Robert Obermayr spricht über Gründe, das Leben eines Wasserburger Widerständlers zu erforschen

Robert Obermayr beschäftigte sich intensiv mit dem ersten Nachkriegsbürgermeister Josef Estermann.

Wasserburg – Josef Estermann gilt als beherzter Retter der Stadt Wasserburg 1945, weil er für eine Kapitulation in den letzten Tagen des Zeiten Weltkrieges sorgte. Der Wasserburger Robert Obermayr hat dem einst einfachen Korbmacher eine Forschungsarbeit gewidmet.

Was fasziniert Sie so an der Person Josef Estermann?

Robert Obermayr: Es ist nicht nur die Person Estermann, die natürlich auch sehr interessant ist, allein die Tatsache, dass er in seinem Leben dreimal jeweils knapp der Todesstrafe entkam. Faszinierend ist vor allem, dass man anhand von Estermann viel von der Geschichte Wasserburgs von den Anfängen der Weimarer Republik bis zur frühen Nachkriegszeit erzählen kann, mit all den Wirren und Schrecken. Estermann war immer in den Umbruchszeiten präsent, wie eben 1945, als Widerständler am Ende der nationalsozialistischen Herrschaft und schließlich als erster Bürgermeister und Landrat der Nachkriegszeit, eingesetzt vom US-Militärgouverneur.

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Wie lange haben Sie für ihre Forschungsarbeit recherchiert, welche Quellen lagen Ihnen vor?

Obermayr: Die ersten Recherchen begannen vor fünf Jahren. Den Ausschlag zur vertieften Beschäftigung mit dem Thema hat Thomas Kemme gegeben mit seinen Forschungen zur Entnazifizierung in Wasserburg. Wir haben Anfang des Jahres angefangen, gemeinsam Quellen zu Estermann aus dem Stadtarchiv und den staatlichen Archiven auszuwerten, zunächst über die Zeit kurz nach Kriegsende.

Wo stößt man bei der Arbeit mit Quellen an die Grenzen?

Obermayr: Ein Problem ist, dass es ja rückblickende Berichte sind über die Ereignisse und die meistens im Kontext der Entnazifizierung und den Spruchkammerverfahren stehen. Da liegt es nahe, dass die Funktionsträger aus der NS-Zeit ihren Anteil am Widerstand gerne etwas größer machen und ihr Wirken davor, als Stützen des Systems, eher schönreden. Aber auch Estermann ist nicht ganz frei von der Tendenz, seine Rolle hervorzuheben und zu idealisieren. Darum muss man alles hinterfragen, kann das sein, passt das zum Ablauf und wo gibt es Widersprüche?

Wir haben auch ein Ungleichgewicht hinsichtlich der Herkunft. Relativ viele Quellen beruhen auf den Angaben der ehemaligen NS-Funktionäre, aber es gibt wenig von den einfachen Männern und Frauen des Widerstands. Die Handwerker und kleinen Angestellten, die haben offenbar nichts darüber geschrieben und die hat auch keiner gefragt in der Nachkriegszeit, zumindest keine Spruchkammer, denn sie waren ja nicht in der Partei und in keiner Funktion.

Welche Fragen sind rund um die letzten Kriegstage in Wasserburg in Ihren Augen noch offen?

Obermayr: Es gibt Hinweise, dass Estermann schon ein Jahr vor der Freiheitsaktion einen Widerstandskreis von rund 40 Wasserburgern ins Leben gerufen hatte. Demnach hätten sich die Personen nicht erst am 28. April 1945 spontan zusammengetan, sondern das Ganze hatte einen Vorlauf und Estermann konnte sich auf viele kleine Helfer stützen, die mehr oder weniger bereit waren, endlich loszuschlagen. Eine Gruppe von mehreren Dutzend Mitgliedern über einen längeren Zeitraum geheim zu halten, wäre schon eine beträchtliche Leistung. Da gibt es außer den Angaben von Estermann noch eine Quelle, die die Existenz so einer Gruppe bestätigt.

Inzwischen wissen Sie auch, dass der Vorwurf gegen Estermann, er sei ein V-Mann der Gestapo gewesen, in der gerichtlichen Auseinandersetzung entkräftet werden konnte. Welche neuen Erkenntnisse konnten Sie hier gewinnen?

Obermayr: Es ist besonders tragisch, dass ausgerechnet Estermann als Widerständler gegen den Nationalsozialismus über den Vorwurf stolpern musste, er wäre ein Gestapo-Spitzel gewesen. Hans Klinger schrieb in seinem biografischen Buch über Estermann, der Vorwurf wäre nie geklärt worden, was aber so nicht stimmt. Ein US-Militärgericht hat ihn nach gründlichem Verfahren im März 1946 freigesprochen und die Suspendierung vom Amt wieder aufgehoben. Er war noch bis zur Wahl und Bestätigung eines Nachfolgers im September 1946 kommissarischer Landrat. Die Dokumente wirken authentisch und es klingt nachvollziehbar.

Haben sich Bürger/Zeitzeugen im Zuge der Berichterstattung bei Ihnen gemeldet und Neues berichten können?

Obermayr: Ja, es gab einige Rückmeldungen und interessante Hinweise von Bürgern, die sich noch an viele Geschehnisse in ihrer Kindheit erinnern konnten. Und es tauchte noch die Kopie eines ausführlichen Berichts von Estermann auf, der mir bisher noch nicht in den Archiven unterkam. Toll wäre natürlich noch, wenn weitere Bürger Aufzeichnungen, Tagebücher, Fotos, etc. aus dieser Zeit fänden und ins Stadtarchiv brächten.

Der Wasserburger Robert Obermayr hat dem einst einfachen Korbmacher in Gedenken an das Jubiläum „75 Jahre Befreiung“ eine Forschungsarbeit gewidmet – die die Wasserburger Zeitung als Serie veröffentlicht hat.

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