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Preiswürdiges P-Seminar in Wasserburg: Sütterlin war für die Gymnasiasten der Schlüssel in die NS-Vergangenheit

Geschichte will Clara Wohlschläger (Mitte) nicht studieren. „Das ist mir zu viel zum Lernen“, lacht sie bei der Preisübergabe durch Bürgermeister Michael Kölbl (2. von links), der gemeinsam mit Direktor a.D. Peter Rink (links), Museumsleiterin Sonja Fehler und Stadtarchivar Matthias Haupt die Jury des städtischen Geschichts- und heimatkundlichen Wettbewerbs 2018/19 bildete.
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Geschichte will Clara Wohlschläger (Mitte) nicht studieren. „Das ist mir zu viel zum Lernen“, lacht sie bei der Preisübergabe durch Bürgermeister Michael Kölbl (2. von links), der gemeinsam mit Direktor a.D. Peter Rink (links), Museumsleiterin Sonja Fehler und Stadtarchivar Matthias Haupt die Jury des städtischen Geschichts- und heimatkundlichen Wettbewerbs 2018/19 bildete.
  • Andrea Klemm
    VonAndrea Klemm
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In der NS-Zeit schrieben Kinder und Jugendliche in Sütterlin, heute verwenden sie einfallsreiche Abkürzungen und #Hashtags – vor allem wenn sie untereinander kommunizieren. Wenn Jugendliche der Moderne in das Alltagsleben der Gleichaltrigen in der NS-Zeit eintauchen wollen und dafür Quellen studieren, scheitern sie zunächst vermutlich an der Handschrift. So erging es auch Clara Wohlschläger und ihren Mitstreitern, die nun für ihr P-Seminar wieder einen Preis bekamen. Diesmal von der Stadt Wasserburg.

Wasserburg – Gemeinsam mit Moritz Mayerhofer, Eva Erb, Sophia Glasl, Jessica Oertl, Marie Oppitz und Alida Engelhardt hat die Abiturientin Clara Wohlschläger im Fach Geschichte zwei Jahre lang geforscht zum Thema „Wasserburg zwischen 1933 und 1938“ und eine Ausstellung auf die Beine gestellt, die im Januar stattfand. Im Rahmen des städtischen Geschichts- und heimatkundlichen Wettbewerbs 2018/2019 wurden die jungen Erwachsenen ausgezeichnet.

Im Bürgermeister-Zimmer von Michael Kölbl nahm die 17-jährige Clara den Preis, der auf 200 Euro dotiert ist, stellvertretend für die Forschungsgruppe entgegen.

Preisgeld geht an Björn-Schulz-Stiftung

Das Geld wird an die Björn-Schulz-Stiftung gespendet – wie schon zuvor das Preisgeld, das der Landkreis Rosenheim ausgelobt hatte. So unterstützen die frisch gebackenen Abiturienten eine Stiftung, die Familien begleitet, die ein Kind mit einer lebensverkürzenden Krankheit haben.

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Mit Clara freute sich auch der kürzlich in den Ruhestand verabschiedete Direktor Peter Rink. Nicht nur, weil er die Schüler bei dem P-Seminar begleitete, auch, weil er als Vorsitzender des Heimatvereins höchst erfreut ist, wenn Geschichte vor Ort erforscht wird. Er saß gemeinsam mit Bürgermeister Kölbl, Stadtarchivar Matthias Haupt und Museumsleiterin Sonja Fehler in der Jury.

Die Ausstellung verdient den ersten Preis

„Schnell waren wir uns einig, dass diese Gruppenarbeit und das Ergebnis – die Ausstellung – den ersten Preis verdient“, sagte Kölbl.

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Zwar hätten einige Module noch etwas differenzierter ausgearbeitet werden können, aber „im Großen war es eine tolle Leistung“. Vor allem haben die Gymnasiasten mit ihrer Ausstellung eine breite Öffentlichkeit – und vor allem junge Menschen – erreicht.

Stadtarchivar beherrscht Sütterlin fließend

Dass in der Erforschung der Thematik, der Organisation und Umsetzung der Ausstellung eine Heidenarbeit steckt, das haben die Schüler über zwei Jahre hinweg intensiv erlebt.

Zum Glück hatten sie Stadtarchivar Matthias Haupt an ihrer Seite. Der kann nicht nur Sütterlin fließend.

Nazis verbieten 1941 diese urdeutsche Handschrift

Eine Handschrift, so korrekt, wie die preußische Armee. Spitzbögen, Rundbögen, Schwung und Strenge zugleich. Um Kindern das Schreiben zu erleichtern, revolutionierte Ludwig Sütterlin 1915 die Form der Buchstaben. Das NS-Regime verbot sie kurioserweise 1941.

Im Roten Turm war Zentrale der HJ

Wer sich mit der NSdAP, der Hitlerjugend, dem Schulsystem, der Propaganda und der 800-Jahr-Feier der Stadt Wasserburg im Jahr 1938 beschäftigt, muss sich mit dieser alten Handschrift auseinandersetzen. Das wurde geübt und die Quellen, die im Stadtarchiv vorliegen studiert, analysiert und bewertet. „Wenn man zum ersten Mal vor so einer Quelle sitzt, ist man zunächst ratlos“, weiß Peter Rink, der selbst Geschichtslehrer ist. Doch seine Schützlinge konnten sich schnell einarbeiten.

Jugend von heute darf sich frei entfalten

Clara berichtet, wie interessant es war, anhand der Bildquellen beispielsweise zu erfahren, dass die Hitler-Jugend im Roten Turm damals ihre Zentrale hatte. „Oder wie groß der Gegensatz zwischen der Ideologie, die man den Jugendlichen damals aufdrückte“ und der Freiheit, in der die jungen Menschen von heute, aufwachsen dürfen, für sie war.

Englische Fräulein waren nicht Ideologie-konform

Wie erlebten die Menschen den Alltag in Wasserburg in Zeiten des Unrechtsregimes? Wie erging es der Klosterschule, während sie „beseitigt“ wurde? Was war los, als die Mädchenschule schleunigst die drei fehlenden Hitlerbilder für die Klassenzimmer zu beschaffen hatte? Wie wirkte sich der Eingriff der Nazis auf den Lehrplan aus? Was war bei der 800-Jahr-Feier geboten, die gleichzeitig mit einem NSdAP-Kreistag mit Märschen und Brimborium stattfand?

Museumsleiterin: Schüler bringen Quellen zum Sprechen

„Die Schüler haben hier Bahnbrechendes geleistet“, konstatierte Rink, der den Reiz an der Erforschung von bisher Unerforschtem herausstellte.

Matthias Haupt war begeistert von der Zusammenarbeit mit den Schülern, die sich über zwei Jahre erstreckte und „aufbauend“ geführt wurde. Für Quellenforschung braucht man gutes Sitzfleisch und Zeit; im Lehrplan ist dafür wenig Spielraum. Sonja Fehler vom Museum lobte, wie die jungen Leute, die Quellen zum Sprechen gebracht und sie reflektiert auf eine Ausstellungsebene gehoben haben.

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Das Verbot ist kurios. Denn Sütterlin galt als etwas Urdeutsches. Der Grund war konstruiert – und antisemitisch. Martin Bormann, Kanzleichef der NSdAP, bezog sich – in Anspielung auf die im 15. Jahrhundert entstandene Schwabacher Schrift – auf die „Schwabacher Judenlettern“.

Kein harmloses Zielschießen:Hier übt die Hitler-Jugend Wasserburg. Die militärische Ausbildung war fester Bestandteil des Lehrplans der HJ – um die Buben auf ein Leben als Frontsoldat vorzubereiten. Das Foto stammt aus dem Jahr 1940 und wurde vom P-Seminar als Bildquelle genutzt und analysiert. „Natürlich übte das Schießen mit scharfen Waffen eine Faszination auf Jugendliche aus. Die jungen Männer lernten von Kindesbeinen an den effektiven und routinierten Umgang mit Feuerwaffen“, haben die Gymnasiasten in ihrer Quellenstudie festgehalten. Stadtarchiv

Die Juden, so lautete die von Bormann verbreitete Propaganda, hätten die Druckereien beherrscht und diese Buchstaben geprägt. Was nicht stimmte. Tatsächlich war im 15. Jahrhundert der Besitz von Druckereien in Deutschland allein Christen vorbehalten. Dass die Nationalsozialisten die Fraktur und Sütterlin abschafften und mit lateinischen Buchstaben ersetzten, hatte vermutlich nur einen Grund: Die Menschen in den während des Krieges besetzten Gebieten, in denen die deutschen Schriften nicht bekannt waren, sollten die Anweisungen der Nationalsozialisten lesen können.

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