welt

+++

Berger war früher Journalist und interessiert sich für das politische und gesellschaftliche Geschehen, studiert jeden Tag die Zeitung. Er arbeitete unter anderem beim Handelsblatt. „Ich war Mitglied der Gründungsredaktion des Managermagazins, angeheuert noch persönlich vom legendären Detlev Becker“, wie er erzählt. Später habe er freiberuflich gearbeitet und 2003 den Beruf an den Nagel gehängt.

Wer in seinem Garten übernachten möchte, sollte sich via eMail unter alter75.40@gmx.de melden und ihm drei Tage Vorlauf geben. Auch in Corona-Zeiten sei das Abstandhalten auf dem großen Grundstück unproblematisch.

Duschen gegen Heizöl-Obulus

Im Anbau habe Berger eine leer stehende Wohnung. Gegen einen „kleinen Heizöl-Obulus“ dürfen die Übernachtungsgäste sämtliche sanitäre Anlagen nutzen. Ihn wundere es, dass es bisher in Südbayern nur wenige Einträge auf „1 Nite Tent“ gibt. Das wird sich wohl ändern, denn täglich kommen neue Plätze dazu.

Garten teilen ist ein Geschenk - das wir d nicht bewertet

Als „Host“, der auf der Website gelistet ist, wünscht sich der Schnaitseer noch eine Bewertungsmöglichkeit. Die Macher der Seite erklären, sie hätten sich gegen ein Bewertungssystem für Gastgeber entschieden, „da diese ihren Garten teilen, es ist ein Geschenk, was nicht bewertet werden sollte. Andersrum ist es ein sehr großer Aufwand, wir arbeiten noch immer ehrenamtlich am Projekt. Zu einem späteren Zeitpunkt kann man darüber nachdenken“. Der Internetauftritt von „1 Nite Tent“ ist so programmiert, dass die reine Grundidee funktioniert. Damit seien Zusatz-Features aufgrund des Mehraufwands von Vornherein weggefallen. „Zukünftig sind jedoch weitere Funktionalitäten denkbar, wenn es uns gelingt, um ,1 Nite Tent‘ herum ein Einkommen zu generieren, ohne jedoch die Grundidee der kostenfreien Nutzung anzutasten“, so Pirl.

Kommentare