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Co-Existenz möglich? Schafhalter im Gespräch

Schutz vor Wolfsattacken: Die Hunde des Garser Schäfers Lohner passen auf ihre Herde auf

Idylle im Stall: Schäfer Bonaventura Lohner mit seinem Sohn Wendelin (4 Jahre), einigen Schafen und drei Herdenschutzhunden.
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Idylle im Stall: Schäfer Bonaventura Lohner mit seinem Sohn Wendelin (4 Jahre), einigen Schafen und drei Herdenschutzhunden.
  • Regina Mittermair
    VonRegina Mittermair
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Über 150 Schafe hält Landwirt Bonaventura Lohner in Gars. Er liebt jedes einzelne Tier. Um seine Herde vor Raubtieren wie Wolf, Fuchs oder Luchs zu schützen, setzt er erfolgreich auf seine vier großen Herdenschutzhunde. Das erfordert viel Fachwissen.

Gars – Der Wolf ist längst dem Märchenbuch entsprungen. Es mehren sich die Meldungen, dass auch in unseren Bergen Wölfe unterwegs sein sollen. Im Chiemgau geht man gar von einem Rudel aus. Vielen macht es Angst, solch ein Raubtier in Menschennähe zu wissen. Auch die Sorge um Schafe, Ziegen und andere Nutztiere treibt die Menschen um. Doch das muss nicht sein, glaubt Schäfer Bonaventura Lohner aus Gars. Er ist der festen Überzeugung, „dass eine Co-Existenz von Beutejägern und Nutztieren möglich ist“. Dabei setzt er auf seine Herdenschutzhunde – sechs an der Zahl, vier große und zwei Welpen. „Sie sind echte Beschützer“ weiß er aus Erfahrung.

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Über 150 Schafe hält Familie Lohner. Ihr Hof grenzt an große Felder und Wiesen, auch Waldgebiete sind in direkter Nähe zu finden. „Es gibt hier viele Beutejäger, da ist der Wolf nicht der einzige“, erklärt der Schäfer. Gemeinsam mit seiner Frau und den drei Kindern lebt er auf dem Hof, den einst seine Eltern einst bewirtschafteten.

„Gerade bange ich mit den Kollegen, die direkt vom Antreffen des Wolfs betroffen sind und weiß, wie schlimm es ist, wenn sich Beutejäger an den Tieren zu schaffen machen“.

Bevor die Vierbeiner am Hof waren, wurden Tiere gerissen

Er selbst setzt auf Pyrenäenhunde – eine uralte Herdenschutz-Hunderasse mit besonders ruhigem Gemüt. „Es ist großartig, wie aufmerksam die Hunde unsere Schafe behüten“, so Lohner. Die Hunde wechseln sich mit der Wache ab und passen gut auf ihre Schützlinge auf, das Rudel hat „alles im Griff“, beschreibt Lohner.

„Fuchs, Luchs und Wolf können der Herde natürlich zur Gefahr werden“, weiß Bonaventura Lohner. Doch er sei sich sicher, dass eine Co-Existenz bestehen kann zwischen den Beutejägern, zu denen auch der Wolf gehört, und beispielsweise seinen Schafen.

Es sei auch bei ihm schon zu Situationen gekommen, in denen Tiere gerissen wurden – das war vor sechs Jahren, noch bevor er Buddy, Prince, Checker und die anderen Hunde zur Unterstützung hatte. Er erinnere sich noch gut, wenn gerissene Tiere gefunden wurden, „wie weh einem dies in der Seele tut“.

Hund „Checker“ schaut im Stall nach „seiner“ Herde.

Niemand wisse, ob sich nicht auch Wölfe im Altlandkreis Wasserburg aufhalten, mutmaßt der Schäfer. Die politische Ungewissheit sei schon schwierig, doch mit seinen Hütehunden habe er ein gutes Modell gefunden, um die Herde zu beschützen.

Doch nicht jeder könne seine Ansicht teilen, muss Lohner immer wieder feststellen. Manche würden das Konzept als sinnvoll erachten und hätten großen Respekt vor dem Tun der Hunde; andere würden die Hunde und ihr lautes Gebell, mit dem sie die Herde schützen, als störend empfinden, beschreibt der Schäfer. „Wenn unsere Hunde anschlagen, dann wittern sie eine Gefahr, das liegt in ihren Genen, grundsätzlich sind sie aber ruhig und einfach nur aufmerksam“, erklärt er weiter.

Und seine Hunde könnten sehr wohl unterscheiden, ob ein vorbeiwandernder Spaziergänger, ein Fuchs oder anderer Beutejäger dem Hof näher komme. Er hoffe deshalb auf mehr Akzeptanz.

Wertschätzung für die Arbeit wäre wünschenswert

„Es wäre schön, wenn unsere Arbeit mit den Tieren mehr Wertschätzung erfahren könnte“, wünscht sich der Landwirt.

Dann wäre eventuell auch eine mögliche Ausweitung oder Förderung für dieses Konzept möglich – und es könnte „durch den gezielten Einsatz der wachenden Tiere zu einer Co-Existenz kommen“. Dann würde nicht mehr ans Entnehmen der Beutejäger gedacht, sondern der parallele Alltag von Beutejägern und Nutztieren könne zukünftig stattfinden.

Populationsdichte und damit fehlende Nahrung für Wolf, Luchs und Co würden die gefürchteten Tiere wohl zukünftig noch stärker an die Höfe und Weiden heranführen, ist sich der Schäfer sicher. Für ihn sei aber klar, dass auch der Wolf seine Berechtigung in der Natur habe.

„Mehr Anerkennung und Akzeptanz in Politik und Gesellschaft wäre jetzt noch wichtig, damit die Herden geschützt sind und dennoch auch Beutejäger existieren können – sogar in der Region“, wünscht Lohner für die Zukunft.

Die Hunde sind alle zertifiziert

„Unsere Hunde sind alle zertifiziert“, erklärt Bonaventura Lohner. Lange habe er gesucht, europaweit, um die passenden Hunde für sein Vorhaben zu finden. Vor fünf Jahren wurde er dann fündig.

„Prinz“, der Älteste im Rudel, hat sich für das Foto gemütlich neben ein Schaf gelegt.

Prinz war sein erster Hund. Für ihn kam extra eine Profi-Hundetrainerin auf dem Hof, um Hund und Herrchen zu zeigen, wie sie richtig miteinander umgehen müssen. „Die Sozialisation ist extrem wichtig“, berichtet Lohner. Die Hunde brauchen viel Lob aber auch viel Platz und eine konkrete Aufgabe. In den vergangenen Jahre habe ihn die Haltung der vier großen Hunde im Jahr insgesamt etwa 2500 Euro gekostet. Nicht eingerechnet seien dabei die verwendete Zeit für Streicheleinheiten und Ausbildung.

Martin Bartl: „Die Haltung von Herdenschutzhunden braucht großes Fachwissen“

Martin Bartl, Geschäftsführer vom Landesverband Bayerischer Schafhalter e.V.

Martin Bartl ist Geschäftsführer des Landesverbands Bayerischer Schafhalter und der Bayerischen Herdbuchgesellschaft für Schafzucht.

Wie viele Mitglieder hat der Landesverband Bayerischer Schafhalter?

Martin Bartl: Der Landesverband hat derzeit mit allen Regionalverbänden rund 2000 Mitglieder und ist die Vertretung der Schafhalter in Bayern.

Empfiehlt der Verband den Einsatz von Herdenschutzhunden als Schutz vor Beutetieren wie dem Wolf, dem Fuchs oder Luchs?

Bartl: Viele Voraussetzungen für die Haltung von Herdenschutzhunden müssen stimmen. Die Schäfer müssen sich hierzu bereits im Vorfeld gut informieren und sollten nur Hunde von verantwortungsvollen Züchtern kaufen, die sie bei der Ausbildung begleiten. Wir empfehlen, sich einem Verein für Herdenschutzhunde anzuschließen, um kompetente Hilfestellung zu bekommen. So eine Hundehaltung verlangt großes Fachwissen und verursacht auch Kosten – ich schätze mindestens 3000 Euro pro Hund im Jahr. Außerdem sollte die Herde mindestens 50 bis 100 Schafe umfassen, damit sich zwei Hunde bei ihrer Arbeit auch wohlfühlen. Die meisten Schafhalter bei uns (95 Prozent) besitzen allerdings weniger als 20 Schafe. Wenn alle Kriterien erfüllt sind, geben wir auch Zuschüsse für die Anschaffung von Herdenschutzhunden – allerdings nicht für deren Haltung.

Welche Schutzmaßnahmen empfehlen Sie vor dem Wolf?

Bartl: In Gebieten, die schützbar sind, ist ein mindestens 90 Zentimeter hoher Elektrozaun (Schafnetz) oder ein E-Zaun mit fünf stromführenden Litzen das Beste. Bei Festzäunen ist ein Untergrabungsschutz wichtig und ein beziehungsweise zwei stromführende Litzen beim Zaun, um das Überklettern zu verhindern. Das Ganze ist aber nur umzusetzen, wenn die Weiden sich auf zumutbar zäunbaren Flächen befinden. In Regionen, die so steil oder unwegsam sind, dass dieser „wolfsabweisende Zaun“ nicht herzustellen ist, müssen die Tierhalter in Bayern nicht zäunen.Interview Petra Maier

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