„Mein Großonkel war ein Haberer“: Rotter Autor über das letzte Haberfeldtreiben der Region

Das Haberfeldtreiben war vorwiegend im Raum Tölz-Miesbach-Rosenheim-Ebersberg verbreitet. Oskar Gräf 1895
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Das Haberfeldtreiben war vorwiegend im Raum Tölz-Miesbach-Rosenheim-Ebersberg verbreitet. Oskar Gräf 1895

Am 26. Oktober 1895 fand in Steinhöring das letzte Haberfeldtreiben in unserer Gegend statt. Daran waren auch Rotter beteiligt – „unter anderem mein Großonkel Marinus Winkler“, berichtet Dr. Richard Kichlechner. In seinem Buch „Rott am Inn - Geschichte und Geschichten“ gewährt er Einblick in die Anklageschrift des „Königlichen Landgerichtes““.

Rott– Kirchlechners Großonkel war damals erst 21 Jahre alt. „Marinus Winkler, Mösl-Bauerssohn von Lengdorf bei Rott, war ein Bruder meines Großvaters“, so der Autor. Nachkommen haben das Dokument bis heute aufbewahrt. Dort sind die Namen der 48 Angeklagten aufgeführt, ihre Herkunft, Beruf und Arbeitsplatz. Die Anklage lautete auf „öffentliche Zusammenrottung einer Menschenmenge, Bildung eines unbefugten bewaffneten Haufens, Gewalttätigkeiten gegen Personen und Sachen und Abgeben von Schüssen.“

Als Volksjustiz landläufig bekannt

Als Femegericht des einfachen Volkes, als eine Art Volksjustiz, ist das Haber-feldtreiben landläufig in Erinnerung geblieben, wobei diese Sicht manchmal eine beliebte Verklärung der Geschichte ist, der Rotter Ortschronist.

Die Haberfeldtreiben zielten gegen Verstöße von Sitte und Moral, prangerten Ehebruch und Unzucht an, bedienten sich dabei oft selbst derbster Sprüche, und werden von kritischen Betrachtern manchmal mit dem Vorwurf belegt, dass die Kritik an Sittenverstößen öfters auch ein schadenfreudiger Selbstzweck sein könnte – einfach derber Spaß am Unmoralischen.

Verschworene Gemeinschaft

Die Haberer, das waren Mitglieder einer verschworenen Gemeinschaft aus Bauern, Handwerkern und Burschen in Altbayern, die oft verkleidet und mit geschwärzten Gesichtern stundenlange Anmärsche zu nächtlicher Stunde unter-nahmen, um dann die Missetaten eines Betroffenen anzuprangern. Begleitet waren die Treiben von einem Mordsspektakel und weithin sichtbaren Sühneaktionen, wie zum Beispiel dem Aufstellen eines mistbeladenen Wagens auf dem Dachfirst des Hauses eines Betroffenen.

Die Ursprünge des Haberfeldtreibens liegen im Dunkel der Geschichte. Wurzeln des Wortes sind “harper„, ein altertümliches Wort, das so viel wie Ziegenfell bedeutet. Andere Spuren führen zu dem alten Wort “afern„, also rügen oder tadeln. Eine weitere naheliegende Anspielung ist, jemanden aufs “aber Feld„, also auf das bloße, blanke Feld zu treiben, also einen Missetäter bloßzustellen, schreibt Kirchlechner.

In den Akten des Landgerichts München II aus dem Jahr 1896 werden die Namen von 48 Angeklagten aufgeführt, ihre Herkunft, Beruf und Arbeitsplatz. Sie kamen aus den Gemeinden Frauenneuharting, Steinhöring, Aßling, Grafing, Hohenthann, Jakobneuharting, Pfaffing, Edling, Rettenbach, Ramerberg und Rott.

Wie kam es zu dieser Anklage? Zur damaligen Zeit herrschten hauptsächlich wegen der Frage der Abhaltung von Sonntagsgottesdiensten in der Filialkirche Tulling schon seit längerer Zeit Misshelligkeiten und Feindseligkeiten zwischen den Einwohnern des Pfarrortes Steinhöring und des Filialortes Tulling.

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Max Maurer, der Wirtssohn von Tulling und Andreas Kastenmüller, Ölmühle, Gde. Steinhöring, hegten nun schon länger den Wunsch, verschiedene ihnen missliebige Personen in Steinhöring durch mehr oder minder wahre Vorwürfe bloßzustellen. Ihre Absicht ging zunächst dahin, sich durch Schmähgedichte, die sie in der in München erscheinenden „Neuen freien Volkszeitung“ zu veröffentlichen gedachten, Luft zu machen.

Zusammenkunft in Kiesgrube

Mittlerweile hatten sie nun aber in Erfahrung gebracht, dass seitens des Knechtes der Brauerei Stachet, Martin Schäffler und des Knechtes Franz Neu-berger beabsichtigt sei, im Herbst bei Steinhöring ein Haberfeldtreiben abzuhalten. Sie setzten sich deshalb mit den beiden Genannten in Verbindung, da ihnen die Publikation der Schmähverse bei einem Haberfeldtreiben zweckentsprechender erschien, als deren Veröffentlichung durch eine Zeitung.

Als Termin für das Treiben wurde der 26. Oktober 1895 und als Ort der Zusammenkunft eine Kiesgrube bei Sensau bestimmt. Die in Stachet und Umgebung wohnenden Personen, von denen man auf eine Zusage rechnen und auf deren Verschwiegenheit man bauen konnte, wurden von Schäffler und Neuberger persönlich in den Plan eingeweiht.

In der Anklageschrift ist dann genau aufgelistet, wer wen persönlich eingeladen hat, und an wen auch briefliche Einladungen versandt wurden. Dabei wurden auch die Sammelplätze festgeleg. „So trafen sich die beiden Teilnehmer aus Lengdorf und die beiden aus Oberwöhrn im Garten des Gilgbauern, meines Großvaters ) in Lengdorf zu ihrem langen Marsch“ beschreibt Kirchlechner.

Pflicht der Geheimhaltung

Der größte Teil der sich Sammelnden führte Gewehre oder Revolver bei sich oder war anderweitig bewaffnet. In der Kiesgrube bei Sensau wurden zwei 30- Liter-Fässer Bier geleert, dann wurde fortmarschiert, um kurz darauf in einem Wald Halt zu machen.

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Hilarius Limberger, Dienstknecht aus Niklasreuth, hielt eine Ansprache, in welcher er auf die Pflicht der Geheimhaltung einging und ausdrücklich betonte, dass jeder, der einen Verräter mache, erschossen werde, worauf den Teilnehmern hierzu ein Schwur abgenommen wurde. Nach einem weiteren langen Marsch erfolgte der Einzug in Steinhöring.

Laut Anklageschrift wurde schon vor dem Einzug an einer Telegraphenstange der Draht abgezwickt, und damit Steinhöring von jedem telegraphischem Verkehr abgeschnitten. Während des Durchzuges durch Steinhöring schrien und johlten die Teilnehmer des Treibens und beschimpften die Bewohner mit Ausdrücken wie Hurenbande und Ehebrecher.

Dazwischen fielen zahlreiche scharfe und blinde Gewehrschüsse. Die Krämersfrau Bierwirth, in deren gegen die Straße im ersten Stocke gelegenen Schlafzimmer der Kinder halber Licht brannte, stand durch den Lärm geweckt auf, und trat ans Fenster.

Da traf, während sie am Fenster stand, ein Schrotschuss das Vordach des Hauses gerade oberhalb des Fensters, hinter welchem die Frau stand. Zugleich wurden mit aller Gewalt zahlreiche Schläge gegen die Haus- und Stalltüren, sowie die Fensterläden verschiedener Anwesen geführt, sodass hierdurch und den durch Schreien und Schießen verursachten Lärm das Vieh in den Ställen hochgradig beunruhigt wurde, und infolge der Aufregung trächtige Kühe in den Ställen des Schuhmachermeisters Friesinger und des Bauern Baumgärtner in den folgenden Tagen verkalbten, wodurch den Besitzern ein namhafter Schaden erwuchs.

„Wir san Tiroler Schützen“

Die Teilnehmer des Treibens sangen beim Durchzug durch Steinhöring ein Lied, „Wir san Tiroler Schützen“. 300 Meter südlich von Steinhöring wurde dann auf einer steilen Anhöhe Halt gemacht, Vorposten wurden aufgestellt, und dann begann das Treiben in der üblichen Art, wobei der Dienstknecht Martin Schäffler die Verse verlas:

Im Auftrag des Kaisers Karl von Untersberg

müassmer heut wieder s’Habafehi treibn,

Es hot oiwei ghoassn,

das ma uns auf Stainering nöt dean zurwa waang,

Aber heut san mir do scho do,

dass mer enk d’Woarat sagn;

Denn dös lasst iahm der Kaiser Karl nöt gfoin,

Was da glumpt wärd vo dö Ehebrecher,

Spitzbuam und Schnoin.

Es folgten dann 14 derbe Spottverse, die in der Anklageschrift aufgeführt sind. Sie beziehen sich auf Pfarrer, Lehrer und verschiedene Bürger in Steinhöring.

Die polizeilichen Ermittlungen zu diesem Treiben begannen erst viel später und so versammelte sich erst am 3. Februar 1897 die Erste Strafkammer des Königlichen Landgerichts München II um wegen Landfriedensbruch zu verhandeln.

Gefängnis für Rädelsführer

Die zwei ledigen Burschen Martin Schäffler und Georg Neuberger aus Stachöd, Gde. Frauenneuharting eruierte das Gericht als Haupträdelsführer. Sie erhielten Gefängnisstrafen von eineinhalb beziehungsweise einem Jahr. Sechs weitere Haberer bestrafte man mit Gefängnis zwischen acht und 18 Monaten. Den übrigen 30 Burschen brachte die bloße Teilnahme am nächtlichen Rumor durchweg fünf Monate Haft ein. Leonhard Mühlbauer, Torfstecher aus Springelbach, der beim Treiben nicht dabei war, aber elf Verse verfasst hatte, erhielt drei Monate Gefängnis. So endete also das letzte Haberfeldtreiben mit einer doch recht harten Bestrafung.

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