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Pflege-Mama auf Zeit

Siebenschläfer Ferdi behält gerne den Überblick – wie hier auf der Vorhangstange.

Obing – Verwaiste Rehkitze, untergewichtige Igel, angeschlagene Hasen, behinderte Siebenschläfer, lädierte Vögel oder hungrige Eichhörnchen haben bei Eva Reiter schon Unterschlupf gefunden.

Die 26-jährige Tiernärrin aus Frabertsham (Gemeinde Obing) päppelt schutzbedürftige Wildtiere auf und begleitet sie bis zu ihrer Auswilderung. Seit gut einem Jahr hat sie sich im Verein „Wildtierwaisen Schutz“ nun organisiert, da Aufzucht, Unterbringung und Auswilderung nicht nur extrem zeit-, sondern auch kostenintensiv sind.

Abgekochtes Wasser, Fencheltee, Milchpulver in verschiedenen Sorten, Trinkflaschen und Sauger in unterschiedlichen Größen und Formen, hochkalorische Spezialnahrung – wer die kleine Küche von Eva Reiter betritt, könnte meinen, auf einer Säuglingsstation gelandet zu sein. Der Eindruck täuscht auch nicht, wenngleich hier nicht Menschen-, sondern Wildtierkinder versorgt werden.

Mittendrin die junge Frabertshamerin, die hier voll in ihrem Element ist. Das nötige medizinische Fachwissen hat sich die Juniorchefin der elterlichen Gastwirtschaft nach dem Abitur mit einer Tierheilpraktiker- Ausbildung erworben. Das gute Händchen für Viecherl aller Art war ihr aber quasi schon in die Wiege gelegt. Im landwirtschaftlichen Betrieb der Eltern war ihr der Umgang mit Fell- und Federvieh bereits von klein auf vertraut und schon früh hat sie ihr Herz für Tiere entdeckt. Ebenso früh hat sie erfahren, dass Aufzucht und Pflege viel Freude bereiten, aber auch mit viel Arbeit und Hingabe verbunden sind. Ihre Findlinge haben häufig nicht nur einfache Verletzungen oder Untergewicht, sondern auch jede Menge Parasiten, die erst einmal entfernt werden müssen. Zudem sei für jedes Tier ein Aufnahmebogen zu führen, der den Genesungsprozess dokumentiert, erzählt sie. „Vor allem in den ersten Tagen brauchen die Tierbabys die für sie so wichtige Biestmilch, die Ernährung mit Ersatzpräparaten kann durchaus problematisch sein“, erzählt die Gastwirtstochter.

Eva Reiter hat schon so manches Flaschenkind großgezogen. Fütterungen im Zwei-Stunden-Takt – auch nachts – sind da keine Seltenheit. Inklusive Bauchweh, Darmproblemen und Laktoseunverträglichkeit der kleinen Patienten. Für die 26-Jährige kein Problem. Sie investiert viel Zeit und Liebe in die Betreuung ihrer Schützlinge, die ohne sie kaum eine Überlebenschance hätten. Mit hungrigen Eichhörnchen, die ein Jäger zu ihr gebracht hat, hat vor einigen Jahren alles angefangen. Mit Begleitung des Eichhörnchen Schutzvereins habe die Aufzucht dann auch prima geklappt, so die Tierfreundin. Das habe sich schnell herumgesprochen und in der Folge sei sie zu einer beliebten Anlaufstelle für verwaiste und schutzbedürftige Wildtiere geworden. „Neben der Versorgung dürfen natürlich auch die Streicheleinheiten nicht fehlen“, erzählt Eva Reiter. Und die genießen die acht Igel, 13 Siebenschläfer und zwei Rehkitze, die aktuell bei ihr Unterschlupf gefunden haben.

Da ein passender Raum für das Kleingetier fehlt, wurde kurzerhand das Wohnzimmer in eine Art Tierstation umfunktioniert und mit Käfigen und Volieren ausgestattet. Tibet-Spaniel-Mischlingsdame Lea sieht ihre Mitbewohner nach anfänglichen Eifersüchteleien mittlerweile gelassen. Wenn ihr das „Gefiepe“ in der Tier-WG zu viel wird, zieht sie sich in ihr angestammtes Körbchen zurück. Den beiden etwa neun Monate alten Rehkindern Maxi und Mucki kommt sie ohnehin nicht ins Gehege. „Die sollen sich erst gar nicht an Hunde gewöhnen und ihre natürliche Angst vor wildernden Vierbeinern beibehalten“, stellt Eva Reiter klar. Quasi zum Selbstschutz.

Maxi und Mucki stehen nun kurz vor ihrer Auswilderung und folgen ihrer Pflegemama auf Schritt und Tritt. Rehbock Maxi wurde frisch gesetzt von Kindern gefunden und wog knapp ein Kilo, als ihn ein Jäger zu ihr brachte. Dabei hatte die Gastwirtin da schon alle Hände voll mit Rehkitz Mucki zu tun, die drei Wochen vorher in Obhut genommen wurde. Die Aufzucht der beiden Rehkinder habe sich beinahe zu einem Fulltime-Job ausgewachsen, lacht Eva Reiter rückblickend. Vor allem, weil sich die beiden Rehkitze auch nur von ihr füttern ließen.

An Urlaub oder einen freien Tag sei da nicht zu denken. Mucki sei sehr schwach gewesen, habe eine Woche lang Infusionen gebraucht und nur tröpfchenweise Milch getrunken. Um ihren labilen Zustand besser überwachen zu können, habe das Rehkitz nachts in einem Wäschekorb neben ihrem Bett gelegen. Zwischenzeitlich sind die Mühen vergessen, denn Mucki und Maxi haben sich zu aufgeweckten Reh-Teenies entwickelt, die in einem mit Hackschnitzeln bedeckten Freigehege aufgeweckt umhertollen und demnächst ausgewildert werden. „Das ist der schönste Lohn für die ganze Arbeit“, stellt Eva Reiter fest.

Bei aller Liebe weiß die Reh-Mama natürlich, dass ihre Schützlinge Wildtiere sind und wieder zurück in ihren angestammten Lebensraum müssen, auch wenn der Abschied schon ein wenig schmerze. Auf diesen Moment bereitet dieFrabertshamerin ihre Schützlinge behutsam vor. Das beginnt beim Futter. Es gibt Kräuter, Blätter, Früchte, Knospen, ausgewählte Nüsse und Sämereien und junge Triebe, die Maxi und Mucki später auch in der Wildnis finden werden. Auch Igel und Siebenschläfer werden bei genügend Körpergewicht in den Winterschlaf entlassen. Langfristig wünscht sich Eva Reiter schon in Kindergärten und Schulen mehr Aufklärung über den richtigen Umgang mit Wildtieren und tiernahe Gärten. Um sich besser zu vernetzen und mehr Aufklärungsarbeit leisten zu können, hat sie sich im Verein „Wildtierwaisen Schutz“ organisiert, denn die Aufzucht und Pflege von Wildtieren erfordert viel Fachwissen.

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