Promi-Pfarrer Schießler spricht im Wasserburger Café Central über Heimat, Glaube und Heimatfilm

Günther Knoblauch, erster Vorsitzender des Vereins „Internationales Festival des Neuen Heimatfilms e.V.“ (links), sitzt vor dem offiziellen Teil mit Bürgermeister Michael Kölbl (rechts) und Pfarrer Rainer Maria Schießler beisammen.
+
Günther Knoblauch, erster Vorsitzender des Vereins „Internationales Festival des Neuen Heimatfilms e.V.“ (links), sitzt vor dem offiziellen Teil mit Bürgermeister Michael Kölbl (rechts) und Pfarrer Rainer Maria Schießler beisammen.
  • vonRegine Falk
    schließen

Wie viele Facetten der Heimatbegriff eigentlich hat und was jeder für sich selbst darunter versteht: Diesen Aspekten möchte das Filmfestival „Biennale Bavaria International“ in der Region auf den Grund gehen. Es startet zwar erst 2021, doch bei einer Veranstaltung mit prominenten Gästen gab es jetzt in Wasserburg einen ersten Vorgeschmack.

Wasserburg – Die Biennale soll zwar erst im April 2021 in den oberbayerischen Kommunen Altötting, Burghausen, Haag in Oberbayern, Mühldorf am Inn, Trostberg und Wasserburg am Inn starten.

Pfarrer Schießler sorgte für Lacher

Doch Filmliebhaber und Interessierte aus allen gesellschaftlichen Bereichen sollten jetzt schon einen Vorgeschmack bekommen. Um vor allem selbst aktiv zu werden, ein umfangreiches Rahmenprogramm zur Filmreihe mitzugestalten. Deswegen hatte der Veranstalter, der Verein „Internationales Festival des Neuen Heimatfilms“, vom 25. bis 27. September 2020 an jeder der geplanten Stationen zu einem „Vorspiel“ geladen, um Vision und Programmatik des Festivals mit einer eigenen Filmreihe unter dem Motto „Neuer Heimatfilm unterwegs“ vorzustellen.

Lesen Sie auch:

Erstmal kein Geld aus Mühldorf fürs Heimatfilmfestival – Stadt fordert mehr Informationen

„Filme im und abseits des Mainstreams und ein interdisziplinäres Rahmenprogramm“, wie es in der Ankündigung heißt.

Corona lässt nicht so viele Zuschauer zu

So zeigte das Kino Utopia am Sonntagvormittag den polnischen Film „Corpus delicti“, der als bester nicht-englischsprachiger Film für den Oscar 2020 nominiert war. Im Vorfeld war zur Diskussion ins Café Central geladen. 47 Gäste fanden hier Platz – entsprechend der Sicherheitsbestimmungen also weniger, als wahrscheinlich sonst. Auf dem Podium gingen Günther Knoblauch, erster Vorsitzender des Vereins Internationales Festival, das das geplante Heimatfilm-Festival veranstaltet, Filmkurator und -wissenschaftler Joachim Kurz, Pfarrer Rainer Maria Schießler und Bürgermeister Michael Kölbl unter Moderation von Birgit Kern-Harasymiw, der Frage nach: „Was hat Glaube mit ‚Heimat‘ zu tun?“ Beim Publikum stieß das Gespräch insgesamt auf wohlwollendes Interesse – und Pfarrer Schießlers humorvolle Anekdoten sorgten für viele Lacher.

Laut Knoblauch will der Verein mit dem „Vorspiel“ nicht nur die Filmbranche darstellen, sondern den Film als Anlass nehmen. Ziel sei es, sich individuell mit dem Begriff „Heimat“ auseinanderzusetzen: „Eine lebendige Heimat erreiche ich nur, wenn ich mich beteilige. Heute gibt es viel Egoismus, der um sich greift.“

+++

Lesen Sie auch:

Der Corona-Ticker – Aktuelle Entwicklungen zu Covid-19 in der Region, Bayern und der Welt

+++

Schulen, Volkshochschulen und Vereine sollen sich angesprochen fühlen, ein Rahmenprogramm zu gestalten mit Kunstausstellungen, Workshops, Lesungen und vielem mehr. „Wir müssen vermeiden, dass der Heimatbegriff missbraucht wird.“ Und mit Blick auf die Geschichte Bayerns: „Das Fremde hat uns irgendwann einmal weitergebracht“. Heimat erlebe man dort, wo man sich einbringe.

Das „Trio Tonale“ begleitete den Frühschoppen musikalisch.

„Glaube“ sei ein „identitätsstiftendes Moment“ und ein wichtiger Aspekt für „Heimat“, so Kurator Joachim Kurz: „Glaube gibt Identität, Halt und Normen.“ Das habe er bei der Filmauswahl berücksichtigt. So geht es in „Corpus delicti“ um einen Sträfling, der eine spirituelle Wandlung erfährt, sich für den Glauben begeistert, und nach der Haft sich als Pfarrer verkleidet und tätig wird - obwohl ihm das natürlich verboten ist. Aus Begeisterung. Wie man denn heute „andere Leute noch stärker für den Glauben begeistern“ und „alte Strukturen aufbrechen“ könne, wollte Moderatorin Kern-Harasymiw von Pfarrer Schießler wissen.

Grundsätzlich will dieser Kirche und Glauben differenziert betrachten.

Schon erste Ideen an Knoblauch herangetragen

Es sei wichtig, Glauben als Heimat anzubieten, die Menschen aber selbst entscheiden zu lassen, ob er ihn annehme: „Ob ein Kind mich als Heimat erlebt, dafür schaffe ich Voraussetzung. Das Kind entscheidet aber selbst, ob es wiederkommt.“

Für Bürgermeister Kölbl gehören Glaube, Kirche und Heimat zusammen, heute noch pflegt er Freundschaften aus seiner Zeit in der der katholischen Jugend. Er selbst versuche, in einer Stadt mit 90 Nationen Offenheit vorzuleben. „Ob Glaube hier Heimat vermittelt, kann ich nicht beantworten. Ist ein Gottesdienst in einer Moschee in Wasserburg ‚Heimat‘ – oder eine Erinnerung daran?“

Heimat im Glauben entdecken

Ob man im Wirtshaus denn mehr Tiefe im gläubigen Gespräch erfahre, als in der Kirche und ob man das nicht mehr initiieren solle, so eine andere Frage an Pfarrer Schießler. Dieser entgegnete, Jesus sei „gegen jede Art von Religion als ein fix verordnetes System“ gewesen.

Für ihn hat Glaube in seiner tiefsten Bedeutung vor allem mit Freiheit zu tun: „Sich ihm zuzuwenden, aber auch ,nein‘ zu sagen“. Doch für ihn heißt es auch: „Die letzte Definition von Heimat werde ich nur im Glauben entdecken können.“

Günther Knoblauch zeigte sich abschließend recht zufrieden mit der Veranstaltung - einige der Gäste seien schon auf ihn zugekommen mit Ideen zum zukünftigen Rahmenprogramm zur „Biennale Bavaria 2021“.

Infos über das neue Festival:

Im April 2021 startet mit der Biennale Bavaria International ein Filmfestival, das sich an sechs Standorten in vier Landkreisen des Begriffs „Heimat“ annimmt. Die sechs oberbayerischen Kommunen Altötting, Burghausen, Haag i. OB, Mühldorf a. Inn, Trostberg und Wasserburg am Inn präsentieren sich damit erstmals gemeinsam mit einer besonderen Veranstaltungsreihe – mit Filmen im und abseits des Mainstreams und einem interdisziplinären Rahmenprogramm. Kuratiert werden Vorspiel und Festival von dem international tätigen Filmwissenschaftler und Festivalexperten Joachim Kurz. Weitere Infos unter www.biennale-bavaria.de.

Kommentare