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„Vom Straßenverkauf alleine kann ich kaum leben“: Rotter Wirtin über Corona-Alltag und Sorgen

Karin Heine vertreibt sich die viele freie Zeit im Lockdown in der Gaststaube auch beim Lesen ihrer Heimatzeitung.
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Karin Heine vertreibt sich die viele freie Zeit im Lockdown in der Gaststaube auch beim Lesen ihrer Heimatzeitung.
  • vonRichard Helm
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Keine Vereinstreffen, kein Stammtisch: Karin Heine, seit fast 30 Jahren Wirtin in Rott, vermisst ihre Gäste. Noch niemals in ihrem langen Berufsleben in der Gastronomie hat sie so wenig gearbeitet. Im Interview mit den OVB-Heimatzeitungen erzählt sie über die Einsamkeit in der Gaststube.

Rott – Als einmalig gilt die hohe Gastronomiedichte in Rott. Die meisten Gastwirte liegen zentral im Ortskern. Alle konnten bisher leben, keine Gastwirtschaft nahm der anderen etwas weg. Doch wie lange wird es sie nach der Corona-Pandemie noch geben?

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Seit November sind die Gastwirtschaften geschlossen und leben seitdem vom Straßenverkauf. Auch das Bräustüberl. Es liegt zentral am Marktplatz, hat einen Biergarten mit altem Baumbestand und ist bekannt für gutbürgerliche, bayerische Küche. Großer Beliebtheit erfreut sich das Schnitzel mit Kartoffel-Gurken-Salat.

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Karin Heine (62) ist hier seit 29 Jahre Wirtin. Doch seit dem Lockdown sitzt sie allein im Gastraum. Ab und zu kommen ihre alten Gäste, holen sich ein Gericht ab. Wie es der Wirtin im Lockdown geht und was ihr besonders fehlt, darüber berichtet sie im Interview mit den OVB-Heimatzeitungen.

Karin Heine an ihrem Stammplatz im Gastraum.

Frau Heine, wie geht es Ihnen im Lockdown?

Karin Heine: An Allerheiligen hatten wir noch geöffnet, aber da waren es schon weniger Gäste, denn nur wenige durften ihre Gräber besuchen. Seit November ist nun die Gastwirtschaft zu. Ich kann nur noch Speisen zum Mitnehmen anbieten. Zum Glück habe ich liebe alte und treue Kunden, die mich unterstützen. Nächstes Jahr bin ich seit 30 Jahren Wirtin des Bräustüberls mit Leib und Seele. Ich habe mit den Gästen gute Beziehungen aufgebaut. Sie kommen immer gerne zu mir.

Wie geht ihnen finanziell?

Heine: Vom Straßenverkauf alleine kann ich kaum leben. Die Fixkosten wie Pacht, Versicherungen, Energiekosten und dergleichen laufen weiter. Hilfreich waren die Staatshilfen vom November und Dezember. Ob es für die folgenden Monate Unterstützungen gezahlt werden, ist noch nicht bekannt. Mein Personal arbeitete bei mir als Aushilfen. Sie helfen mir jetzt beim Telefondienst, ich zahle ihnen noch einen Bonus, damit ihr Verlust nicht ganz so groß ist. Doch das Servicepersonal verliert das Trinkgeld. Ich kann auch nicht abschätzen, wie lange der Lockdown noch gehen soll.

Was vermissen Sie am meisten?

Heine: Am meisten geht mir mein Stammtisch ab. Bei mir haben sich immer viele getroffen. Dienstag war der Damen-Stammtisch da. Alle sonstigen Feiern fielen aus. Alle Feste gehen so sang- und klanglos vorbei. Es gab keine Weihnachtsfeiern, keine Vereinsversammlungen, kein Silvesteressen und auch der Fasching findet nicht statt.

Was verbringen Sie jetzt Ihre Zeit?

Heine: Ich habe noch nie so wenig gearbeitet wie jetzt. Ich biete von Samstag bis Dienstag von elf bis 20 Uhr Speisen zum Mitnehmen an. Ansonsten sitze ich hier in der Gaststube. Ich wohne zwar im ersten Stock, aber die Gaststube ist mein Wohnzimmer. Ich habe viele Bilder aufgehängt, sogar auf der Damentoilette. Ich löse gern Kreuzworträtsel und bin richtig gut geworden im Umgang mit Social Media. Ich bin jetzt auf Instagram und WhatsApp. Dafür wurde ich sogar von meiner Tochter gelobt. Und ich sehe mir auch gerne Liveübertragungen von den Kulturbühnen in München an. Bereits beim ersten Lockdown im April hatte ich Zeit für den Garten und wie es aussieht, kann ich auch dieses Jahr in aller Ruhe garteln.

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