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„Weg von dem harten Zeug“

Zwischen Cannabisöl und Klangschale: So kämpft die Klinik Haag gegen Schmerzen

Mit Klangschalentherapie und anderen ganzheitlichen Methoden rückt im neuen Schmerzzentrum in der Klinik Haag Martina Sellner (rechts) den hartnäckigen Beschwerden auf den Leib. Dr. Hans-Helmut Gockel ist von dieser Möglichkeit innerhalb des multimodalen Therapiekonzeptes begeistert. Der Chefarzt der Schmerztherapie nimmt sich Zeit, seine Patienten kennenzulernen. Organisatorische Leiterin ist Laura Nitzel, die sich um eine rasche Terminvergabe kümmert.
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Mit Klangschalentherapie und anderen ganzheitlichen Methoden rückt im neuen Schmerzzentrum in der Klinik Haag Martina Sellner (rechts) den hartnäckigen Beschwerden auf den Leib. Dr. Hans-Helmut Gockel ist von dieser Möglichkeit innerhalb des multimodalen Therapiekonzeptes begeistert. Der Chefarzt der Schmerztherapie nimmt sich Zeit, seine Patienten kennenzulernen. Organisatorische Leiterin ist Laura Nitzel, die sich um eine rasche Terminvergabe kümmert.
  • Andrea Klemm
    VonAndrea Klemm
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„Haben Sie es schon mal mit Cannabisöl probiert?“, fragt Dr. Hans-Helmut Gockel, Chefarzt des neuen Schmerzzentrums an der Klinik in Haag. Hier erfahren die Patienten ein multimodales Therapiekonzept, bei dem es auch darum geht, von den harten Schmerz- und Schlafmitteln wegzukommen. So wie die 41-jährige Patientin, die seit 20 Jahren gegen ihre chronischen Schmerzen „ums Überleben“ kämpft.

Haag – Die 41-jährige Kraiburgerin, die seit rund 20 Jahren „ums Überleben“ kämpft, zählt bei der Anamnese auf: Arthrose, großflächige Muskel- und Gelenkschmerzen, diverse Bandscheibenvorfälle, beidseitig Tennisarm, immer Nackenschmerzen. Der Magen spielt verrückt, weil die Schmerzmittel zum täglichen Begleiter geworden sind – von einer lindernden Wirkung kann ohnehin inzwischen keine Rede mehr sein. Der Physiotherapeut ist ihr Lebensretter.

Mit der schwingenden Stimmgabel behandelt Martina Sellner den schmerzenden Tennisarm. Eine verblüffende Erfahrung für ihre 41-jährige Schmerzpatientin.

Schlafstörungen sorgen für nächtliches Herumwandern, Badputzen oder Kuchenbacken als Übersprungshandlung. Der Stress im Job, die vorwiegend sitzende Tätigkeit am Schreibtisch, tun ihr Übriges.

„Unser Cannabisöl ist uninteressant für Kiffer“

So schildert die ehemalige Tänzerin, die die Spätfolgen ihrer Überbeweglichkeit intensiv erlebt, ihren Zustand in der Sprechstunde bei Dr. Hans-Helmut Gockel. Tilidin (ein Opioid, das Schmerzpatienten von Orthopäden verschrieben wird, wenn die mit ihrem Latein am Ende sind, Anm. d. Red) will sie nicht nehmen.

„Cannabis? Ich vertrag die Kifferei nicht“, antwortet die Frau mit Erinnerungen an schaurige Momente in ihrer Jugend: Kreislaufkollaps, Erbrechen, die Nacht auf dem Rand der Kloschüssel verbracht.

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„Nein, unser medizinisches Cannabisöl ist ein Vollextrakt. Es ist mit der Wirkung, die ,Freizeitnutzer’ kennen, nicht vergleichbar. Meine Patienten nehmen wenige Tropfen am Tag, starten mit zwei abends und zwei morgens und erhöhen gegebenenfalls auf drei mal fünf Tropfen täglich, um den erwünschten Spiegel zu erreichen. Ein Joint entspricht 60 Tropfen, die fluten innerhalb von Minuten an“, erklärt Dr. Gockel. Mit dem Hubdosierer tropft man das Öl vor Einnahme auf ein Stück Weißbrot.

Gerade hochbetagte Patienten reagieren gut auf Vollextrakt

Es handle sich nicht um ein Schmerzmittel, klärt der Mediziner, der seit der medizinischen Freigabe von Cannabis im März 2017 damit rund 1000 Patienten zwischen etwa 30 und 90 Jahren behandelt hat, auf. Bei rund 20 bis 30 Prozent wirke es nicht wie gewünscht, manche seien enttäuscht.

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„Gerade hochbetagte Patienten reagieren sehr gut darauf“, so Gockel. Vor Verschreibung gibt es ein ausführliches Assessment und eine umfangreiche Aufklärung. Etwa, dass man körperliche Abhängigkeit in der Regel nicht befürchten müsse. Eine psychische sei nach längerem, hoch dosiertem Konsum möglich.

Leichter entspannen

Martina Sellner, Leiterin der Co-Therapie im Schmerzzentrum Haag und ausgebildete Pain Nurse, ergänzt, „das Öl unterstützt, dass man leichter mit dem Schmerz umgehen und besser entspannen kann“.

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Dr. Gockel führt weiter aus, es wirke krampf- und angstlösend, werde gegen Depressionen, gegen PTBS, gegen Spastiken bei MS eingesetzt. Gerade Ältere, die recht abgemagert seien, erführen eine appetitanregende Wirkung.

Bei der Behandlung von myofaszialem Schmerzsyndrom – mit dem auch die 41-jährige Patientin seinen Worten zufolge zu kämpfen habe – habe er mit Cannabisöl gute Erfahrungen gemacht. Sie will es ausprobieren.

Barrierefreie Räume

Die neue Schmerzklinik am Krankenhaus Haag ist am 1. Juli an den Start gegangen und gerade noch im Aufbau. Die Station wächst, gesucht werden Ärzte, Psychologen, Physiotherapeuten, Psycho- und Ergotherapeuten.

In einer ehemaligen Etage der Geriatrie entstand nun „eine Fünf-Sterne-Schmerzstation, die schönste, die ich je hatte“ mit 31 Betten, so Gockel, der zuletzt elf Jahre am Klinikum in Vilsbiburg in der Schmerztherapie leitend tätig war.

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Begeistert ist er von der Breite der lichtdurchfluteten Gänge und der Größe der Zimmer sowie der Bäder – alles barrierefrei.

18 Tage stationär

Derzeit sind 24 Betten belegt. Wegen Corona gibt es 8er-Gruppen, die zusammen hier 18 Tage stationär behandelt werden.

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Auf sie wartet neben Medikamentenoptimierung, wo im besten Fall, die „Hämmer“ sukzessive weggelassen werden, Physio-, Psycho- und Bewegungstherapie. Sie erlernen Entspannungstechniken und Bewältigungsstrategien.

„Manche lächeln, auch wenn ihnen alles wehtut. Das kann auch eine Bewältigungsstrategie sein“, so Sellner.

Die Ärzte und Therapeuten erarbeiten passgenau für jeden Schmerzpatienten den richtigen Behandlungsplan. So tauge dem einen Quigong, dem anderen Aromatherapie und dem nächsten eine Kunsttherapie. Die Aufmerksamkeit des Betroffenen wird vom Leiden weggelenkt. Das kann erleichternd wirken.

Schallwellen dringen in Muskelgewebe ein

Martina Sellner setzt auf wohlklingende Schallwellen. Mit einem Klöppel an der Klangschale erzeugt sie Schwingungen. Die Wellen können das Muskelgewebe durchdringen. In Asien löst man damit energetische Blockaden.

Bei der therapeutischen Anwendung von Schallwellen spricht man von Phonophorese, „das ist nix mit Eso“. Dazu verwendet sie auch Stimmgabeln, schlägt sie an. Schwingend wird das Gerät auf schmerzende Körperpunkte aufgesetzt. Es wirkt auch auf die Meridiane, ähnlich wie die Nadel-Akupunktur. Ein erstaunliches Gefühl für den Patienten. Sellner nutzt die Stimmgabeln bei Nebenhöhlenentzündungen oder Spannungskopfschmerzen.

Realistische Therapieziele erarbeiten

Generell heißt es: In der Schmerztherapie sind kleine Erfolge wichtig. „Keiner, der 20 Jahre auf den Rollator angewiesen ist und nur noch gebückt gehen kann, wird hier aufrecht und schmerzfrei rausgehen. Man muss realistische Ziele erarbeiten“, so Sellner.

Odyssee mit Doktor-Hopping

Hilfe zur Selbsthilfe stehe im Fokus und zwar mit Schlafhygiene, Atem- und Entspannungstechniken, Achtsamkeitsübungen, Kräftigung des Bewegungsapparates und darum, alte Gedankenmuster zu durchbrechen. „Hier geht es um das Gegenteil von ,Niederprügeln mit Medikamenten‘. Wir setzten auf Ganzheitlichkeit.“

Viele hätten ein Doktor-Hopping hinter sich, ehe sie im Schmerzzentrum landen. Hier erleben sie, dass man ihren Schmerz endlich ernst nimmt.

Stichwort Cannabisöl:

• Präparat (z.B. Tilray) ist ein Vollextrakt, enthält Tetrahydrocannabinol (THC) sowie Cannabidiol; es ist kein CBD-Öl.

• Das erste Rezept für den schwer Erkrankten ist ein Selbstzahler-Rezept. Man führt man ein Tagebuch, etwa wie es einem nach der Einnahme ergeht, welche Aktivitäten möglich sind, wie das Ein- und Durchschlafen, Aufwachen und Aufstehen war, wie sich die Muskelspannung und der Schmerz anfühlen. In Abstimmung mit dem Arzt wird eine Kostenübernahme beantragt. Eine Linderung muss wahrscheinlich sein.

Grundsätzlich darf der Patient, der medizinisches Cannabis verschrieben bekommt und einnimmt, am Straßenverkehr teilnehmen - jedoch nur im Rahmen der ärztlich verordneten Dosierung. Dies kann man laut Wissenschaft nicht mit einem akuten Cannabis-Rausch (z.B. durch einen Joint) vergleichen, der die Fahrtüchtigkeit beschränkt.

Wer sich durch das Cannabisöl müde fühlt, lässt das Auto stehen. Die Fahreignung muss gegeben sein, die Leistungsfähigkeit darf durch das Cannabis nicht grundsätzlich eingeschränkt sein, sonst bekommt man rechtliche Probleme. Wenn man von der Polizei kontrolliert wird, zeigt man die abgestempelte Rezeptkopie der Apotheke vor. Man muss belegen: Das konsumierte Cannabis wurde für einen konkreten Krankheitsfall verschrieben.

• Natürlich ist eine Weitergabe des Öls verboten.

• Bei Kiffern wirkt es nicht. Bei psychotischen Erkrankungen ist es contraindiziert.

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Was ist ein chronischer Schmerz?

„Chronisch“ ist ein- und derselbe Schmerz, der drei bis sechs Monate anhält. Die chronische Migräne ist eine Sonderform: Die hält ein Leben lang, erklärt Dr. Hans-Helmut Gockel.

Psychische Faktoren kommen beim „chronischen Schmerz“ dazu. „Die Psyche tut dem Körper nicht weh. Aber der Schmerz geht auf die Psyche, fördert eine depressive Stimmung. Der Patient wacht auf und spürt: Dieser Tag ist schon gebraucht, den hat schon ein anderer gelebt“, so der Mediziner, der von einer komplett eingeschränkten Lebensqualität seiner Patienten spricht. Auch Privat- und Berufsleben leiden darunter. Schlafmangel verstärkt den Schmerzkreislauf. Viele bekommen die Diagnose „Fibromyalgie“: Ihr Schmerz wandert durch den Körper. Oft werden sie belächelt und abgestempelt, sie bilden sich den Schmerz ein. Oft hören sie „stell dich nicht so an“.

Weil der Begriff negativ konnotiert ist, verwendet ihn Gockel nicht. Er spricht vom „myofaszialen Schmerzsyndrom“. Die Deutsche Schmerzgesellschaft e.V. schätzt, dass es in Deutschland 8 bis 16 Millionen Menschen mit chronischen Schmerzen gibt; die häufigste Ursache sind Erkrankungen des Bewegungsapparates, vor allem Rückenschmerzen. Menschen, die hypermobil sind, aber auch Leistungssportler, seien prädestiniert, Schmerzpatienten zu werden, sagt Gockel.

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