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Keine Infrastruktur vorhanden

Pioniere im Vereinswesen: TSV Isen veranstaltet Jahreshauptversammlung und Neuwahlen digital

Wähler und Gewählte auf einem Screenshot: Lutz Seeger (obere Reihe, links) freute sich ebenso über das Abstimmungsergebnis wie Pamela Rückert-Stegemann (rechts), Bruno Hatteyer (dritte Reihe, rechts) oder Olaf Textor (untere Reihe, Mitte). Florian Geiger (dritte Reihe, links) ist froh, dass alles geklappt hat.
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Wähler und Gewählte auf einem Screenshot: Lutz Seeger (obere Reihe, links) freute sich ebenso über das Abstimmungsergebnis wie Pamela Rückert-Stegemann (rechts), Bruno Hatteyer (dritte Reihe, rechts) oder Olaf Textor (untere Reihe, Mitte). Florian Geiger (dritte Reihe, links) ist froh, dass alles geklappt hat.

Online-Versammlungen haben schon viele Sportvereine durchgezogen. Aber mit Neuwahlen? Der TSV Isen wagte sich an diese Pioniertat. Die Bestätigung des Vorsitzenden Lutz Seeger war ebenfalls filmreif: 96 Prozent stimmten für ihn.

Von Dieter Priglmeir

Isen – Wahltag beim TSV Isen, und kurz darf sich Florian Geiger fühlen wie ARD-Statistik-Experte Jörg Schönenborn: Ein Balkendiagramm nach dem anderen lässt der Geschäftsstellenleiter des Vereins aufploppen. Die Grafiken sind vielleicht nicht ganz so bunt, aber was würden Politiker für diese Zahlen geben: ausschließlich Ergebnisse jenseits der 90-Prozent-Marke, keine einzige Gegenstimme, nur ein paar Enthaltungen.

Willkommen zur Digi-Wahl

Klar, solche Werte sind bei Vereinswahlen durchaus üblich. Ungewöhnlich ist allerdings der Weg dahin, denn die Abstimmung läuft online ab. So ist das im digitalen Zeitalter: Willkommen zur Digi-Wahl.

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Blenden wir vier Wochen zurück, als der TSV-Vorstand beschlossen hat, die Jahreshauptversammlung nicht wie 2020 noch einmal ausfallen zu lassen. Online soll sie stattfinden; via Zoomkonferenz. Seitdem ist Geiger mit der Vorbereitung beschäftigt. Vier Wochen Vorlauf sei auch bei einer Präsenzveranstaltung üblich, sagt er, „aber diesmal war die Arbeit eben anders, viel aufwändiger“.

Keine Unterstützung vom Landesverband

Online-Jahreshauptversammlungen haben schon andere Sportvereine durchgezogen. Aber mit Wahlen? Da wird der TSV Isen zum Pionier. Dafür gebe es keine Infrastruktur, auf die man zurückgreifen könne, sagt Geiger. Bis auf eine Auflistung von möglichen Anbietern komme vom BLSV nichts, „weder eine Empfehlung, geschweige denn, dass er eine Lizenz gekauft hätte“.

Also googelt Geiger selbst. Er gibt zu. „Ich habe schon geflucht, bis ich ein geeignetes Basistool gefunden habe.“ Das ist gratis, „aber wenn du ernsthaft was machen willst, dann kostet das natürlich“. Der TSV kauft sich eine Monatslizenz, die die Abstimmung von bis zu 700 Mitgliedern ermöglicht. Die Zoom-Lizenz ist für 100 ausgelegt, hätte aber noch während der Sitzung beliebig erhöht werden können, erklärt Geiger.

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Insgesamt hat der Verein knapp 1500 Mitglieder. Rund 60 davon besorgen sich in den kommenden Wochen die beiden Zugangslinks für die Konferenz und für die Abstimmung. Alles läuft nach Plan – bis zum Tag der Versammlung. Zwei Stunden vor Beginn wird Geiger nervös. Bei einer Probeabstimmung kommen nur drei Leute durch. „Da kriegst du dann schon Lampenfieber“, sagt der 42-Jährige. Aber egal, jetzt muss er da durch. Um 19.30 Uhr soll es losgehen.

Anfängerfehler: Mikro ist aus

Seitenwechsel: Auch die Presse hat den Link für die Konferenz erhalten. Mit der Erfahrung von täglich zwei Onlinekonferenz fahre ich fünf Minuten vor Beginn den Rechner hoch – um zu bemerken, dass auf dem Dienstlaptop nur „Teams“, aber nicht „Zoom“ geladen ist. Also schnell den Privatrechner aufgeklappt, 19.30 Uhr, Punktlandung. Kurze Begrüßung – die keiner hört. Mikro aus: Anfängerfehler!

Beim zweiten Versuch klappt’s. Ich bin drin, 2 Vertreter des TSV Wartenberg ebenfalls. Im September haben sie ihre Generalversammlung. Der Rest sind TSV-Mitglieder. Auch im Klement-Saal, wo die Veranstaltung üblicherweise stattfindet, seien es „selten sehr viel mehr, selten viel weniger“ gewesen, stellt Lutz Seeger fest.

Erfolgreiches Krisenmanagement

Er ist der Vorsitzende des Vereins und dankbar für die Technik: „Vor 15 Jahren hätten wir bei einer Pandemie nur dem Nachbarn vom Fenster aus zurufen können.“ Jetzt könne man wenigstens so kommunizieren. Der TSV-Chef blickt auf das Krisenmanagement des Vereins zurück: „Wir haben unser Hygienekonzept konsequent umgesetzt und frühzeitig die Aktivitäten verboten. Als Sport wieder erlaubt war, haben wir mit großem Aufwand dafür gesorgt, den Betrieb wieder zu öffnen.“

Schmunzelnd erinnert sich Seeger an sanfte Beschwerden der Tischtennisspieler. Durch das permanente Lüften sei die Flugbahn der Zelluloidkugel nicht immer so leicht zu berechnen gewesen. Die einen bei der Vordertür rein, die anderen hinten raus – es war ein ständiges Kommen und Gehen in der Turnhalle.

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Während Seeger dies erzählt, bitten einige Spätankömmlinge um Einlass in die Online-Veranstaltung. Das ist im Chat mitzulesen. Schriftführerin Monika Staudinger, die durchs Programm führt, macht Seeger darauf aufmerksam. Er ist der „Host“, der sogleich die digitale Tür öffnet.

Nur wenige Mitglieder verloren

Praktisch auch, dass er während seines Rechenschaftsberichts die Mikrofone der anderen Teilnehmer stumm schaltet. So gibt es keine störenden Hintergrundgeräusche, als Seeger noch ein paar Infos weitergibt: „Wir haben nur ganz wenige Mitglieder verloren mit der Begründung, dass sie keinen Sport machen können. Umzüge sind ja wieder etwas anderes.“

Auch die Sponsoren habe der Verein halten können – mit Ausnahme der Flughafen München GmbH. „Aber das ist nachvollziehbar. Für sie ist es jetzt wichtiger, dass sie ihre Mitarbeiter weiter bezahlen kann.“ Erfreulich seien die doppelten Zuschüsse aus der öffentlichen Hand.

Solide Finanzen

Die Finanzen bezeichnet Seeger als „solide“. Wie berichtet, plant der TSV den Bau einer Beachvolleyballanlage und denkt über einen Kunstrasenplatz sowie die Erweiterung des Freizeitheims nach. „Große Pläne, realisierbare Ziele“ – so umreißt dies der TSV-Chef, und Schatzmeister Olaf Textor liefert mit seinem Kassenbericht die dafür passenden Zahlen.

Was sonst per Beamer an die Wand geworfen wird, sehen die Mitglieder nun auf dem Bildschirm: die wichtigsten Daten für die Berichtsjahre 2019 und 2020. Darin ist zu sehen, welchen finanziellen Aufwand der TSV für seine Sparten betreibt. Allein die Übungsleiter kosten 50 000 (2019) beziehungsweise 35 000 (2020) Euro. Lehrgänge, Jugendarbeit, Verbandsabgaben, Anschaffungen für Sportgeräte – da ist man schnell bei 100 000 Euro.

342.000 Euro auf dem Konto

Aber der Verein wirtschaftet gut und hat am 31. Dezember 2019 rund 295 000 und ein Jahr später sogar 342 000 Euro auf dem Konto. Geld für die erwähnten Investitionen.

Textors Kontoführung wird danach von Karl Bever gelobt, der gemeinsam mit Stephan Alber die Kassenprüfung übernommen hat. Er wünsche sich, seine private Kassenführung sei ähnlich präzise wie die des Schatzmeisters und der Kassen sowie der Bücher der Abteilungen, meint Bever lachend.

„Da gab es keinerlei Lücken oder Sachen, wegen denen wir hätten nachfragen müssen.“ Die von den Revisoren empfohlene Entlastung ist dann auch reine Formsache. Und das in doppelter Hinsicht, denn diese Abstimmung läuft noch nicht via Link und Klick. Schriftführerin Staudinger fragt einfach in die Runde: „Ist jemand gegen die Entlastung?“ Natürlich nicht.

Rechtlich keine Bedenken

Aber jetzt wird’s ernst: Die Vorstandswahlen stehen an. Rechtlich spricht nichts gegen diese Art von Abstimmung. „Ich habe dazu alles gelesen, was der BLSV dazu schreibt. Einen Anwalt haben wir uns aber nicht extra genommen“, sagt Geiger. Kniffligere Dinge wie Satzungsänderungen habe man dagegen auf die nächste Präsenzveranstaltung verschoben.

Geiger wird zum Wahlvorstand bestimmt. Jetzt ist er am Zug. Erstmal aber muss noch was geklärt werden. „Wer kritzelt da auf dem Bildschirm?, fragt er. Tatsächlich sind plötzlich auf dem Bildschirm zwei krumme rote Linien zu sehen. „Das bin ich“, meldet sich eine Stimme. Der Wahl-Link lasse sich nicht aktivieren, meint sie. Ein paar weitere Mitglieder haben ein ähnliches Problem – auch Moderatorin Staudinger. Geiger schickt nochmal den Link per Mail oder Whatsapp.

Der neue Vorstand ist bereit

Dann kann die Wahl beginnen. Für den Vorsitz gibt es außer Seeger keinen Kandidaten – und erst nur 41 Stimmen, wie Geiger sagt. „Ich komme nicht rein“, ist ein paar Mal zu hören. „Am besten Fenster schließen und nochmal probieren“, rät Fußballchef Manfred Grosse.

„47 Stimmen“, jubelt Geiger. „48, 49, 50 – noch jemand? Dann schließe ich jetzt.“ Keine Minute später erscheint das Ergebnis auf dem Bildschirm: 96 Prozent stimmen für Seeger, der Rest enthält sich. Klare Sache, selbst Jörg Schönenborn würde auf eine zweite Hochrechnung verzichten. Das ist auch bei den weiteren Wahlen so (siehe Kasten), die Gegenstimmen bleiben immer bei 0. Einmal ist die Stimmenanzahl ein wenig niedriger.

Anspannung weicht der Erleichterung

„I woaß jetzt ned, ob da grad fünfe zum Bieseln ganga san“, scherzt Geiger. Die Anspannung ist längst der Erleichterung gewichen. Alles klappt prima. Es habe zwar ein paar wenige gegeben, bei denen der Link mal nicht funktioniert habe“, erzählt er danach. Aber bei diesem eindeutigen Ergebnis tue das wohl nichts zur Sache.

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Lutz Seeger (53) bleibt Vorsitzender des TSV Isen. Sein erster Stellvertreter ist ab sofort Bruno Hattayer. Der Schwabe wohnt seit fünf Jahren in Isen und ist mit seiner Familie ebenso lang schon Mitglied im Verein. Der 44-Jährige engagiert sich bereits im Judo und im Fußball. Selbst spielte er unter anderem von der C- bis A-Jugend beim FC Augsburg, später beim TSV Königsbrunn, FC Affing und seinem Heimatverein SV Gablingen. Hattayer löst Sigrid Schneider ab, die zehn Jahre im Vorstand tätig war. Dritter Vorsitzender bleibt Martin Wilke.

18 Jahre alte Schiedsrichter wird Schriftführer

Die Kasse führt weiterhin Olaf Textor. „Bei dem Amt hätte ich eigentlich ein bisschen Wettbewerb erwartet“, scherzte Geschäftsstellenleiter Florian Geiger. Nach drei Jahren als Schriftführerin gab Monika Staudinger ihr Amt ab. Zeitlich sei das Engagement momentan nicht mehr möglich, sagte sie. Sie könne sich aber durchaus vorstellen, irgendwann wieder ein Amt im Verein zu bekleiden.

Ihr Nachfolger ist Paul Seeger. Der 18-jährige Sohn des Vorsitzenden ist Schiedsrichter – „ein sehr guter, er pfeift schon sehr hoch“, wie Abteilungsleiter Manfred Grosse betont. Schriftführer wolle er werden. „um die Organisation des Vereins noch besser kennenzulernen. Ich will mich weiterentwickeln“, sagte der Elektriker, der im dritten Ausbildungsjahr ist.

Frauenvertreterin ansprechbar für jeden

Kassenprüfer bleiben Karl Bever und Stephan Alber. Gleichstellungsbeauftragte des Vereins ist Pamela Rückert-Stegemann. Das Amt heißt derzeit noch „Frauenvertreterin“, die Änderung per Satzungsbeschluss dürfte auf der nächsten Versammlung nur Formsache sein. „Ich bin ansprechbar für jeden“, sagte Rückert-Stegemann.

Ab und zu werden die Ergebnisse im Chat auch kommentiert. Als der 18-jährige Paul Seeger, Sohn des Vorsitzenden, zum neuen Schriftführer gewählt wird, freut sich ein Mitglied: „Damit wurde das Durchschnittsalter im Vorstand halbiert.“

Apropos Alter – „das ist der einzige Wermutstropfen“, räumt Geiger ein. „Wir haben zwar ungefähr genauso viele Anwesende wie sonst. Es ist auch schön, dass da einige Neue dabei sind“, aber viele aus der einen Generation, die sonst immer für den Verein da sind, „die haben leider zum Großteil gefehlt“.

2022 hoffentlich wieder in gewohntem Rahmen

Sie alle würde Geiger gern nächstes Jahr im Klement-Saal wieder sehen. Er sei zwar hochzufrieden, wie gut die Technik funktioniert habe. Aber die Antwort, was er nach der Erfahrung dieser Wahl künftig besser machen wolle, erspart er sich lieber. 2022 soll die Jahreshauptversammlung wieder im gewohnten Rahmen stattfinden: mit Zuhörern, mit Ehrungen für verdiente Mitglieder und vor allem mit den Berichten der Abteilungen, denn im Jahr 2021 gab es ja mangels Sport kaum was zu erzählen.

Selbst die Gratulation der Presse zum Aufstieg in die Kreisklasse wollten die Fußballern nicht so ganz endgültig annehmen. Selbst das ist ja noch in der Schwebe. Da warten wir ja alle noch immer auf die Bestätigung der Hochrechnung des BFV.

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