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Halloween und seine Bezüge zum Totenkult

An Samhain betreten die Geister das Reich der Lebenden – Stadtführung in Wasserburg

Kein Pirat im Hintergrund, aber dennoch irgendwie gruslig, der Totenkopf mit gekreuztem Gebein und unten Stundenglas und Sense: Das Grabdenkmal, vor dem die Stadtführerinnen Irene Kristen-Deliano (links) und Ilona Picha-Höberth stehen, befindet sich an der Nordseite der Jakobskirche. Hier wird an den „sehr ehrwürdigen Ferdinand Kölnbeck“ erinnert, der 1787 im Alter von 80 Jahren gestorben ist. Er war „Benefiziat“ (Lehensherr) in Wasserburg und „stand 49 Jahre am Altar“. Klemm
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Kein Pirat im Hintergrund, aber dennoch irgendwie gruslig, der Totenkopf mit gekreuztem Gebein und unten Stundenglas und Sense: Das Grabdenkmal, vor dem die Stadtführerinnen Irene Kristen-Deliano (links) und Ilona Picha-Höberth stehen, befindet sich an der Nordseite der Jakobskirche. Hier wird an den „sehr ehrwürdigen Ferdinand Kölnbeck“ erinnert, der 1787 im Alter von 80 Jahren gestorben ist. Er war „Benefiziat“ (Lehensherr) in Wasserburg und „stand 49 Jahre am Altar“.
  • Andrea Klemm
    VonAndrea Klemm
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Die Tore zwischen den Welten sind am Vorabend zu Allerheiligen geöffnet. Im Rahmen der Stadtführung „Samhain – Halloween in Wasserburg“ am Donnerstag, 31. Oktober, um 17 Uhr erfahren die Teilnehmer von Stadtentdeckerin Irene Kristen-Deliano und der Erzählerin Ilona Picha-Höberth mehr über Totenkult in vorchristlicher Zeit.

Wasserburg – Es geht um Schwarzhumoriges sowie Gruselgeschichten aus Wasserburg, auch sogenannte „urbane Legenden“.

Mit Fantasie kann man wählen: Paradies oder Sensenmann

Es handelt sich zum Teil um moderne Märchen oder Wandersagen, die jeder in abgewandelter Form kennt oder jemanden kennt, der sowas schon erlebt haben soll. „Der Mensch braucht die Fantasie, um die Realität zu verarbeiten“, ist Picha-Höberth überzeugt.

Der Wasserburger Totentanz: "Der Tod und der alte Mann" (links) und "Die Vertreibung aus dem Paradies" von Engelbert Zimmermann.

Auch helfe es den Leuten, dem Tod einen anderen Namen zu geben. Kristen-Deliano nennt den „Boandlkramer“, der menschliche Züge habe, listig und verschlagen sei. „Damit kann man sich als Mensch gut auseinandersetzen, weil der Tod somit einer von uns ist und ein Gesicht hat“, ergänzt Picha-Höberth.

Gargylen halten dem Bösen den Spiegel vor und vertreiben es

Mit der Fantasie könne man die Wahl treffen, sich auf die eine oder auf die ganz andere Art mit dem Sterben zu beschäftigen. So stehen auf der einen Seite Darstellungen des angsteinflößenden Sensenmannes mit grausligem Gesicht oder etwa das Gegenteil: Das Ankommen im Jenseits, im Licht, in der Geborgenheit des Himmels. Diese Vorstellung sei der Ausdruck für die Sehnsucht, dass nach dem Leben alles besser wird – im Paradies.

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Die Menschen glaubten früher an Totengeister, Wiedergänger, Andersweltwesen, die in der Nacht vor Allerheiligen wiederkehren, weiß die Geschichtenerzählerin Picha-Höberth zu berichten. Sich selbst in der Samhain-Nacht, an Halloween, gruslig zu verkleiden, hatte den Zweck, von den Geistern nicht erkannt zu werden als sterbliches Wesen. Oder die bösen Geister abzuschrecken.

Eine Funktion, die auch den Gargylen mit den Dämonengesichtern etwa an gotischen Kirchen zugeschrieben wird: Sie sollen das Böse abwehren, ihm einen Spiegel vorhalten, damit es sich bei dem grauenhaften Anblick verzieht.

"Der Tod und die Braut" von Engelbert Zimmermann (links) und "Der Tod und das Kind" aus den Bildern des Todes von Hans Holbein (rechts).

Ein besonderes Wesen ziert auch das Wasserburger Friedhofsportal: das Einhorn, besser gesagt eine ganze Herde. Woher die stammen, erfährt man bei diversen Themenführungen, die die beiden Frauen in der Reihe „Wasserburg mit anderen Augen sehen“ anbieten. Geschickt nutzen sie die Altstadt als Kulisse, passen ihre Geschichten den Orten an und lassen das Erzählte sichtbar werden.

Totenkult in Wasserburg

In der „Samhain“-Führung beschäftigen sie sich beispielsweise damit, wie sich der Totenkult in Wasserburg entwickelt hat, gehen Fragen nach, wovor sich die Wasserburger, aber auch die Menschen anderswo, in früheren Jahrhunderten gefürchtet haben.

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Zum Beispiel, scheintot, lebendig begraben zu werden. „Wissen Sie, wie viele Menschen erst später in der Kühlkammer an Unterkühlung starben?“, sagt Picha-Höberth mit eindringlichem Blick und spricht eine der schlimmsten Urängste der Menschen an. Auch heute ist diese Angst nicht von der Hand zu weisen und spiegelt sich in der Debatte der modernen Medizin um Hirntod-Definition und Organspende wieder.

„Geschichte webt sich in Geschichten“ ist das Rezept

„Uns geht es auch darum, den Dingen auf den Grund zu gehen. Ein ,das war schon immer so‘ reicht uns nicht“, sagt Kristen-Deliano. Alte Weisheiten, die sich bis in die heutigen Glaubensvorstellungen bewahrt haben, faszinieren die beiden. Die zwei Frauen stöbern im Volksglauben und Volkswissen, suchen sich fundierte Quellen dazu, etwa im Stadtarchiv, und verpacken die Fakten in Story-Telling.

Das Werk "Beinhausmusik" (links) und "Der Tod und das Ehepaar" (rechts) aus dem Wasserburger Totentanz von Engelbert Zimmermann und

„Geschichte webt sich in Geschichten“, erklärt Picha-Höberth das Rezept für die besonderen Themenführungen, die sie seit fast zehn Jahren anbieten und Kopfkino bei den Teilnehmern erzeugen.

Ohne Türmer wurde man „sang- und klanglos“ begraben

Mit dem Tod habe sie sich auf vielschichtige Art und Weise beschäftigt. So hat die Wasserburgerin jahrelange Erfahrung als Trauerbegleiterin und sich dem Thema auch künstlerisch angenähert.

Bis in die Jetztzeit habe sich der Totenkult immer weiter gewandelt. Traditionelle Beerdigungen samt Leichenschmaus seien vielen zu teuer, ebenso verzichte man auf immer öfter aufwendige Bestattungszeremonien. Und nicht selten steht nur der Pfarrer am offenen Grab, weil der Verstorbene vereinsamt war und niemand um ihn trauert.

Makaber, aber auch satirisch

„Wer in Wasserburg kein Geld hatte, wurde ,sang- und klanglos‘ zu Grabe getragen, weil er sich das ,Tuten und Blasen‘ des Türmers nicht leisten konnte“, sagt Irene Kristen-Deliano. Der Türmer lebte auf der Frauenkirche und spielte bei Hochzeiten und Beerdigungen – wo er „Trübsal blasen“ musste um der Stimmung Rechnung zu tragen. Einstellungskriterium war es, Musikant zu sein, so ist es überliefert.

Eine Station der Führung wird der Rote Turm sein. Hier griff in den 60er Jahren der Turmwirt Willi zu einer ungewöhnlichen Finesse, um endlich mal wieder seine Wirtskollegen zu sehen, die sonst nie zu seinen Einladungen kamen: Er hat seine eigene Beerdigung inszeniert und Sterbebilder verschickt. Etwas makaber, aber auch satirisch!

Schwarzer Humor hilft das Unausweichliche zu ertragen

Das Schwarzhumorige sei ein heilsames Mittel, sich beispielsweise über unabänderliche Dinge, wie den Tod, der unausweichlich sei, lustig zu machen. Picha-Höberth: „Wenn wir etwas schon nicht ändern können, so können wir zumindest darüber lachen, um ihm den Schrecken zu nehmen.“

Wer sich der Führung anschließen will (Treffpunkt ist am großen Tor am Altstadtfriedhof), muss sich anmelden unter Telefonnummer 0 80 71/41 07 oder 9 31 57.

Bei einem Rundgang durch die Altstadt werden Hintergründe und Herkünfte des alten keltischen Totenfestes erklärt. Dazu erzählen die beiden Autorinnen allerlei schräge und makabere Anekdoten aus der Altstadt und natürlich viele spannende und gruselige Geschichten über Untote, Aufhocker und Wiedergänger. Für nächtliche Albträume wird keine Haftung übernommen.

Wasserburger Totentänze: Teil der „Makaberkunst“ im 19. Jahrhundert:

Der Zyklus „Wasserburger Totentanz“, geschaffen in sieben Szenen vom Wasserburger Künstler Engelbert Zimmermann, hing einst in der Aussegnungshalle, die in Wasserburg Ende 1830 errichtet wurde.

Abgehängt, weil die Leichenhalle sanierungsbedürftig war, wurden die Leinwände 1924. Da wanderten sie auf den Dachboden des Rathauses. In den 1940er-Jahren waren sie noch einmal im Stadtmuseum zu sehen und sind seither wieder auf dem Rathausspeicher und „dem Verfall preisgegeben“, wie Stadtführerin Irene Kristen-Deliano bedauert.

Aus finanziellen Gründen muss das Werk, das Teil der „Makaberkunst“-Tradition im Bayerischen Raum ist, dort sein Dasein fristen. Bis auf das große Mittelbild „Das Jüngste Gericht“, das im Brucktor in der Sammlung „Wasserburg aus fünf Jahrhunderten“ hängt, wie Museumsleiterin Sonja Fehler auf Nachfrage der Zeitung erklärt. Dieses wurde aufwendig restauriert. Die plakativen Totentanz-Szenen haben es Kristen-Deliano sowie auch der Erzählerin Ilona Picha-Höberth angetan.

Ab Ende des 18. Jahrhunderts wurden in ganz Deutschland Leichenhallen errichtet, in denen die Toten unter medizinischen und hygienischen Vorkehrungen aufgebahrt werden konnten. „Davor starben die Leute daheim und wurden in ihren Betten aufgebahrt“, sagt Kristen-Deliano. Man hielt Totenwache, es gab eine Waschung des Leichnams und dann folgte die Einsargung. Seither habe sich der Totenkult stark verändert.

Die Zimmermann’schen Totentanz-Motive sind stark inspiriert vom Reservoir von Hans Holbein dem Jüngeren, der den Tod im ausgehenden 14. und beginnenden 15. Jahrhundert in allegorischer Form darstellte, wie Kunsthistoriker Mischa von Perger in seinen Totentanz-Studien 2013 festhielt. Die städtische Obrigkeit beauftragte Zimmermann 1838 nur für acht Gemälde, dieser wollte ursprünglich 16 verwirklichen; ausgeführt wurden schließlich sieben.

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